zur Freiheit

-Du bist noch ziemlich jung, weißt du. Dies mit den Wegen der Freiheit ist eine Sache, die man ziemlich langsam lernt. Ich verstehe mich eigentlich überhaupt nicht auf das Zeitalter, das dabei ist, deine Schüler zu prägen, ich verstehe mich kaum auf das Zeitalter, das dich geprägt hat. Aber das, welches mich geprägt hat, hatte seine schauderhaften Seiten, und trotzdem war es möglich, auch aus solchen Kindheiten auszubrechen. Du verstehst was ich meine?

Auch du wirst aus der Mausefalle herausfinden, wenn du nur ruhig bleibst, so ruhig, wie du kannst.

-Ich will nicht zu viel sagen, sagte ich, aber soviel ist klar, deine Zeit hatte greifbarere Feinde als meine. Ihr habt euch nicht mit einem Nebel herumgeschlagen, ihr hattet sichtbare Tyrannen, Scheißkaiser, Päpste auf ihren Thronen. Aber wir, wir schlagen uns mit Schemen herum. Ihr hattet die Macht sichtbar auf ihrem Thron, wir haben sie als Schmerz im Hinterkopf, als Spinnwebennetz von Halbwahrheiten rings um uns her.

Lars Gustafsson – Risse in der Mauer

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29 Gedanken zu „zur Freiheit

  1. „aus solchen Kindheiten auszubrechen..“
    Es sollte heißen : „aus solchen Kindheiten loszubrechen“. oder “ mit solchen Kindheiten zu brechen.“

    Das wäre ehrlicher und angemessen.
    Die nahen Personen, mit denen ich gesprochen habe, bestätigen (mir) das.
    🙂

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    • Für mich bleibt die Frage (noch) offen, ob man es wirklich schaffen kann mit der Kindheit und somit mit ihren Prägungen zu brechen.
      „Ausbrechen“ hat von daher für mich eine Stimmigkeit, weil „wir“ in meiner Zeit der Pubertät und darüber hinaus aus vielem ausgebrochen sind und nicht nur mit diesem und jenem gebrochen haben – aber ich kann deinen Gedankengang gut nachvollziehen – danke dafür und herzliche Grüße
      Ulli

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      • Es ist immer schwer, irgendwo auszubrechen.
        Und Brechen bedeutet auch, Menschen, die man liebt zu verletzen.
        Deshalb ist es auch schwer, aus liebevollen Familien auszubrechen, viel schwerer als wenn man hasst. Hass läst vieles egal werden, was die Liebe nicht zulässt.

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        • Ich meine, man kann sich nur dann eigenständig weiterentwickeln, wenn man das Erbe liebend annimmt. Hass bindet die Energie ans Zurückliegende und macht unfrei im Negativen. In der Pubertät gibt es Phasen, wo man glaubt, brechen und ausbrechen zu müssen, um das Eigene, Besondere auszuleben. Erst später lernt man, dass Protest und Opponieren sind wie der Klöppel an der Glocke. Man macht Lärm, wird aber nicht zur Glocke.

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          • Ja, Gerda, aber es ist schwer, das Erbe in der Jugend anzunehmen. Nicht nur in der Pupertät. Wichtig ist es, dass Energien, die daraus entstehen, positiv gebunden werden. Das Vor-Generationen der folgenden Generation Wege zeigen, die gegangen werden können und dass auch andere neue Wege respektiert werden.
            Ich habe oft beobachtet, dass Hass der größte Energiefresser ist, den es gibt. Er bindet Gedanken und hindert den Hassenden am Vorwärtsschreiten. Ich finde es sehr schade, wieviele Menschen den Kontakt zu den Eltern abbrechen. Eltern sind immer anders als man selber, sonst gäbe es keinen Fortschritt.
            LG Susanne

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        • Liebe Susanne, Hass ist mir persönlich ja ziemlich fremd, ich kenne ihn nur in Bezug auf faschistisches Handeln, da geht meine Ablehnung wirklich in diesen sehr negativen emotionalen Bereich.
          Ich schrieb jetzt schon so viel zum Thema, darum hier nur kurz: vielleicht wäre es klüger von Aufbruch statt von Ausbruch zu schreiben … wenn du magst, schau doch einmal was ich gerade an Frau Rebis schrieb…
          sonnige Grüße sende ich dir vom neuen Berg
          Ulli

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    • Der Roman spielt in der Bruchstelle von den neunzehnhundertsechziger zu den neunzehnhundertsiebziger Jahren, dazu in Schweden, vielleicht hätte ich dies noch dazu schreiben sollen. Denn ja, das, was bis vor ein paar Jahren „nur“ Schemen waren, sind heute wieder handfeste Tyrannen und Despoten – wir sagten es ja schon öfter: wir müssen wachsam bleiben!
      Und dann stimme ich dir zu: Life is going on and on and on …
      liebe Silke, ich grüße dich von Herzen
      Ulli

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  2. Die „Schemen“ sind unangreifbar, also macht man aus ihnen reale Personen, die man angreifen kann. Das Aggressionspotential, das sich gern als Freiheitsliebe darstellt, fand und findet einen Weg, sich auszudrücken.
    Übrgens hat sich die Aggression selten gegen die wirklichen Unterdrücker gerichtet (Scheißkaiser, Päpste, Tyrannen), sondern meist gegen leichtere Opfer wie Juden etc….

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        • Gewalt ist ja für mich ein großes Thema, denn Krieg und Gewalt herrschen ja nicht nur im Großen, sondern zeigen sich leider auch immer wieder im Kleinen, in der Zwischenmenschlichkeit und genau hier gilt es sehr ehrlich zu sich selbst zu sein und auch in der Betrachtung von Dynamiken zwischen mir und den anderen…

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  3. Hallo Ulli,
    eine wirklich interessante Collage, wenn ich es richtig sehe, dass der Bildhintergrund aus historischer Zeit stammt. Und dann das moderne Motorrad im Vordergrund! Das erinnert mich dann auf die „Freiheit auf Raedern“, auf die so viele Motorradfahrer schwoeren – ganz besonders die Biker hier. Bis zu einem gewissen Sinne kann ich das ja auch nachvollziehen, von meinem Radeln her: es ist einfach wunderbar, wenn man sich so den (Fahrt)wind um die Nase wehen lassen kann. Wenn doch nur die Biker hier nicht ihre Maschinen so laut machen lassen muessten. Es ist wirklich nicht schoen, wenn so ein Pulk Biker hier vorbeidroehnt. Muss man denn unbedingt einen Ohrenschaden bekommen, wen man daneben steht? Und muss man die – weit draussen in der Natuer – schon meilenweit hoeren? Da lobe ich mir doch mein Rad!
    Soweit meine Assoziationen zu diesem Bild.
    Hab’s fein,
    Pit

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    • Lieber Pit, wie ich gerade schon an Gerda schrieb, ist dies eine Collage, die das Leben selbst machte, nicht ich, ich sah diese Szene und musste sie so festhalten!
      Was du zu den Bikern schreibst, kennen wir hier auch bis zum abwinken, der Schwarzwald lädt zum kurven und dröhnen ein, leider. Erst letztes WE schleuderten mir wieder so ganz Wagemutige halb liegend in der Kurve entgegen, nein, ich mag das nicht, ich hab dann doch Sorgen, dass es mal kracht. Und das Gedröhne und „Männchengetue“ dazu mag ich auch nicht.
      herzliche Grüße über den großen Teich an dich
      Ulli

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    • Liebe Stefanie, wie ich gerade schon an Gerda schrieb, ist dies eine Collage, die das Leben selbst machte, nicht ich, ich sah diese Szene und musste sie so festhalten!
      Hier liegt schon seit Ewigkeiten ein Artikel auf Halde: warum ich Collagen mache und liebe, es wird Zeit den einmal einzutippen und zu veröffentlichen (dachte ich tatsächlich heute Morgen, nachdem ich dieses Bild wiedergefunden habe) 🙂
      liebe Grüße an dich
      Ulli

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      • Ja, gibt so magische Motive, Da stellt das Leben Dir einfach vor die Augen, was der Mensch ansonsten mühselig zusammen stellen müsste… frei Haus-Lieferung. Zur richtigen Zeit warst Du am richtigen Ort…
        Collagen, das ist Wachstum, oder? Ein Bildsame, zu dem sich neue Fetzchen finden, solange bis das Auge die Collage sehen kann und das Herz in der Betrachtung satt werden kann. Manchmal sind meine Gedichte Collagen von Wortbildern, manchmal mal ich sie wie ein Bild und seltener wache ich auf mit einem fertigen Gedicht im Kopf und das ist so wie Deine aus dem besonderen Moment heraus entstandenes Bild. Es ist eine Zeitmaschine. Ist ja auch sogar eine Maschine mit drauf…
        Liebe Grüße zu Dir

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  4. Liebe Ulli,
    ob ich es „ausbrechen“ nennen würde, weiß ich gar nicht. Aus Um- und Zuständen ausbrechen: Ja.
    Aus der eigenen Kindheit? Wie soll das gehen? Die habe ich doch nun mal (gehabt). Ich trage sie in und an mir, ob als Rucksack, ob als Geschenk, vermutlich immer als beides. Kommt es nicht darauf an, das, was mir lange Zeit Rucksack war (und ist), letztlich in ein Geschenk zu verwandeln?
    Ich bin wie ich bin, auch weil ich in diesen Zuständen, Umständen, Umgebungen aufgewachsen bin, in jenem Land, wie es damals eben war. Auch damals bei mir/uns damals war vieles ausbrechenswert (gibt es das Wort überhaupt?). Und doch hat es mich geprägt, ich wäre eine andere, wäre ich etwa auf der anderen Seite der Grenze aufgewachsen, zum Beispiel. Oder nein: nicht eine andere, aber eben mit anderen Beengtheiten, Erfahrungen und Bedürfnissen versehen. Damals. (Ob ich letztlich eine andere gewesen&geworden wäre?)
    Sich auseinandersetzen mit der eigenen Kindheit, darauf kommt es wohl an. In dem Wort höre ich unter anderem das „auseinander“: sich selbst aus unguten, unhinterfragten symbiotischen Bindungen ans eigene innere Ich zu entfernen. Und dann als ein erwachsene(re)s Gegenüber diesem eigenen inneren Kindheits-Ich wieder zu begegnen.
    Ich grüße Dich von Herzen in diesen neuen Tag hinein, möge er hell werden,
    Frau Rebis

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    • Liebe Frau Rebis, so, wie du das Thema angehst, wird es sehr komplex, ich versuche mich mal mit meinen Gedsanken und Erfahrungen dazu so kurz wie möglich zu fassen. Ich glaube auch an Prägungen, aber eben auch an einen Kern in jeder und jedem von uns, der ist, was und wie er ist, der ist es letztlich, der uns reagieren, aufnehmen, ignorieren etc. lässt. Und natürlich wärst du keine andere, wärst du im Westen groß geworden, aber du hättest eben andere Prägungen, genau, das schreibst du ja selbst so!
      Wenn ich an meine Jugend denke, dann kann ich nur sagen, dass ich „ausgebrochen“ bin, aus dem Mief der deutschen Wohnzimmer mit ihren Gummibäumen und all dem Schweigen und all den Lügen und Vertuschungen, dass ich aus der katholischen Kirche ausgebrochen bin, dass ihre Werte nicht meine war, und dieses Ausbrechen kann ich genau so gut Aufbruch in mein eigenes Leben nennen, ein Leben in dem ich nach eigenem Sinn und eigenen Werten gesucht habe, manches dauert noch an, klar, anderes ist längst gefunden. Meine Kindheit aber ist meine Kindheit, da gibt es Geschenke und da gibt es Ressourcen und da gab es Entscheidungen und es gibt das Mädchen in mir, das noch immer neugierig in die Welt hineintanzt.
      Wie gesagt: ein komplexes Thema, aber ich lasse es jetzt erst einmal hier stehen.
      Vielen Dank für deins zum Thema, ich weiß das sehr zu schätzen.
      Herzliche Grüße
      Ulli

      Gefällt 2 Personen

  5. Pingback: Was mir die Collagen sind |

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