Momentaufnahme Januar 2019

Versuch eines Rückblicks in Worten – Januar 2019

Erfüllt mit glänzender Stille, flüsternden Sternennächten und winterblauen Bergweitsichten begann in diesem Jahr der Januar. Kein Streit, kein Hader, keine schlechten Nachrichten. Das Leben darf leicht sein. Ich darf leicht sein und ich darf sowieso glückliche Tage leben – sie sind so rar. Nicht, dass alle anderen Tage zwingend Unglückstage sind, mehr wohl Traurigtage, Grübeltage, Zaudertage, Schwerebeinetage, Hängebäckchentage.

Die Leichtglücklichtage kommen in die rote Lackschachtel. Die anderen Tage werden durchlebt. Mit allem Licht, mit allem Dunkel, mit allem Traurigem, Grübeligem, Zauderigem … alles dreht sich immerzu, weg oder zueinander hin. Nichts schwebt im luftleerem Raum. Alles hat Wurzeln. Sie halten sich mit ihren kleinsten, feinsten Armen. Sie flüstern miteinander. Schneedecke lässt keine Untererdelaute durch. Ungehört auch die Mäuse unter ihr. Grundfrost hält den Lauch im Garten fest. Buntspecht am Meisenknödel verwackelt. Januartage sind auch Spurentage.

Und Ofentage. Jeden Morgen anfeuern. Manche Morgende Schnee schippen. Jeden Tag Holz holen. Wie jeden Tag aufstehen, Kaffee kochen, wach werden, Träumen hinterherschauen, waschen, anziehen, weitermachen, was und wie auch immer noch. Schön, wenn es mit einem Lächelgesicht geschieht. Schön, wenn im Laufe des Tages die Geh- und Sitzbeine zu Tanzbeinen werden.

Spazieren mehr Innen als Außen, viel in den Archiven. Zusammenlegungen, Ordnungen, kein Ende in Sicht. Herauskristallisationen von Bewahrenswertem und Daskannweg. Winter in den Bergen braucht Mut, braucht Zähigkeit, braucht Ausdauer, die hohe Zeit der Gehörnten in den Felswänden. An Verzagtheitstagen fahre ich kein Auto.

Alles fließt – immer. Gedanken, wie Gefühle und Emotionen, wie Blut und Lymphe, wie Wasser vom und unter dem Himmel, in verschiedensten Aggregatzuständen. Ich mäander durch erneute Arbeitslosigkeit – Grübel-, Zaudertage, je länger der graue Himmel blaues Weit bedeckt und der Januar dauert. Ich schenke mir Trostpflästerchen. Und viele Eis- und Wasserfotos, neue Fotomontagen, lese manch gutes Buch, schaue manch guten Film und freue mich über manch nährenden Austausch.

Tag um Tag mit Inhalt füllen, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Zufriedenheit am Abend stellt sich nicht unweigerlich ein. Atmen, lauschen, dem zunehmendem Licht zuschauen, stille Freuden nähren, Zärtlichkeitsblicke entdecken Schönheiten; kleine und große. Im Januar ist Eulenzeit.

Und jetzt kommt der Schnee.

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83 Gedanken zu „Momentaufnahme Januar 2019

  1. Hängebäckchentage – welch zauberhaftes Wort! Es strahlt viel mehr Zärtlichkeit aus, als es wohl innehat. Und ja, arbeitslose Tage füllen ist manchmal schwer, wenn man sie hat. Hat man sie nicht, träumt man davon und kann sich gar nicht vorstellen, dass sie lang werden könnten.

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  2. Liebe Ulli,
    Während ich Deine Winterimpressionen lese, greifen meine kleinen Teutoberge schon wieder nach den Wolken mit ihren Kronenhänden und ziehen sich eine Nebelkapuze über den Kopf. Schnee gab es hier erst zweimal und meine poetische Regenbilder sind schon seit November total vergriffen. Die besinnliche Stimmung hat Weihnachten aufgebraucht wie ein Hungerleider und die Raunächte sind erst einen Monat her und doch erscheint mir diese Zeit so weit weg wie in einer anderen Dimension…
    Nun heißt es zu leben, die Wünsche der Raunächte den Monaten anzuvertrauen.
    Liebe Feengrüße zu Dir ✨

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    • Guten Morgen, liebe Fee, ja, weit weg ist der Zauber der Raunächte, auch für mich, auch wenn noch die Monatskarte im Regal daran erinnert. Frieden heißt sie und jeden Tag spüre ich ihm nach mit der Frage, bin ich friedlich. Nicht immer, leider. Wünsche nähren, ihnen einen Grund geben, ehrliche Antworten, gerader Rücken, weiter geht´s.
      Herzensgrüße an dich in die Teutoberge, die Sonne scheint, der Kaffee wird gerade getrunken, der Ofen wärmt die Stube und ich gehe gleich viiiel Schnee schippen, Ulli

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    • Herzlichen Dank, Ariana. Während ich gestern die Zeilen schrieb, wunderte ich mich selbst wieviel Licht in ihnen steckte. Ich will wieder mehr schreiben, schreiben hilft, wie eben auch die Bilder!
      Liebe Grüße
      Ulli

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  3. Besser kann man die Ruhe und Stimmung im Winter nicht beschreiben. Im Winter lernen wir wieder in uns zu hören und zu ordnen, was aus dem Gleichgewicht kam.
    Sehr schön geschrieben liebe Ulli und mit Deinen Fotos unterlegt!

    Liebe Grüße in einen neuen Tag!
    Babsi

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  4. ein leiser wunderfeiner Text mit vielen Zwischentönen, liebe Ulli. Ein prekäres Gleichgewicht als Normalzustand der Menschenwelt. Da heißt es leise auftreten, achtsam sein, das Vorhandene ordnen, sich auf mögliche Wege besinnen, Und sich bewusst sein der großen Sternenwelten, des wiederkehrenden Lichts.

    Was tut der Erleuchtete vor seiner Erleuchtung? Holzhacken, Ofenheizen, Schneeschippen, Und nach seiner Erleuchtung? Holzhacken, Ofenheizen, Schneeschippen, i(Zen-Weisheit)

    Mögest du gut in den Februar hineinkommen, mit der Ernte des Januar-Schnee-Friedens im Herzen.

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    • 🙂 Ja, liebe Gerda, so ist das mit der Erleuchtung! Und was heißt das genau? Das zu tun was es zu tun gibt, den Hader Hader sein lassen, atmen und weitergehen, das Gesicht derm Licht/der Sonne entgegengestreckt, wie ein Baum sein, meine „Äste“ dem Himmel entegenstrecken, meine Wurzeln tief im Boden versenken, dann können die Lebensstürme kommen. Manchmal gelingt es.So, und jetzt ziehe ich mich mal an, gehe in die Sonne und schippe Schnee, mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
      Hab herzlichen Dank!

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      • Das ist so wahr, ich staune manchmal noch immer wie es zwischen Gerda und mir hin- und herschwingt, es ist schon besonders. Auch wenn es mit anderen, wie mit dir wunderbar schwingt … vielleicht liegt s wirklich auch daran, dass wir am selben Tag Geburtstag haben?! 😉

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  5. Liebe Ulli, du findest so einmalig schöne Worte und Fotos für den Januar – alle Kommentare vor mir schreiben von ihnen. Doch dann lese ich das: „Ich mäander durch erneute Arbeitslosigkeit – Grübel-, Zaudertage, je länger der graue Himmel blaues Weit bedeckt und der Januar dauert. “ – und es überfällt mich ein Schaudern, denn ich habe lange genug darunter sehr, sehr gelitten und habe es durchleben müssen.
    NIcht, dass du dich nicht beschäftigen kannst – das glaubte ich nie und nimmer – dennoch fehlt etwas, wenn man oder frau nicht mehr in der Gemeinschaft wirken kann.
    Ich wünsche dir von Herzen alles Liebe und alles Gute, auch wenn wir nicht alle Tage froh sein müssen, die Grundstimmung sollte es dennoch sein.
    Ganz liebe Grüße schickt dir Clara

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    • Liebe Clara, ich danke dir von Herzen für dein „Mitgehen“! Ja, die erneute Arbeitslosigkeit ist knirschig, ich weiß noch nicht wie es weitergehen soll und weißt du, ich werde im Mai 63, da müsste ich dich eigentlich Rentenerin sein, aber nein, das hat man ja geändert und nu stehe ich da. Ich werde sehen und nähre derweil die Zuversicht.
      Nochmals herzlichen Dank.
      Liebe Grüße
      Ulli

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    • Ich bin immer ganz glücklich, wenn mich auch einmal wieder die Schreibemuse küsst! Manchmal stolpere ich hier im Blog über solche Momentaufnahmen oder auch Miniaturen, blaue Stunden und dann staune ich ein bisschen, dass ich das geschrieben habe 😉 – so will ich mich wieder ein bisschen mehr diesem Feld in mir zuwenden.
      Ich freue mich sehr über eure Zugewandtheit und Lob, das sind dann immer wieder die kleinen Mutmacher weiter zu schreiben, weiter Bilder zu gestalten, besonders an Hadertagen.
      Hab herzlichen Dank, liebe Marie ❤
      liebe Grüße
      Ulli

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      • Du hast vermutlich einfach alles fließen lassen, hast nicht drüber nachgedacht, ist es gut oder schlecht, was ich da schreibe. Keine eigene Bewertung…. das ist kreatives Schreiben pur. Ja, mach unbedingt weiter. Es gab eine Zeit, da habe ich jeden Morgen drei Seiten geschrieben. Die Morgenseiten. Das war ein intensives Erlebnis. Dein Text hat mich daran erinnert. Sicher kennst du das Buch: „Der Weg des Künstlers“ von Julia Onken, wenn ich mich recht erinnere? Das war ein prägendes Buch für mich. Lang, lang ist’s her.
        Alles Liebe und schlaf gut.
        Marie

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        • Nee, lach, Julia Onken ist eine andere, Julia Cameron heißt die Dame – dieses Programm habe ich im Hrbst 2007 durchgezogen, das war der Durchbruch 😉 und die Morgenseiten habe ich viele Jahre geschrieben und manchmal auch noch jetzt. Es scheint wir kennen zwei Julias 🙂
          Schön!

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  6. Schöne Wort- und Bild-Bilder hast du gefunden für den Gang durch den Alltag, fürs Ordnen auch, liebe Ulli. Mögest du auch im Februar einige „Leichtglücklichtage“ für die rote Lackschachtel ernten!

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            • Sie hat dich jahrelang beschäftigt, deinen Alltag ausgemacht, ich glaub da ist es normal, dass man nachher noch davon träumt – ich habe z.B. noch Jahrzehnte immer wieder von einer WG geträumt, in der ich fast 3 Jahre gelebt habe (wir waren 15 Erwachsene und 2 Kinder) – heute träume ich noch manchmal von Krauties, dem Bioladen in Berlin, in dem ich fast 13 Jahre Kollektivistin gewesen bin – ist nun auch schon 19 Jahre her …

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              • Während meiner Bundeswehrzeit habe ich Perry Rhodan gelesen, hauptsächlich weil es ein Klassenkamerad auch tat.
                Eine Figur darin, ich glaube Atlan, ein Unsterblicher, dachte an eine unglücklich verlaufene Liebe von vor 500 Jahren zurück.
                Obwohl das alles natürlich Kitsch war, war doch ein bemerkenswerter Kern darin: Was werden aus für uns großen Ereignissen, wenn viele, viele Jahre darüber gehen? Das Gehirn, obwohl es 1001 neue Erfahrungen macht, ist immer noch mit etwas Altem beschäftigt.

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                • Stimmt.
                  Ich denke dann allerdings, wenn sie noch mit 70 stark triggern, dass es sich dann entweder um Traumen handelt, die sich tatsächlich kaum wandeln lassen oder eben sehr lange brauchen oder dass diese Menschen nicht wirklich an einer Veränderung interessiert waren. Denn es gibt auch Nutzen, das darf man nicht vergessen. Bei den meisten aber, die ich kenne, handelt es sich um Traumen.

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                • Aber diese Erfahrung nicht geliebt worden zu sein haben ja in unserer Generation einige gemacht und die kann man doch über neue Erfahrungen, dass man eben doch ein liebenswerter Mensch ist, wett machen – es hat zwar (bei mir) gedauert, bis ich es selbst fühlte, aber irgendwann war der Durchbruch da und seitdem wuchs auch die Selbstliebe, die auch gerne noch weiterwachsen darf.
                  Double-bind finde ich sehr viel hinderlicher, weil um einiges subtiler, mir hilft nachfragen.

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                • Aus meiner Erfahrung mit Mitmenschen ist es so, daß das Ungeliebtsein, in welcher Form nun auch immer, viele Menschen nachhaltig prägt. Auch neue Erfahrungen helfen dem „inneren Kind“ nur bedingt.
                  Viele Menschen rackern sich ab, um das Überich zur Ruhe zu bringen, den Vater, die Mutter, die nie zufrieden war.

                  Daß es Dir geglückt ist, zu wachsen, ist schön, zeigt, daß es durchaus Möglichkeiten gibt 🙂
                  Ohne Hinschauen auf die Nöte des inneren Kinds und das Arbeiten mit ihnen halte ich es für schwer möglich.

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                • Ich stimme dir zu – das innere Kind braucht eine eigene Stimme und ein erwachsenes Ohr, das ihm zuhört, genau das eben, was es in seiner Kindheit selten bis nie hatte. Erwachsen werden beinhaltet für mich auch das.
                  Ich arbeite ja immer mal wieder mit Jugendlichen, den berührsten Satz, den ich in diesem Zusammenhang von einem Jungen hörte, er war 14 Jahre alt, als es darum ging was er sich gerne aus der Kindheit bewahren möchte war: Mein Glücklichsein.
                  Ich hatte Pippi in den Augen – vor mir saß ein rundum geliebtes Kind!

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  7. In wunderschöne Worte, in ausgesprochene poetische Gedanken hast Du Deinen Januarrückblick gepackt, liebe Ulli.
    Oh ja, alles in Bewegung, alles fließt, vieles wiederholt sich und jeder Tag will gelebt sein und wie gut gelingt es Dir.
    Du erkennst die Wunder, das Schöne, sowie das Traurige, das Trübe und befreist Dich daraus. Voller Kraft steckst Du und ich bewundere es sehr.
    Herzliche Morgenghrüße von der windigen und wieder mal trüben Bergstraße von Bruni

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    • Vieles ist nicht ganz so leichtfüßig wie es vielleicht tönt, liebe Bruni … vielleicht schenke ich mir ja durch die Worte eine Relativierung von Schwere und Hader?!
      Aber ich freue mich sehr, dass du, wie viele andere eben auch diese Momentaufnahme mögen, dass sie zu dir/euch spricht, mehr geht nicht 🙂
      Herzlichen Dank und liebe Grüße, heute vom stürmischen Berg mit heftigen Schneeverwehungen (bin vorhin stecken geblieben – mei, war das ne Ächzerei!),
      Ulli

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    • Ich habe mir eine Schneeschippe im nahen Dor ausgeliehen, die vor der Türe stand, auf mein Klingel hat niemand reagiert, da dachte ich mir, die borg ich mir aus und hab sie nach der Aktion brav wieder an Ort und Stelle gestellt und war einfach nur dankbar. Es war dann immer noch haarig, hat aber alles geklappt, ansonsten hätte ich wohl einen Landwirt mobilisieren müssen, sowas mache ich nur ungern! Erst schaue ich immer was ich selbst für Möglichkeiten habe, allerdings lagen die Nerven zeitweise etwas blank …

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  8. puuuh, das stelle ich mir jetzt ziemlich schwer vor, liebe Ulli. Hast Du dann auch noch Zeitungen unterlegen müssen?
    An sowas erinnere ich mich noch…

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    • Den Trick kenne ich gar nicht, den merke ich mir und lege ab sofort eine dicke Tageszeitung ins Auto, hätte ich nämlich auch nicht gehabt! Scheint mir eine wirklich gute Idee zusein. Herzlichen Dank!
      Ja, das war schwer und ich bin seitdem auch etwas angeschlagen. Sowas is nix für mich und mein zartes Nervenkostüm – ich pendel dann zwischen wütend (das gibt wenigstens einen Kraftschub) und heulen wollen (geht gar nicht, das muss ich dann meine Frau stehen) … seufz …

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