Wintervogel

0045-16-02-2017-wintervogel

Wintervogel singt ein Frühlingslied, wir sangen gestern das Lied der gehenden Flöte. Dreimal, dann nehmen sich Melodien und Worte Raum. Dreimal, dann ist es gut. Ich vermisste das vierte Mal, obwohl ich die Vier nicht gerne schreibe, Kreise und Dreiecke den Quadraten vorziehe.

Mein Herz gehört der Königin, der König setzt Staub an, Bauern ziehen Furchen übers Land, Füße wollen wandern, Lieder gesungen werden, Hirten sind in unseren Breiten nahezu ausgestorben, Schweine stehen in sauberen Ställen.

„Wärmekette“ ist eine neue Erfindung des Hygienewahns. Angst züchtet Bakterien und schwächt das Immunsystem, der Pharmazeut reibt sich die Hände.

Ein Bier, viele Geschichten, wie gerne ich gesellig bin! Ich liebe das Bahndammkellerkind und dich, immer, nur immer anders. Geteilte Räume und das doppelte Lottchen, Sägen streichen über Betten- ach…

Ich würde heute meinen Sohn Emil nennen, Oscar wäre sein Zweitname. Ich wäre immer fröhlich, wenn ich am Abend in den Garten „Emil“ rufen würde, das Kind unter dem Apfelbaum mich ansehen und antworten würde „Ich ko-mme“.

Die heiße Suppe auf dem Tisch, das frische Brot daneben, heimelige Würzwolken unter der Küchentischlampe und immer wäre es ein altes Haus. Jede Diele knarrt ihre eigene Geschichte, im Keller wohnt der Feuersalamander. Wo du in diesem Bild wärst?

Ich habe den Winter weggesessen, seit Anfang Februar singen wieder die Wintervögel.

Wenn du nach links gehst, werde ich nach rechts gehen, sagt Jack. Zack geht nach rechts, Jack nach links. Der eine pfeift ein Lied, der andere wiegt sich in den Hüften. So kann es an Weggabelungen gehen.*

Fragen sind erlaubt, manche Antworten höre ich nicht gerne. Als würde das Leben sich einen Deut darum scheren, als wäre das Leben eine große Frau oder ein alter Mann mit Rauschebart, als würden sie nicken und loben oder den Daumen nach unten richten. Holzböcke knabbern im Verborgenen, Balken brechen, steter Tropfen höhlte die Eiche.

Wintervogel singt ein Frühlingslied, wir sangen gestern das Lied der gehenden Flöte. Dreimal, dann nehmen sich Melodien und Worte Raum. Dreimal, dann ist es gut.

Anmerkung

*Schlussszene aus dem Film Down by law – by Jim Jarmusch

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46 Gedanken zu „Wintervogel

  1. Wenn ich aus dem Fenster auf den Garten schaue sehe ich sie auch, die Vögel in Winterstimmung. Ich freue mich sie zu sehen, in ihrer Lebendigkeit und Unbefangenheit. Nur ein Frühlingslied habe ich noch nicht von Ihnen gehört. Das muss ich selbst singen, scheint mir.
    Es wird langsam Zeit.
    Liebe Grüße juergen

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    • Am Stamstag war es, lieber Jürgen, als die Stare zurück ins hohe Tal geflogen kamen und wieder ihre Töne flöteten, wie ich mich freue, Jahr für Jahr, wenn ich sie das erste Mal höre!
      Es geht eine helle Flöte ist ein wunderbares Lied! Lass uns tönen 😉
      herzliche Morgengrüsse sende ich dir
      Ulli

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  2. Emil heißt mein Enkel. Und die Amseln wetteifern auf den Dachfirsten und Baumwipfeln um die Gunst einer Frau. Handymelodien in luftiger Höhe. Amseln sind begabte Nachahmer. Wie manche jungen Männer im Frühjahr pfeifend ihrer Wege gehen. Und junge Frauen sich neue Kleider kaufen und die Fußnägel wieder lackieren. Hormone kochen hoch mit dem neuen Licht, der neuen Wärme. Neue Hoffnungen. Neue Träume. Wir Alten erinnern uns. Wenden unser Gesicht der Sonne zu. Genießen die Strahlen und leiten sie weiter. Lauschen der Amsel und wundern uns manchmal über ihren Gesang. So vieles ändert sich. Aber dieses Gefühl erwachenden Lebens pulsiert wie eh und je in uns. Weitet das Herz. Lässt uns pfeifen und die Nägel lackieren.
    Du hast einen wunderbaren Text geschrieben, liebe Ulli!
    Herzliche Grüße schickt Elvira

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    • Liebe Elvira, wie schön, dass du einen Enkel Emil hast!!! Und die Amseln, ach die Amseln … und die lackierten Fussnägel, dann kommt die Sehnsucht nach den nackten Beinen und Füssen, die über Wiesen stromern und in Bächen tanzen. Ich danke dir von Herzen für deinen wunderbaren Kommentar.
      Liebe Grüsse an dich und mögen bald die Frühlingswinde wehen, hier hat heute Nacht ein Sturm die Kälte zurückgebracht, leider … aber wir schreiben ja auch erst Februar, alles andere ist Sehnen und Erinnerung
      Ulli

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  3. Liebe Ulli, tauchte tief in Deinem klugen Text ab. Die Arbeitszahl vier nehme ich tiefblau wie das Meer war. Sie ist kalt und sachlich, geometrisch. Ich mag die Vier genau so wenig wie die Japaner, für die Vier sogar eine Unglückszahl ist. Doch die Vier ist heilig, Vier Elemente, eine Teilzahl. Für mich Primzahlenverliebte natürlich schwierig, ich kann Dich gut verstehen. Die Vier steht jedoch auch für Ordnung und Ruhe. Vielleicht ist sie für mich deshalb eine blaue Zahl. Sie steht auch für Kraft und Konzentration oder Geradlinigkeit. Vier bringt Struktur ins Chaos. Die Drei hingegen ist meine orange Zahl, sie ist warm und offen, sie ist weich mit ihren beiden Runden Busenbuchten wie das B. Ein kleiner Trip in das Zahlenempfinden einer Karfunkelfee…Die Welt ist bunt und manche Antworten sind das besseres Wissen in aller Unwissenheit, die Vier hilft es freizulegen und wenn ich vor etwas Unbekanntem Respekt habe, pfeife oder singe ich laut ein Lied. Nur nachts im Wald verkneif ich mir das, weil da die Tiere schlafen.
    Liebe Morgengrüß ‚ von Stefanie

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    • Liebe Stefanie, genau, die Vier bringt Ordnung und Struktur, vielleicht habe ich sie deswegen das erste Mal vermisst, denn nichts brauche ich gerade mehr, als Ordnung und Struktur, die ich mir gebe und verliere und wieder aufnehme und halte, es ist ein Mäandern und Ringen in diesem frühen Jahr …
      ich danke dir sehr für deine wunderbare Ausführung und die Fraben der Zahlen, wie schön du die Drei beschrieben hast, eine meiner Lieblinsgzahlen, Favorit ist und bleibt die Sieben, aber das weisst du ja schon 😉
      liebe Grüsse sende ich dir
      Ulli

      Gefällt 3 Personen

  4. Wie schön du das geschrieben hast ! Hier piepst weiterhin unermüdlich Familie Gimpel.. fast schon ungeduldig, wenn zu wenig Futter im Häuschen liegt.. Buchfinken, Blau und Kohlmeisen, Rotkehlchen…der Eichelhäher guckt vorbei und das Amselpärchen sucht am Boden ob es was Gutes findet..
    Stare hast du ? Sie tragen den Sternenhimmel auf der Brust.. ich finde Stare toll und vergesse immer ganz schnell was sie alles wegfressen…
    liebe Grüsse
    S.

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    • Ich freue mich, wenn ich bald 300m tiefer wohne, hier oben fehlt so mancher Liebling der Vogelwelt, wie z.B. die Amseln! Und die Stare, ja, sie tragen den Sternenhimmel auf der Brust, das hast du schön geschrieben, liebe S.- hier gehören die Kirschen ihnen, tja …
      herzliche Grüsse
      Ulli

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  5. Für mich ist das ein Aufbruchtext, ich werde unruhig, wenn ich ihn lese. Und wie schön deine Buchfinken sind! Ich grüße auch alle Geflügelten, wenn ich sie sehe; neulich habe ich beim Spaziergang sogar einen Eisvogel sehen dürfen, ach, dieses knallige Blau, und dann das Schwirren und Funkeln beim Flug in der Sonne!
    Liebe Grüße
    Christiane

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    • Oh ein Eisvogel … liebe Christiane, den möchte ich auch einmal sehen. Ich freue mich, dass dir die Buchfinken gefallen, ich bin nämlich mächtig stolz auf diese zwei Fotos, da es mir nicht oft gelingt Vögel unverwackelt zu fotografieren! Und ja, es ist ein Aufbruchtext und auch ich bin unruhig, wenn auch gerade eben mal ausnahmsweise nicht.
      Das wird noch spannend werden … ich seufze leise und dann lächel ich dir zu
      herzliche Grüsse
      Ulli

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    • Hihi, ja genau so ging es mir auch, das betrifft z.B. die Kindergärten, die dürfen ein Essen nicht mehr aufwärmen und wenn, wie es im KiGa meiner Tochter ist, dass sie nur Zeit haben am Morgen das Mittagessen zu kochen, dann wären sie eigentlich verpflichtet es bis zum Mittagessen warm zu halten- die spinnen, die LebensmittlehygienikerInnen, sagt Obelix und ich auch-

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  6. Ulli, Ulli, Ulli, das ist Lyrik, jeder Abschnitt ein Gedicht, das für sich allein stehen kann. Ich bin überwältigt von der Kraft, die aus jeder Zeile springt. Ich werde es abschreiben. Du bist eine großartige Dichterin. Marie

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  7. So schön singst du das Lied (der gehenden Flöte), dass es mich kaum auf dem Stuhl hält, liebe Ulli. Zweimal den Refrain, dreimal, viermal, was ist daran gelegen. Worte und Melodien nehmen sich den Raum, den wir ihnen lassen, wenn wir ihn ihnen lassen können. Ja, du hast deinen Winter weggesessen, schön!

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    • Heute kam der Winter zurück auf den Berg, liebe Maren, als ich gerade heimfuhr, war die Strasse an manchen Stellen glatt, aber das kennt man ja, wenn die Narren in den Strassen Dolles treiben-
      herzliche Grüsse
      Ulli

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  8. ….Jede Diele knarrt ihre eigene Geschichte, im Keller wohnt der Feuersalamander…
    Ein Satz wie der ganze Text, liebe Ulli, ein wenig verwunschen, ein wenig Frühling und tatsächlich ein Hauch von frühmorgendlichem Wandern.
    Statt eines Feuersalamanders wohnte bei mir zuhause die Hexe mit dem roten Kopftuch und darin den weißen Punkten im Keller und Flöten hörte ich keine *lächel*. Das war schade, Aber ich hörte Geschichten und las welche und das war gut.
    Einen kleinen Emil? Wie schön. Dann hättest Du bestimmt auch bald seine Detektive im Garten gehabt und hätte ein kleiner Anton zu seinen Freunden gezählt, wäre auch das Pünktchen nicht weit gewesen. *schmunzel*
    Dein Text erinnert mich auch ein ganz klein wenig an Stein und Flöte von Hans Bemmann, Lauschers, eines Hirten Lebensgeschichte. Eigentlich durchwandert er sein Leben.

    Gefällt mir sehr gut, was ich hier lese, liebe Ulli

    Mit lieben Grüßen von mir

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Bruni, Stein und Flöte habe ich nie gelsen, obwohl es ja eine Zeitlang sehr hoch gehandelt wurde, jedeR las es und schwärmte, vielleicht habe ich es deswegen NICHT gelesen 😉
      Schön deine Assoziationen zum Emil! Mein Vater hiess so und mein Opa und mein Lieblingsonkel …
      und den Keller mit den Feuersalamandern hat es auch in Wirklichkeit gegeben, allerdings erst später- ich habe die Kerlchen sehr geliebt und mich immer gefreut, wenn sie mir begegneten- es gibt wahrlich Schlimmeres im Keller…
      liebe Abendgrüsse sende ich dir
      Ulli

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  9. ich lese und staune, manchmal grübele ich auch. Die helle Flöte – nur die erste Strophe kenne ich, weiß nicht mehr woher, und die Melodie, ja: „Es ge-het eine he-e-el-le Flö-öte, der Frühling ist über dem Land, …“ und dann das himmelshelle, begeisterte „Birken lauschen auf die Weise, Birken und sie tanzen leise ..“ , ach, das ist schön und so fern, so fern. Stare gibt es hier nicht, aber Amseln, die singen so schön wie die Flöte, singen von den Wipfeln der strengen Zypressen ihr Abendlied.

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    • Die helle Flöte hatte ich auch „fast“ vergessen, liebe gerda, als sie dann aber eine Freundin von mir anstimmte, fiel mir sofort wieder alles ein, so spannend, was wir alles im Keller gelagert haben!
      Amseln und ihr Gesang sind für mich mit das Schönste auf der Welt, meine Freundin in Berlin sagte immer, sie singt: das Leben ist schön, das Leben ist schön, ich vermisse sie hier sehr, bald …
      ja, dass es hier und da etwas zum grübeln gibt bei diesem Text verstehe ich, ich grübel ja auch!
      herzliche Abendgrüsse an dich, ich hab gerade Feierabend- ja, genau, ich arbeite wieder und habe gleich mit 26 Menschen begonnen, gut, dass ich Schnibbelhilfe hatte!
      liebe Grüsse sende ich dir
      Ulli
      P.S. ich habe heute mal die zwei Schwanenbilder entwickeln lassen, sie sind auch auf Fotopapier richtig toll anzusehen, wenn du das Buch veröffenltichst, würde ich ja gerne die Umschlaggestaltung übernehmen, wenn du willst!

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      • Da bin ich ja schon einen groooßen Schritt weiter, liebe Ulli! Danke dir sehr! Und hab noch einen schönen Abend. Wir haben den Kamin entzündet. gestern war es sehr warm, viel zu wrm, heute angenehm bewölkt. Der Sternenhimmel ist soo schön, den kann ich in Athen nicht gut sehen. Noch herrschen das Wintersternbild des Orion und die Poulia („Vögel“), wie man die Plejaden (Siebengestirn) auch nennt. Wie sehr ich diese Sternbilder liebe. …

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  10. Die Bilder sind unglaublich schön, tröstlich, Geborgenheit spendend. Besonders das Hellgrün spricht zu mir.
    Danke!
    Ich habe sie fast verschlafen, dieses Jahr, die frühen Vögel, gefangen, wie ich in diesen Tagen war.
    Gestern saß ich mit einem Morgenkaffee in der ersten Feriensonne draußen und hörte sie. Endlich. (Und heute Morgen war es kalt, aber vogelsingend.)
    Falls sie noch nicht die Höhenmeter bis zu Dir hinaufgeflogen sind, höre ich sie für Dich mit …
    Frühlingsgrüße von mir du Dir, Frau Rebis

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    • Manche sind schon da, andere werden folgen- ja gerne, lausche nur für mich mit, es wird schon ankommen, irgendwie 😉
      und jetzt habe ich es auch gelesen, juchhu, du hast Ferien!!!
      herzlich mitfreudige Grüsse
      Ulli

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