Kartoffelernte und Wichtelleuchten

Das Zimmer färbt sich rosa. Ich steige auf den Stuhl und schaue aus dem Dachfenster in die Weite. Ja, die Sonne geht gerade unter, irgendwo im Westen, dort wo der Berg dazwischen ist und etwas weiter der Atlantik seine Wellen an die Strände von Sand und Felsen wirft. Drei Pferde stehen auf der Ostseite auf der Weide, der Wald ist die Grenze. Noch sind die Schwalben hier. Sie kreisen eine spätabendliche Runde über die Weite gen Süden. Es riecht nach Feuer. Gestern auch. Gestern ernteten wir die Kartoffeln, die Enkelkinder und ich. Wir haben sie auch zusammen gesetzt! Aber wieviel spannender doch so eine Ernte ist … boah Oma guck mal, ist diiie groooß! Stimmt, so viele dicke Kartoffeln und so viele mit lustigen Formen. Die Sonne stieg hoch, wir schwitzten und machten unter dem Hollerbusch eine Pause, es gab Apfelsaft mit Kranewasser und für mich einen Tee, eine Zigarette. Der Enkelsohn hatte seinen Traktor mitgebracht, mit Hänger, klar … wir luden die erste Fuhre auf und er, ganz der Bauer (Oma, ich werde Bauer – große Glanzaugen) fuhr sie vom Garten den langen Schotterweg vor die Treppe. Dann füllten wir noch zwei kleine Eimer, die die beiden tragen konnten und ich schleppte den großen Korb hinunter. Was aus fünfzehn kleinen Kartoffeln geworden ist, kann ich selbst kaum fassen. Sooo viiiele Kartoffeln und so viele dicke, ich muss wirklich eine dumme Bäuerin sein und lache. Jetzt geht es ans versorgen, damit sie noch lange halten. Eine Ladung wird für den Abend in einen Topf gefüllt. Mittagsschlaf für den stolzen, kleinen Bauern. Die Große und ich sitzen auf der Terrasse, sie möchte schreiben, sagt Worte wie Stern, wie Mama, Papa, Oma, Opa und Namen. Ich zeige ihr die Buchstaben, manche kennt sie schon, weil sie die von ihrem Namen kennt, sie macht das wunderbar. Nur das S ist und bleibt eine Schlange. Am Nachmittag kommt die Frau Mama mit Quark und Salat und Tomaten. Die Kartoffeln kommen aufs Feuer, der Quark wird angerührt, klar mit frischen Kräutern aus dem Garten, dann der Salat. Es kommt J. mit ihren drei Kindern und plötzlich ist hier richtig viel Leben. A., die nette Nachbarin, hat zwei Riesenzucchinis in der Hälfte durchgeschnitten und höhlt diese nun mit den Kindern aus, es gibt lustige Wichtelgesichter, am Abend beleuchten sie den Tisch.Wie wunderbar das alles ist, wie ich das genieße! Und dann sitzen sieben Erwachsene und vier Kinder, ein Baby auf Mamas Schulter um den großen Tisch, das Feuer lodert wieder auf, alle essen, trinken und haben Spaß. Die Sonne ist untergegangen, müde und glückliche Kinder halten nach den ersten Sternen Ausschau. Und dann bye, bye, bis bald. Drei Große bleiben übrig, noch ein Bier und dann auch gute Nacht, slaap goed…

46 Gedanken zu „Kartoffelernte und Wichtelleuchten

  1. Eine wunderbare Erzählung, liebe Ulli und der Beweis, dass die besten Dinge des Lebens nichts kosten und das Herz erfüllen. Danke dafür und für die Bilder, den restlichen Spaß habe ich als kleinen Film in meinem Kopf gesehen! Hab ein wunderbares Wochenende 🙂

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  2. diese blaue Weite, diese goldene Fülle, dieser Eifer der Kinder, dies leicht flackernde Zusammensitzen in der Nacht. Ein solcher Tag füllt zehn leere glatt aus. Am besten gefiel mir, dass aus fünfzehn kleinen Kartoffeln so viele mächtige, verschrobene Damen geworden sind (Ich wollte erst Kerle schreiben, aber Kartoffeln sind feminin und nun lache ich mit den knolligen Damen. Wobei mir das riesige Netz mit Kartoffeln einfällt, den ich von einem Zigeunerauto gekauft habe. So viele verrückte Figuren in einem Pack!).

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    • … und wie wunderbar diese Kartoffeln schmecken! Ich hatte noch im alten Keller „Lindas“ aus dem Wendland (eine alte Sorte von einem Biobauern), als ich umgezogen bin und die werde ich jetzt vermehren, sprich die Kleinen lasse ich fürs nächste Jahr keimen und nächstes Jahr werde ich noch zwei Reihen mehr setzen! Hier spinnen nämlich die Hersteller, Kartoffeln werden zur Luxusware, da will ich nicht mehr mitspielen!
      Lächelnde Grüße sende ich dir
      Ulli

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  3. Idyllisch, liebe Ulli. Als Stadtmensch kommt mir eine Erdäpfelernte ziemlich besonders vor. Hast du einen großen Garten ? Die Zucchiniwichtel haben es mir besonders angetan. Da habe ich doch auch so eine Riesenzucchini im Kühlschrank, hmmm ……

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    • Liebe Myriade, nein, sooo groß ist er nicht, ich habe zwei große Kräuterbeete und dann noch ein Stück auf der sieben Reihen a 3 Setzkartoffeln gedeihen können, plus der gegenüber liegenden Seite. Da ich ja erst in diesem Jahr hier eingezogen bin, habe ich noch nicht sooo viel angebut, aber ich freue mich jetzt schon auf die kommende Saison. Meine Nachbarin, die mir diese Stücke abgetreten hat, hat einen richtig großen Garten und wir wollen noch mehr zusammen machen…
      liebe Grüße
      Ulli

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        • ich komme ja erst nach und nach hier an und wirklich … ich freue mich schon jetzt aufs nächste Jahr, nun werde ich mein „Feld roden“ und für den Herbst/Winter vorbereiten, damit im Nächsten Jahr noch viel mehr geerntet werden kann!

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    • sie waren wirklich begeistert, liebe Marie und wollen im nächsten Jahr wieder mit mir die Kartoffeln setzen und ernten! Das sind Erfahrungen, die kann ihnen niemand mehr nehmen und vielleicht tragen sie ja noch andere Früchte. Leben wir doch den Kindern etwas anderes als Smartphones und PCs vor…
      widdewiddewitt, wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt 😉
      herzlichste Grüße
      Ulli

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      • Jetzt muss ich doch noch eine Erinnerung loswerden. Ich habe mir nämlich als Kind mein erstes Geld bei der Kartoffel-Nachlese verdient. Den ganzen Tag in den Furchen, um die Kartoffeln aufzulesen, die die Frauen in der Eile, ihre Säcke zu füllen, liegengelassen hatten. Sie wurden nämlich nach Säcken bezahlt: Akkordarbeit. Auch wir bekamen Geld nach Menge. am Ende des Tages konnte man einen Sack voll haben – und war um 5 Mark reicher. (Ich brauchte das Geld, um mir ein Fahrrad zu kaufen, und danach eine Geige – meine Insignien der Freiheit). Diese Arbeit war immerhin besser als die in der Konservenfabrik, Erbsen eindosen. man bekam als Kind 50 Pf die Stunde, die Frauen bekamen 1.25.
        Panos heuerte als Student einmal beim Rübenbauern in Schleswig Holstein an, weil er dachte, das wäre doch mal was anderes als bei Bayer-Leverkusen zu schuften. Frische Luft und so. Leider blieb er hinter den anderen geübteren Rübenhackern seiner Reihe zurück und gab auf schon am zweiten Tag auf.
        Hier arbeiten meistens „illegale“ Ausländer auf den Äckern, Früher waren es die Zigeuner, aber die sind den Erzeugern jetzt wohl nicht mehr fleißig und billig genug. Die „Illegalen“ kann man zur Not auch verhaften lassen, bevor man sie bezahlt. ..

        Schön ist die Erntearbeit, wenn man sie ohne Zeitdruck und in froher Gemeinschaft tun kann. nd wenn man das Geerntete zubereiten und genießen darf. Auch solche Erinnerungen habe ich, aus Zeiten, als ich nicht mehr aus Not arbeitete, und ich pflege sie wie seltene Glücksmomente. Mögen deine Enkelkinder immer nur in Freude ernten. Liebe Grüße. Gerda

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  4. Eine wundervolle Ernteidylle, liebe Ulli
    Da könnte frau ganz neidisch werden *lächel*
    Meine Freundin baute mitten im riesigen Rosengarten Kartoffeln an und wundervoll schmeckten sie.
    Leider verstarb sie im Januar vor einem Jahr und ihr Mann baut keine mehr an… SIE fehlt zu sehr.
    Die Zucchinilaternchen sind so hübsach anzusehen. Aus Zucchinis kannte ich noch keine bisher, nur aus
    Zuckerrüben und Kürbissen, die ja auch schon reif sind.

    Herzliche Grüße von Bruni

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    • Liebe Bruni, Reduktion ist auf der einen Seite ein Thema und ein Zauberwort – Reduktion heißt für mich eben auch mich auf das Wesentliche zu besinnen, wie Kartoffeln setzen, häufeln, manchmal gießen, dann wieder häufeln und vielleicht nochmal gießen und dann eben ernten … ich lerne viel vom und im Garten, wenn ich es über mein eigenes Leben lege – und was aber am meisten zählt ist die FREUDE
      Herzensgrüße an dich
      Ulli

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