1000 Tode

Es ist schon eine Weile her, dass der Frohmann-Verlag für sein Projekt „1000 Tode“ Texte gesammelt hat. 1000 Texte von 1000 verschiedenen Menschen wie sie mit dem Tod und der Trauer umgegangen sind, respektive umgehen, wie ihre Sicht auf Tod und Trauer ist. Ich habe gestaunt wieviele Blogger*innen, denen ich folge und sie mir, dort zu finden sind. Mein Text erschien unter der Nummer 225, auf Nachfrage stelle ich ihn nun hier ein.

225

Hatte sie eigentlich damals getrauert? Diese Frage war in diesem Jahr schon einmal aufgetaucht. Sie hatte in ihrem Auto bei prasselndem Regen vor einem Bahnhof gesessen, der Zug ihrer Freundin kam eine Stunde später. Viel Zeit. Es stellte sich ihr die Frage plötzlich, unerwartet, ohne Vorgeschichte.

Die Erinnerung ist ein Standbild ohne Ton.

Das Telefon hatte geklingelt, ihr Neffe rief sie an: „Die Omma ist tot.“ Die Omma war ihre Mutter. Ab da wurde es still. Sie weiß, dass er ihr noch das Wie und Wann erzählt hatte, dass sie ihm Fragen gestellt und seine beantwortet hatte, an all das erinnert sie sich, nur ohne Ton. Danach hatte sie auf der Treppe gesessen, hatte über das Hochtal geschaut, über die Alpen bis in den Himmel und zurück. Tagelang. Es kann nicht stimmen, es fühlt sich nur so an. Eingefroren, Stille, bis am Abend das Käuzchen rief. Mutter hatte immer gesagt, wenn sie es hörten:

Jetzt ist jemand gestorben.“

Sie sagte: „Mutter, es ist gut, ruhe in Frieden.“

Zur gleichen Zeit schaute der Neffe inmitten einer Kleinstadt aus seinem Bürozimmer, es stand ein Reh am Rand der Büsche der betriebseigenen Grünanlagen, unverwandt schaute es ihn an.

Machet jut Omma“, hatte er gedacht. Das Reh sprang davon. Er hatte es nur ihr erzählt, weil nur sie ihn nicht auslachen oder für verrückt erklären würde. Sie schwiegen und ahnten, dass es mehr geben müsste, mehr als Leben und Tod. Etwas dazwischen, darüber oder darunter.

Wie ist das für Eine, wenn sie die Mutter nie gespürt, nie unter ihrem Schutz gestanden hat? Wie war das für andere, als ihre Mütter starben? Mutter ist tot. Sieben Jahre schon, und sie weiß nicht, ob sie getrauert hat.

Sie war aufgestanden, hörte wieder den Bach rauschen und die Kirchenglocken ihren Viertelstundentakt schlagen. Sie hatte genickt und war ins Haus gegangen. Es war vorbei. Sie hatte nicht geweint, hatte keinen Schmerz gespürt, es gab nur diese Stille und ihre Worte am Abend

Ruhe in Frieden.“

Das Käuzchen war verstummt.



Ich konnte es nicht lassen und habe zwei, drei geringfügige Korrekturen vorgenommen. Heute würde ich den Text wohl anders schreiben, aber so ist das wohl…



zum Tod des Vaters → https://cafeweltenall.wordpress.com/2016/09/30/miniaturen-vater/

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29 Gedanken zu „1000 Tode

  1. Ein Standbild ohne Ton – das ist ein Satz, der sich festbrennt, ebenso wie die Tatsache des Todes an sich.
    Manchmal trauert man erst später, wenn die Zeit dafür reif ist, zumindest habe ich das schon so erlebt.
    Trauer auf Knopfdruck funktioniert nicht.

    Sehr bewegend, sehr nachdenkenswert.
    Herzlich,
    Anna-Lena

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    • Liebe Anna-Lena, das ist wohl wahr, dass Trauer eine ganz eigene Dynamik hat, sowohl was den Beginn betrifft, aber eben auch das Wie und die Dauer…
      Ich danke dir für dein Mitgehen und -fühlen,
      herzliche Grüße
      Ulli

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  2. Kein Reh, eine Amsel war es bei mir. Trauer hat so viele Gesichter, und manchmal überrascht sie einen, weil man meinte, nicht trauern zu können oder nicht zu müssen. Und plötzlich krampft sich alles in einem zusammen, die Tränen rinnen und man begreift den Verlust mit jeder Faser seines Körpers. Auch das Wissen darum, dass die Trauer schwächer werden wird, eine Erfahrung durch die Jahre eines langen Lebens, spendet keinen Trost.
    Liebe Grüße,
    Elvira

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    • Liebe Elvira, ich glaube auch, dass es keinen Trost gibt, nur ein Mitdemsein und wann immer die Trauer wiederkommt sie zuzulassen. Ich habe ja sehr lange um den Tod meiner Vaters und meiner Großmutter getrauert und manchmal erwischt es mich noch immer. Die Trauer um meine Mutter ist vollkommen anders, einerseits gibt es einen tiefen Frieden, andererseits gibt es noch immer Sonntage, an denen ich denke, dass ich sie nun nicht mehr anrufen muss… Trauer ist wohl auch immer davon abhängig davon, wie nah einem der Mensch gewesen ist, der nun nicht mehr da ist.
      Herzliche Grüße,
      Ulli

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  3. Liebe Ulli Es gab eine Zeit, da hielt ich mich für eine Expertin in Sachen Trauer. War laut Ausbildung sogar Sterbe- und Trauerbegleiterin. Aber das alles nützt nichts, wenn man selber trauert. Jede Trauer verläuft anders. Die Geschichte mit dem Reh und dem Käuzchen berührt mich sehr. Da hatte ich ganz ähnliche Erfahrungen und die haben sehr geholfen. Es gilt eben, die Sinne zu öffnen und bereit zu sein, die Zeichen zu erkennen. Du gibst mir wie immer Denkstoff. Danke dafür, Marie

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    • Liebe Marie, ich glaube, dass dies auch die Motivation von Frau Frohmann gewesen ist: 1000 Texte, 1000 verschiedene Wege, Gedanken und Gefühle und doch ist es immer Trauer – ich habe mir schon öfters überlegt den Weg der Sterbe- und Trauerbegleiterin zu gehen, habe aber auch immer wieder davon abgesehen, vielleicht weil mir u.a. eine Freundin darüber erzählte, ihr wurde so viel Pauschales vermittelt und ich finde, dass es genau hier nichts Pauschales gibt! Aber vielleicht bin ich auch einfach nur zu befangen…
      Arbeitest du noch als Begleiterin?
      Herzliche Grüße
      Ulli

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    • Danke Ela und Willkommen in meinem Café – ja, diese Momente bleiben und auf eine Art auch die Trauer, was nicht heißt, die Freude am Leben ebenfalls zu leben!
      Herzlichst
      Ulli

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        • Und ja, das stimmt auch, es hat mich manchmal schon aus den Socken gehauen – aber mittlerweile ist doch Vieles einfacher geworden, die Trigger sind nicht mehr SO intensiv – gerade überlege ich, ob es daran liegt, dass meine eigene Sterblichkeit näher rückt?!
          Herzliche Grüße
          Ulli

          Gefällt 1 Person

  4. ja, ein ganz wunderbarer text, liebe ulli.

    (… mit dem überarbeiten von texten geht es mir auch oft so 😉 aber ich glaube, es ist normal, dass man zum gegenwärtigen zeitpunkt anders schreiben würde, weil man selbst ja nicht stehen bleibt und erfahrungen aufsammelt. es juckt mich auch oft in den fingern, aber ich versuche dann doch, ältere texte so stehen zu lassen, wie sie sind. weil sie zu dem zeitpunkt, da sie geschrieben wurden, eben so stimmig waren.)

    einen herzlichen gruß an dich!
    diana

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  5. Es war ein guter Text, liebe Ulli, einer, der Dir zu einem Zeitpunkt aus der Feder floß, als Du es genau so empfunden hast und nicht anders.
    Du schreibst so *schön*
    *Sie schwiegen und ahnten, dass es mehr geben müsste, mehr als Leben und Tod. Etwas dazwischen, darüber oder darunter.*
    Oh ja, so vieles liegt dazwischen, darüber und darunter, mehr als wir ahnen und bei Elivira las ich *Die Trauer hat viele Gesichter* und ich nicke heftig mit dem Kopf, denn genau so kennne ich sie auch, die Trauer, und ja, wie auch Anna-Lena sagt, auf Knopfdruck ist sie nicht einzuschalten.

    Ich habe getrauert, als der Blick meiner Mutter nur noch leer war und als sie nach einem Jahr der Abwesenheit starb, war da keine Trauer in mir, ich war wie leer. Doch später bemerkte ich, daß ich ein ganzes Jahr nicht darüber gesprochen habe und ich begann, darüber nachzudenken und eigentlich tue ich es heute immer noch, nach etwas mehr als zehn Jahren …

    Ein guter Text, liebe Ulli! Einer, der über die Trauer in ihrer Vielfätigkeit nachdenken läßt

    Gefällt 2 Personen

  6. Ein schöner, berührender, ergreifender Text. Ich kann es spüren, wie Du da auf der Treppe saßest. Verlust und Trauer sind Themen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Wir kommen daran gar nicht vorbei. Bei mir sind es erst die Großeltern, um die ich trauern musste und immer noch manchmal muss. Acht Jahre ist es her, fast auf den Tag genau. Gerade die letzte Zeit habe ich solch eine Sehnsucht nach ihnen. Wenigstens ihrer Ruhestätte nah zu sein. Das ist aber 200 km weit entfernt und nicht möglich. Ich möchte innig hoffen, dass die Trauer um die nächste Generation noch lange auf sich warten lassen wird.
    Ich grüße Dich sehr herzlich und danke Dir nochmals für den berührenden Text!
    Agnes

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    • Liebe Agnes, ich habe keine Grabstätte (mehr), die ich aufsuchen könnte, sodass ich manchmal im Wald etwas hinterlasse und mich dabei mit den Ahnen verbinde, mir tut das gut. Wo immer alle die Verstorbenen nun sind, sie sind alle noch immer in meinem Herzen und nicht nur bei mir, so leben sie auf eigene Weise in uns weiter.
      Hab Dank für deins,
      herzliche Grüße
      Ulli

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  7. Ich las die beiden Texte zum Tod deiner Mutter und zum Tod deines Vaters nacheinander – beide sehr schön, sehr wahr im Gefühl, und doch so verschieden wie die Trauer, die den beiden Menschen galt und gilt. Trauern, wirklich trauern, abgrundtief und schmerzhaft und reinigend, kann man wohl nur, wo man wirklich geliebt hat – tief und unverbrüchlich und „auf ewig“. War die Liebe stumpf und stockig, bleibt es auch die Trauer. Und man entsorgt bei erster Gelegenheit dieses lästige Gefühl und sagt: „es ist gut, ruhe in Frieden“. Die andere aber, die tiefe ganz und gar von Liebe durchtränkte Trauer, die behält man, die will man nicht hergeben, denn sie fühlt sich an wie der „lebengebende Quell“.
    Ich glaube, wir alle kennen dies, so oder so. Herzliche Grüße dir. Gerda

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Gerda, du hast geschrieben: War die Liebe stumpf und stockig, bleibt es auch die Trauer.
      Das bewegt mich jetzt sehr, ich fühle mich gesehen und verstanden, puh…
      Ein ganz großes Danke dafür, ich hatte so lange ein sehr schlechtes Gewissen, was sich auch jetzt wieder meldete (wenn auch nicht mehr sehr und auch nicht mehr groß), als ich diesen Text noch einmal las und hier einstellte, hintendran orgelte es immer ein bisschen noch: als ob ich all das nicht dürfte und doch war es, wie es war und das Gewissen war eben nur das Gewissen, genährt aus meiner Sozialisation! Noch erstaunlicher fand ich, dass es mich nicht mehr triggerte. Bei tikerscherk schrieb ich heute, dass zwar meine Löschtaste geklemmt hat, aber die Umschreibung funktioniert hat.
      herzliche Grüße und nochmals Dank
      Ulli

      Gefällt 1 Person

  8. Liebe Ulli,
    danke für diesen bewegenden Bericht. Ja, der Tod ist wirklich ein Standbild, bei mir in Form eines Bildes meiner Mutter und meines Vaters auf der Couch, es steht im Schlafzimmer auf meiner Kommode und ich befrage meine Mama oft nach ihrer Meinung und diskutiere mit ihr. Es gibt kein Ton zurück, nur meine innere Stimme.
    Liebe Grüße von Susanne

    Gefällt 2 Personen

    • Guten Morgen, liebe Susanne, ich danke dir für deins.
      Die innere Stimme, so überlge ich gerade, ist ja auch von vielen anderen „gespeist“, du hattest eine sehr enge Beziehung zu deiner Mutter und ich kann mir vorstellen, dass ein Teil von dir auch weiß was sie antworten würde?!
      herzliche Grüße
      Ulli

      Gefällt 1 Person

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