1. Mai – eine Erinnerung

Alle hier gezeigten Bilder stammen aus der Broschüre des Berlin Kreuzberger Bildarchivs „Umbruch“

Das Schöne am Umziehen ist nicht nur, dass man neue Felder betritt und gestaltet, sondern auch, dass man nahezu jedes Teil, jedes Buch in die Hand nimmt und so manches, nahezu Vergessenes, wiederfindet: hej, das habe ich ja auch noch! So ging es mir mit der Broschüre meiner Freunde aus dem Bildarchiv „Umbruch“ zum 1. Mai 1987 – 1992.

Gerade hatten wir am Feuer über diesen 1. Mai gesprochen, den 1. Mai 1987, als ich zwei Tage später die Broschüre wiederfand. Wir teilen eine Erinnerung, zwei Menschen, zwei Geschichten, ein Tag.

Gestern las ich einen Artikel bei der Dame von Welt über den 1. Mai 1987, ich kommentierte: dass sie es fast richtig dargestellt hat und dann revidierte ich auch schon wieder, wie soll es hier ein Richtig und ein Falsch geben (wenn man mal von Springerpresse und Konsorten absieht)? Jede und Jeder berichtet aus der eigenen Perspektive und von dem Ort aus, wo er/sie gerade gewesen ist. Nun also meine Erinnerung:

1.Mai 1987

Es war ein herrlich sonnig warmer erster Maifeiertag, wie eigentlich immer in Berlin am 1. Mai, wir waren am frühen Nachmittag auf dem Lausitzer Platz, wurden Teil von einem bunt fröhlichen Straßenfest von Jung und Alt und Menschen aus vielen Ländern, die bunte Mischung Kreuzberg jener Tage eben.

Wir, das waren meine damals noch kleinen Kinder (viereinhalb und siebeneinhalb Jahre alt), zwei Freundinnen aus Westdeutschland (so hieß das damals) und mein damaliger Lebenspartner. Wir hörten von der Durchsuchung des Mehringhofs (ging gar nicht!) und schlossen uns einer spontanen Demo „Dagegen“ an. Weit kamen wir nicht. Rund um den Lausitzer Platz waren „Wannen“ (Mannschaftswagen der Polizei) aufgefahren. Zunächst entdeckten wir sie auf der Skalitzer Straße: dann eben in die andere Richtung, aber auch dort waren sie mittlerweile angekommen, sämtliche Zufahrtsstraßen zum Lausitzer Platz wurden von ihnen blockiert. Wir entschieden uns zu einer Sitzblockade und versperrten somit und wiederum den sogenannten Ordnungshütern den Zugang zum Straßenfest, das immer noch bunt und lebensfroh war, die meisten BesucherInnen hatten überhaupt noch nicht mitbekommen, was sich im Hintergrund zusammenbraute.

Durch die Sitzblockade sah sich die Gegenseite zu einem Rückzug gezwungen. Unvergessen ist der Augenblick, als ein sichtlich nervöser „Wannenfahrer“ rückwärts setzte und dabei ein parkendes Auto nach dem anderen schrammte. Es wurde gejohlt und „Zugabe“ gerufen, noch war es lustig, aber dann ging alles sehr schnell. Von irgendwo kamen Flaschen geflogen (später hieß es, dass es „Zivis“ gewesen wären – denk- und vorstellbar war das) und genau darauf hatte „man“ wohl gewartet? Die Antwort waren Tränengaspatronen von allen Seiten auf ein bunt fröhliches Straßenfest mit Jung und Alt und Menschen aus vielen Ländern.

Das war der Moment, als ich mit meinen Kindern Nachhause rannte. Meine zwei Freundinnen waren schon dort. Ich hielt es nicht lange in der Wohnung aus, ich musste wieder raus, musste sehen, hören, spüren, was dort passierte. Meine Freundinnen blieben bei den Kindern und ich versprach aufzupassen und schon war ich wieder auf der Straße.

Kreuzberg im Ausnahmezustand, der Volkszorn entludt sich und es war wirklich das Volk, nicht nur die sogenannten Autonomen und Linken, ein bunt fröhliches Straßenfest mit Tränengas zu bombadieren ging dann eben doch Vielen zu weit, man wehrte sich und das nicht zu knapp. Schon konnte die U-Bahn (hier Hochbahn) nicht mehr fahren, die Polizei konnte nicht für Nachschub und Verstärkung sorgen, auf den Zufahrtsstraßen zum Kiez brannten Barrikaden. „So nicht“ – „Es reicht“ – „Haut ab“, das war die einhellige Meinung von Jung und Alt und Menschen aus vielen verschiedenen Ländern.

Soweit so gut, dass dann später Läden geplündert wurden und Bolle (eine Berliner Supermarktkette) brannte, steht auf einem anderen Blatt.

Nun tobte der Straßenkrieg und ich kümmerte mich um eine Frau, die nahe einem Nervenzusammenbruch gewesen ist, ließ mir eine Packung Kippen von einer Plünderin schenken, zusammen mit einer Freundin reichten wir Wasser für die Tränen, von überall tönten Trommeln, mir war unheimlich zumute und dann kamen sie eben doch: mit Räumfahrzeugen und noch mehr Tränengas, Zeit Nachhause zu gehen.

Nun gab es viel zu verdauen und zu überdenken.

Wie oben geschrieben: am 1. Mai 1987 gab es einen konkreten Anlass für den Unmut des Volkes, dass es dann aber „Alle Jahre wieder“ hieß, konnte ich nicht teilen und wahrlich nicht nur ich…

Protest und Empörung ist legitim und es gab und gibt genügend was nicht stimmte und nicht stimmt, aber Gewalt und Plünderung von kleinen Läden, willkürlich Autos anzuzünden, nein, das ist nicht meine Welt. Ich schätze bunten und phantasievollen Widerstand, wie es das Büro für ungewöhnliche Maßnahmen ab Juni 1987 so wunderbar initiierte…

Ob heute wieder 15.000 Menschen und mehr unterwegs gewesen sind, um gegen die Missstände in unserem Land und in der Welt zu protestieren und wird der Sound am Abend wieder, wie jedes Jahr in Kreuzberg, Lalülala sein?

Dreißig Jahre ist es her, Kreuzberg hat heute ein anderes Gesicht, die Gentrifizierung schreitet voran, Gründe für Unmut gibt es immer noch genügend, sei es nun brauner Terror, der nicht geringer, sondern größer geworden ist oder die Machenschaften des Kapitals oder eben der Umbau von Kreuzberg … möge es friedlich, bunt und phantasievoll zugehen!

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40 Gedanken zu „1. Mai – eine Erinnerung

  1. ja, liebe Ulli, möge es bunt und friedlich zugehen, bzw. zugegangen sein!
    Bitte nicht anders, denn dann passiert Falsches, was keiner wollte und doch immer wieder geschieht.
    Meine Demoerfahrung in Athen reichte mir … wenns überall brennt und jeder rennt – nie gut …
    Ich hab anläßlich des ersten Maientages ein 10jahre altes Werk aus der vergehenden Zeit gerettet
    http://wortbehagen.de/index.php/gedichte/2017/mai/auf_meinem_wege_nach_innen_2

    Liebe Grüße von mir

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      • Na eben 1987, liebe Gerda, auch hier ist bunt und phantasievoll, gerade am 1.Mai, kaum noch zu finden- leider – in meiner heutigen Zeitreise erinnerte ich mich an so Vieles, vorbei! Heute ist heute und es geht darum andere, neue Formen zu finden und zu leben, auszudrücken…

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      • wir haben schon mal überlegt. Ich glaube, es müßte 1977 oder 1978 gewesen sein.
        Mein Film, den ich mit Bildern davon füllte und unterhalb der Akropolis in den Briefkasten warf, kam nie hier an, aber alle anderen und es waren einige .

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    • Liebe Bruni, ich war gerade bei dir und habe auch dort kommentiert, danke für die Weiterleitung 😉
      Ich kann gar nicht wirklich von Falsch sprechen, zumindest nicht in Bezug auf den 1. Mai 1987, das war eine extrem eigene Situation, mit ihrer eigenen Dynamik- dieser Nachmittag und die darauf folgende Nacht hatten viele, viele Gesichter, auch bunte…
      aber man muss eben auch kapieren, dass manche Gewalt wollen, das war und ist der Punkt, an dem ich mich zurückziehe oder zurückgezogen habe- Gewalt schürt immer die Gegengewalt, wer schürt ist und bleibt die Frage-
      herzliche Erstemaiabendgrüsse
      Ulli

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        • Gewalt macht mir Angst, da wirken Kräfte, die ich nicht einschätzen kann- Menschen geraten ausser Kontrolle…
          gleichzeitig hat Gewalt ja viele Gesichter, ich kann noch nicht einmal in letzter Instanz behaupten, dass ich nicht auch gewalttätig bin, wenn ich auch nicht mit Steinen werfe, aber ich hatte besonders in jungen Jahren manchmal eine ziemliche Wortgewalt, von gedanken ganz zu schweigen- wer kennt nicht die Wut, die Rage?!
          Bekannt ist ja ausserdem, dass besonders junge Männer im Alter von ca.18 bis 25 Jahren ein erhöhtes Gewaltpotential mit sich tragen …
          ich will nicht urteilen und schon gar nicht verurteilen, ich will mich nur nicht mehr der Gewalt aussetzen.

          Gefällt 2 Personen

            • ich frage mich ja oft, ob die Gewalt wirklich so viel mehr geworden ist oder ob es daran liegt, dass es immer mehr Menschen gibt und damit eben auch mehr Gewalt? Prozente könnten dies ausdrücken, so es denn ehrliche Prozente wären-
              aber du hast schon recht der Level der heutigen Zeit behagt mir auch ganz und gar nicht!

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  2. ‚Kreuzberg im Ausnahmezustand‘ – auch wenn es heute nicht mehr unbedingt Kreuzberg ist, sondern ein anderer Bezirk oder einen andere Stadt, so können wir dem kaum noch etwas entgegen setzen. Ich habe lange in meiner Studentenbude in Neukölln gelebt, sozusagen nebenan und kann mich gut in deine Schilderungen hinein versetzen.

    Liebe Maianfangsgrüße,
    Anna-Lena

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    • Da waren wir ja quasi einmal Nachbarinnen 😉
      Wichtig ist mir bei all dem auch zu sagen, es erst gar nicht soweit kommen zu lassen- Unzufriedenheit und Unterdrückung, Nichtgehörtwerden sind ja unter anderem Ursachen für Eskalationen … von nichts kommt nichts, wie es immer so schön heisst-
      herzliche Maiabendgrüsse zurück – die Amsel singt, es hat aufgehört zu regnen
      Ulli

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      • Sozusagen, liebe Ulli 🙂 . Warum hast du nicht mal angerufen :mrgreen: ?

        Ich stimme dir zu, aber das ist ja gerade die Herausforderung, mit der viele unserer Volksvertreter nicht klar kommen oder vor deren Verantwortung sie sich scheuen.

        Liebe Grüße zu dir!

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  3. Danke für Deine Erinnerungen, liebe Ulli.
    Ich sitze gerade in meiner Wohnung direkt am Mariannenplatz. Draußen wummert und trommelt es, hier und da ruft jemand, die Helis wummern immer mal wieder über den Kiez. Es scheint recht friedlich zu sein. Rausgehen werde ich heute nicht. Tölchen muss ausnahmsweise in den Hof pinkeln.

    Schöne Grüße aus SO 36

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  4. Seit 1987 habe ich mich abgewandt – da war ich raus -. Sieht man im TV den schwarzen Block laufen wird sofort klar das haben die militärisch geübt, nicht nur einmal. Für mich sind das von Geheimdiensten gesteuerte Gruppen um Deutschland zu destabilisieren. Mit Demokratie hat das nichts zu tun. Mein Traum einer freien Welt sieht anders aus.

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    • Da habe ich zwar eine andere Sicht auf den sogenannten schwarzen Block, aber mein Traum von einer freien Welt sieht tatsächlich auch anders aus, hier treffen wir uns wieder!

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  5. Liebe Ulli,
    keine drei Kilometer Luftlinie wohnte ich entfernt, aber eine unendlich hohe Mauer war dazwischen. Leider stand diese Mauer auch in unserem Bild, das wir vom Leben auf der anderen Seite hatten. Jedenfalls konnten wir uns immer kaum vorstellen – gleichwohl wir es wussten -, dass es auch bei Euch solche Ungeheuerlichkeiten gab.
    Schau diesen Bericht hier aus unserer damaligen Ostberliner Tageszeitung – den habe ich sicherlich damals auch überflogen:
    http://www.berliner-zeitung.de/berlin/dokument-der-zeitgeschichte-wie-in-der-ddr-ueber-den-1–mai-1987-berichtet-wurde-26754850
    Aber wie gesagt, Westberlin war für uns weiter weg als Moskau. Wir haben ja bei solchen Berichten immer geargwöhnt, dass es sich in weiten Teilen um Propaganda handelt, oder wenigstens dass kleine Schwachstellenmücken auf der „Feindseite“ von unserer Presse zu Elefanten gemacht wurden.
    Später dann, als die Grenze offen war, wurde uns bewusst, dass das Anzünden von Autos mittlerweile zur „guten“ Kreuzberger Tradition geworden war. Jedenfalls erinnere ich mich, wie ich eines schönen Jahres mit einem Freund am 1. Mai irgendwo was trinken gehen wollte, und ich höre noch wie heute, wie er sagt: „Lass uns nach Kreuzberg fahren, brennende Autos angucken.“
    Am 1. Mai 87 selbst saß ich nicht etwa – wie ich dachte – 3 Kilometer entfernt, friedlich fürs Abitur lernend, in unserer Hochhauswohnung, mit Blick auf Kreuzberg. Sondern mein damaliger Kalender erzählt von einer Wochendreise nach Polen. Also gut, war ich doch nicht in der Nähe:)
    Danke, dass auch ich mich nun an diese Zeiten erinnere. Beim Blättern in den alten Kalendern finde ich vieles, das sich zu erzählen lohnt. Ich fühle mich durch Deinen Text inspiriert, sehr! (Allein: die Zeit, die Zeit …)
    Herzlichste vergangenheits- und gegenwartsverbundene Grüße,
    Frau Rebis

    (Wie liest Du denn eigentlich den DDR-Zeitungs-Artikel? Kommt das Dargestellte bei Dir als annähernd „wahr“ an?)

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    • Liebe Frau Rebis, der Artikel entspricht in vielem der Wahrheit, was die Auslöser waren (Durchsunchung des Mehringhofes, sowie das Tränengas aufs friedliche Fest…)
      Autos anzünden ist eine „Tradition“, die ich nie unterstützt habe, noch gut geheissen! Wie im Artikel geschrieben, der 1.Mai 1987 hatte seine Auslöser und der Unmut über den Senat und seine Entscheidungen wurden gross und grösser- auch meine Kinder haben später keine Ausbildungsplätze in Berlin gefunden und haben somit die Stadt verlassen. Ach, du Liebe, da gäbe es jetzt wirklich noch viel zu schreiben, aber ich belasse es einmal hierbei, wir haben uns ja schon ausgetauscht 😉
      herzlichste Grüsse vom Schreibtisch zu dir in den Zug
      Ulli

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      • Irgendwann (nur wann?😉) werde ich auch einmal meine Broschürenkiste aus den 80ern/90ern durchforsten, ich hab damals vieles aufgehoben, weil ich dachte, das wird später spannend sein. Das „später“ ist ja jetzt;-)
        Und nein, wir sahen damals keine brennenden Autos, wollten es auch nicht wirklich. Es war eher ein Dialog, der aus unserer Fassungslosigkeit, vermischt mit Naivität und ungläubiger Neugier geboren war. Neugier nicht auf Gewalt. Sondern auf das Ganze dieses Landes, das wir ja überhaupt nicht verstanden (und doch plötzlich dazugehören sollten).
        Später (? oder war das im gleichen Jahr?) hatten wir dann die Mainzer Straße im Friedrichshain, bei uns um die Ecke, wie sie geräumt wurde, Hubschrauber, Wasserwerfer, Molotowcocktails, … Als hätte man uns zum Verständnis des Ganzen das „Anschauungsmaterial“ nun direkt vor die Tür gesetzt. Und mein Bruder, der damals auch eine Weile in einem besetzten Haus lebte, sagte immer, der BND freue sich über ihre Stasiakten, da bekämen sie alles schon gründlich aufbereitet präsentiert. Ob’s stimmt …?
        Ach je, was für ein Thema an diesem Deinen Tag. Möge das „Friedliche, Bunte, Phantasievolle“ immer ein wenig mehr Kraft haben als das Andere. Heute, und überhaupt.
        Herzensgrüße in Deinen Morgen, und eine glückwünschende Umarmung,
        Frau Rebis

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