Etüde zwei im November 2018

Auf dem Bild kannst du die Wörter sehen, die es dieses Mal gilt in einen Text einzubauen. Zugegeben, dieses Mal purzelt der Text nicht einfach so aus mir heraus, ich hänge an dem Begriff „sündig“ fest, dann hänge ich eben die Miniatur daran auf!

Danke an Christiane für die Einladung und die wunderbare Gestaltung des Etüdenbildes, sowie an Yvonne für die Wortspende.



Miniatur 011 2018 – in drei Phasen

1.

Sündig ward das Weib geboren – erbsündig.

Was für ein Schmarrn!

Auch Gedanken werden gepflanzt. In Köpfe hinein. Wenn Spreu und Weizen voneinander getrennt sind, kann man sie verrücken. Die Gedanken – wie Stühle in der Stube.

Vor dem Fenster verstreut sich der Raureif auf Blüten und Blätter.

2.

Sündenböcke – woher, wieso, warum sind Böcke sündig? Weil Böcke per se mies sind? Geil, sabbernd, zeugend, stinkend, bockend, mö-öh-öh?*

Und der Teufel,

der hat Hörner

und die trägt er auf dem Kopf –

Und Mackie Messer hat ein Messer

doch das Messer sieht man nicht.

Zeilen verrücken, Gedanken verrücken, Stühle rücken. Schwarzes Schaf, braunes Schaf, Bocksfuß. Der Raureif nimmt den gefallenen Blättern das Rascheln.

3.

Absichtlich und mit Freude oder gar mit Lust gedachte sündige Gedanken, so hat einst der Priester gesagt, sind Todsünden.

T O D Sünden – da hilft keine Beichte. Unverzeihbar. Unvergebbar. Es helfen keine eine Millionen Ave-Marias und kein Rutschen mit nackten Knien auf mit Raureif bezogener Erde. Hölle, Hölle, Fegefeuer. Aus. Bumms. Ende. Schmoren muss das sündige Menschenkind.

Im Himmel verrücken Petrus, Thor und Zeus ihre Stühle. Es blitzt, es donnert, es grollt.

194 Wörter


Im Netz fand ich Folgendes zu Bock und Teufel:

Wenn nun gleichwohl der Bock, das üppigste und unzüchtigste Thier, vorzugsweise in die Teufelsgestalt übergeht und der Teufel der Unzucht als einer der vornehmsten gilt, so ist damit doch nicht eine gesunde Vermehrung der Leiber, wie beim Vieh, sondern nur ein Mord der Seele durch das Laster des Leibes gemeint. Der Teufel bedient sich nur der im Menschen selbst liegenden groben Sinnentriebe, um seine Seele zu verderben. Schon die heilige Schrift nennt ihn „das Thier“. Das Thierische im Menschen wurde in dieser Beziehung von den Alten hauptsächlich in den bocksfüssigen Satyrn personificirt. Piper, christl. Myth. I. 404f., hat daher nicht Unrecht, wenn er die Bocksgestalt des christlichen Teufels auf jene alte Satyrgestalt zurückführt. Eben so oft wie die Form des Bocks kommt die des Schweins vor für das Teuflische, was in der Sinnlichkeit liegt. – Die Lust am Tode dagegen, die innerste Wonne des Teufels, wird personificirt in dem aasliebenden Raben, dem Galgenvogel.

Quelle: https://de.wikisource.org/wiki/Christliche_Symbolik/Teufel


Seit September im Kino zu sehen:

Will, muss ich sehen!

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36 Gedanken zu „Etüde zwei im November 2018

  1. Ich habe das mit der Erbsünde nie verstanden und bin sehr froh, dass es mir in der Kindheit nicht als WAHRHEIT (unverbrüchlich) eingeprügelt wurde.
    Darauf aufbauend ist es für mich relativ leicht, den Rest als Gedankenspiele zu begreifen, geschaffen, um die Menschen in Abhängigkeit zu halten oder sie zumindest zu ermahnen, ihre Instinkte zu unterdrücken. Nicht mein Ding, so gar nicht, aber viele scheinen Regeln zu brauchen.
    Danke für deine Überlegungen, danke für die Links. Kann mir nicht vorstellen, dass der Film noch läuft, oder?
    Liebe Grüße
    Christiane

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    • Liebe Christiane, ich bin froh für jeden Menschen, der mit diesem Schmarrn nicht als Kind konfrontiert wurde. Wie ich selbst erfahren musste, wirken diese Glaubenssätze länger und subtiler nach als ich es mir hätte denken können. Schon früh habe ich den lieben Gott auf die Probe gestellt (verbunden mit dem was uns die Priester und Nonnen erzählt haben), er hat jedes Mal verloren, so kam es, dass ich der Kirche schon früh den Rücken zukehrt habe, aber was war mit dem Bild der sündigen Frau? Es war ja gesellschaftlich verankert und ist es auch zum Teil heute noch. Da brauchte es mehr Umdrehungen, als meine recht unschuldigen Spiele mit dem lieben Gott. Man muss das Ganze auch unter dem Banner des Patriarchats betrachten, es war ein prima Mittel, um die Frauen zu unterdrücken und klein zu halten und alles nahm mit Eva seinen Anfang. Eva ist es ja (angeblich) gewesen, die den Apfel aß und dann Adam verführte … heute wissen wir, dass es auch ganz andere Mythologien gibt, auch solche bei denen beide gleichzeitig den Apfel nahmen und aßen (andere Länder, andere Sichtweisen). Ein weites Feld!
      Wegen dem Film habe ich mal hier geschaut (Freiburg und Umgebung), konnte ihn aber nicht finden, so werde ich ihn mir wohl als DVD bestellen, die aber erst ab März lieferbar ist.
      Herzliche Grüße,
      Ulli

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  2. Bewundernswert, dass du diese Wortvorlagen angenommen hast, und diese Herausforderung, den lebensfeindlichen Horror zu verbalisieren, der so viel Leid verursacht hat und damit noch immer fortfährt, denn auf den vorübergehenden Raureif der Aufklärung in verschiedenen historischen ferner oder näherliegenden Epochen folgte trotz des Zurückdrängens religiöser Motivationen doch immer Verfolgung anderer Sündenböcke bis hin zum Krieg, wurde der Bedarf nach solchen nur nach politisch links oder rechts verrückt.

    Gefällt 6 Personen

    • Ich glaube auch, dass noch immer vieles von dem, was man uns im Religions- und später im Kommunionsunterricht beigebracht hat, nachwirkt. So viele subtile Wege findet das Gedrohe und die Behauptungen über Sünde, Hölle und Fegefeuer in eine Kinderseele. Als Jugendliche und Erwachsene hat man dann echt zu tun.
      Sündenböcke scheint die Menschheit zu brauchen (?), hier ist es die sündige und verderbte Frau, dort die linke „Zecke“, dort die Juden, dort die Islamisten etc., der Mechanismus ist immer derselbe, ich muss nicht vor der eigenen Haustüre kehren, denn Schuld ist ja immer jemand anderes. Apropos Schuld, die ist die nächste Falle, es wird nicht von Eigenverantwortung gesprochen (oder sage ich lieber selten und wurde?!).
      Ich wünsche dir einen schönen Tag,
      herzliche Grüße
      Ulli

      Gefällt 3 Personen

  3. Sehr passend die Form, die du für dies leidige Thema gewählt hast. Da kann man nur stammeln! Übrigens ist der Sündenbock eine kluge Erfindung der Hebräer: es handelt sich um ein jährlich wiederkehrendes Ritual. Die Menschen laden ihre Sünden auf einen Bock und jagen den in die Wüste. Da mag er zugrunde gehen. Sie selbst aber bleiben sündenfrei zurück. Mir imponiert, wie hier einer Projektion im Ritual direkte Wirkung verliehen wird. Wir kennen Ähnliches ja auch aus anderen Ritualen: wir schreiben zB schlimme Erinnerungen auf ein Papier und verbrennen es rituell, blasen die Asche fort in der Hoffnung, nun auch der Erinnerungen ledig zu sein.

    Für den Hinweis auf den 3-Groschen-Film danke ich, ich hatte noch nichts davon gehört. Hoffentlich kommt er bald in die hiesigen Kinos.

    Gefällt 3 Personen

    • Danke Gerda, dass du den Ursprung des Sündenbocks hier erklärst, ich habe nichts gefunden oder habe zu kurz recherchiert?! In meinen Augen machen solcherlei Rituale nur Sinn, wenn dem voraus eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln gegangen ist, wenn man die „unguten“ Handlungen erkannt hat und nicht mehr wiederholen will und es auch bestmöglichst nicht mehr tut. Ansonsten ist es wie mit der Beichte, man beichtet die eigenen Fehlhaltungen, betet danach ein paar Ave Marias oder anderes, ist für den Moment „gereinigt“ und dann geht es gerade so weiter. Soll also heißen, es nutzt alles nüscht, wenn mit all dem kein Bewusstseinsprozess einhergeht.

      Ich konnte den Film in den hiesigen Kinos leider auch nicht mehr finden, da wird es wohl ab März die DVD geben. Ich habe übrigens dabei auch an dich gedacht, ich wusste ja, dass auch du Fan der Dreigroschenoper bist.
      Habs gut heute, herzlichst, Ulli

      Gefällt 2 Personen

      • Du hast natürlich recht, dass solche Rituale lere Form bleiben, wenn keine Einsicht voraus gegangen ist – und insofern hinkt der Vergleich mit den therapeutischen Ritualen. Ich wollte das Projektive der Sündenbockvorstellung betonen, das ja bis heute gut funktioniert: schmeiß deine Sünden auf andere, schick diese in die Wüste, und du bist auf der guten Seite.

        Gefällt 2 Personen

  4. Wieder ein anderer Formansatz für eine Etüde. Interessant! Was das perverse Universum mit der Erbsünde und den Sünden im allgemeinen und einem dazu gehörigen angeblich „lieben“ Gott betrifft, so verkneife ich mir jede weitere Bemerkung.

    Gefällt 4 Personen

    • Liebe Myriade, das Universum ist nicht pervers 😉 – es sind die Menschen, die herrschen, die andere unterdrücken wollen und somit sehr erfindungsreich waren und sind. Ich las ja gestern deine Etüde zum Thema und dachte, dass auch du den Groll gegen all den Schmarrn hegst, den Religionsunterricht etc. verbreitet haben und verbreiten.
      Herzliche Grüße an dich, Ulli

      Gefällt 3 Personen

    • Liebe Priska, ich finde es schon wichtig Verhalten anzuschauen, aber unter ethischen Gesichtspunkten, unter Einbeziehung der Abwägung. Nehmen wir z.B. das Gebot: „du sollst nicht töten“, will ich auch nicht, aaaber, wenn irgendein durchgeknallter Mensch meine Familie bedrohen würde, weiß ich nicht wozu ich fähig wäre- ja, dann spricht man zwar von Notwehr, aber u.U. habe ich dann eben doch getötet. Unter einem Gebot verstehe ich etwas anderes als unter einem Verbot oder unter einer Richtlinie, da gilt es immer genau zu schauen. Aber dieses Gedrohe der Christen Mit der Hölle und dem Fegefeuer diente nur einem, die Menschen klein zu halten, insbesondere die Frauen, denn sündig war ihr Leib, verdorben ihr Sinn, von Eva … klar, oder 😉
      Nun danke ich dir für deins. Ich wünsche dir einen schönen und gemütlichen Novembersamstag, hier scheint gerade, nach einer durchregneten Nacht, wieder die Sonne.
      Herzliche Grüße
      Ulli

      Gefällt 2 Personen

        • Stimmt und am anderen Ende locken die 40 Jungfrauen … und wo es dann keinen Gott und keinen Himmel und keine Hölle gibt, droht das Karma, wer will schon als Latrinenwurm wiederkommen 😉

          Gefällt 1 Person

          • das Karma ist doch wohl keine Drohung, vergleichbar den nach-todlichen Freuden und Leiden der Eingott-Religionen? Die Karma-Lehre macht, denke ich, darauf aufmerksam, dass Handlungen Folgen haben. Und das ist eine Lehre, die die meisten leider nicht beherzigen.

            Gefällt 1 Person

            • Das wird unterschiedlich gehandhabt, an sich heißt ja Karma nichts anderes als Ursache und Wirkung, aber es gibt eben auch alte Schriften in denen es dann heißt, wenn du im Leben zu viel geschwatzt hast, dann kommst du als Ente wieder oder eben als Latrinenwurm, wenn du immer wieder gelogen hast oder … allerdings ignoriere ich so ein Zeugs, wer will denn schon wissen als was ich wiederkomme?!

              Gefällt 1 Person

              • Wie ich dir schon mal schrieb, liebe Ulli, glaube ich, dass wir immer schon als Mensch gelebt haben und als Mensch wiederkommen. Bei der Lehre von der Reinkarnation geht es um Entwicklung des Bewusstseins im Hier und Jetzt, nicht um Angst vor Bestrafung, die bei der hierarchischen Einstufung der Lebewesen ja eine Rolle spielt: du fällst vom hohen Thron des Menschen „hinab“ zum Latrinenwurm oder zur Ente. Genauso wie ich nicht glaube, dass wir uns aus dem Latrinenwurm zur Menschheit „hochgearbeitet“ haben. Die Ente und der Wurm haben nicht mehr und nicht weniger Wert als der Mensch, sie sind aber anders ins Leben gestellt, und es würde gar nichts zur Entwicklung beitragen, wenn wir als Ente oder Wurm wiederverkörpert würden. Drum halte ich es für Blödsinn.

                Gefällt 2 Personen

                • Ich halte die Geschichte mit der Ente und dem Latrinenwurm etc. zwar auch für Blödsinn, aber ich kann einfach auch nicht behaupten, dass wir immer schon als Mensch gelebt haben und es immer weiter tun werden, so, wie ich auch nicht 100%ig sagen kann, dass ich überhaupt wiederkommen werde. Zugegeben, die Lehre der Reinkarnation der Seelen hat vieles was für sie spricht, aber wer weiß es schon so ganz genau?!

                  Gefällt 1 Person

              • P.S. Gestern sah ich den Film Zimt & Koriander (auf DVD), was für ein Herzensfilm, ich glaub den schaue ich mir heute oder morgen noch einmal an! Du hattest ihn ja im Zusammenhang mit Konstantinopel erwähnt, ich kannte ihn nicht, gestern dann fragte ich meine Nachbarin, ob sie nicht einen Film für mich hätte und was brachte sie … ja genau 🙂

                Gefällt 1 Person

              • was wissen wir denn überhaupt „so ganz genau“? Ich fürchte, das ist verdammt wenig. Mir reicht, was ich in der Hinsicht gedacht, gelesen und erlebt habe, um eine Überzeugung zu bilden, die mir hilft, mich im Leben grob zu orientieren. Hab einen schönen Tag! Gerda

                Gefällt 2 Personen

  5. Ich habe noch nie verstanden, daß man einem Kindchen, gerade erst geboren, eine Erbsünde anhängen will. Nur weil es ein Mensch ist, soll es mit dem Erbe der menschlichen Sünde befleckt sein? Nein, nein, und nimmermehr.
    Was soll eine Beichte ändern an einer begangenen Sünde? Wenn die Beichte nur als Gespräch gedacht wäre, könnte ich es noch verstehen. Aber dieses Sündenvergeben mit was weiß ich wievielen Ave Marias? Nicht vorstellbar für mich.
    Und was ist dann, wenn ein Mord gebeichtet wird? Ist er dann weniger schlimm? Nun schützt den Mörder immer noch das Beichtgeheimnis des Priesters…

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  6. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 49.50.18 | Wortspende von Elke H. Speidel | Irgendwas ist immer

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