Verloren gegangene Dinge

Nichts, nicht weiter #4

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me, my life, my way

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Verlorene Dinge. Sie krallen sich in die Membranen und versuchen unsere Aufmerksamkeit mit einem unentzifferbaren Notruf zu wecken. Worte taumeln in hilfloser Unordnung. Die Totensprache.

(Patti Smith – M Train)

Wie konnte ich die Musik von Patti Smith vergessen, wie konnte ich sie aus den Ohren, den Augen verlieren, wie die Musik von Laurie Anderson? Wie konnte ich überhaupt so vieles vergessen, aus den Ohren, den Augen verlieren?

Was waren das für Zeiten, die ich einst verpackte? Nichts beschönigend, nichts verhässlichend, nichts übrig lassend, nichts. Für eine Zeit in eine Schachtel gepackt und auf den Speicher getragen. Der Gnade des alles einhüllenden Staubes überlassen. Als wäre nichts gewesen. Weitergehen und  Aufrichtung waren wichtiger als Erinnerungen, als Schmerzen, als Taumel.

Jahre später besuchte ich eine Freundin in Berlin Friedrichshain, wir waren uns schnell nahe gekommen. Schon als ich unten zur Türe hinein ging, um zwei Stockwerke hochzusteigen, war da dieser vertraute Geruch, alt und noch älter. Einer mit zwei Erinnerungsgesichtern, das eine trug die Kellerstufen bei der Tante, das andere den Flur mit den schwarz-weißen Kacheln in dem Haus, in dem die Kinder geboren wurden, in dem erst wir und dann ohne Einen Zuhause waren.

Die Freundin stand in der geöffneten Wohnungstür. Sie hat mich angelächelt. Ich sehe noch ihr Gesicht, ein schönes Gesicht, in das ich gerne schaute und zurücklächelte. Ich betrat eine Berliner Wohnung, solch eine, die um die Ecke geht, eine mit einem langen Flur und Türen, Kachelöfen und behaglicher Wärme. Rechts die Tür in die Küche hinein, davor die Tür ins Klo, mit dem Spülkasten unter der Decke und einer Ösenkette mit weißem Porzellangriff an ihrem Ende. Links war das Zimmer mit dem Webstuhl meiner Freundin und den feinen Marionetten, die sie gemacht hatte. Eine war eine Miniatur ihres Partners mit Akkordeon. Ich habe sie lange betrachtet.

Links war auch das Zimmer ihres Partners, groß, weiß, karg. Lebensgroße dünne, nackte Menschen standen, gingen aufrecht oder gebückt an der linken Wand entlang, bildeten eine Gruppe und gehörten doch jede nur sich selbst.

Hier begann ich zu weinen. Ich erinnerte mich wieder, ich hatte alles verloren. Ausatmen. Nichts hatte ich verloren.

Ich habe in dieser Wohnung uns und unser Leben gerochen, habe unsere Musik wieder gehört und wieder den speziellen Geist gespürt, der uns einmal verbunden hat. Nichts war verloren. Es ist nie zu spät, nicht für die Erinnerungen und auch nicht für den gekappten Weg. Ich nahm den Faden wieder auf. Ich gehe den Weg; wieder und immer noch.

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44 Gedanken zu „Verloren gegangene Dinge

      • Oh, die Tränen bleiben schon bei mir, sie sind lediglich Ausdruck des Berührtseins, nichts, wovor man sich zu fürchten braucht :o) … der Text ist nur so allzu menschlich, dass man sich und die Weisen der Menschen wieder findet. Da liegt auch viel Schönheit drin, und Bescheidenheit. Und (Selbst)-Erkenntnis. Und auch das Ja zum Jetzt und dem Morgen. Herzlichst! Silvia

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  1. Guten Morgen, liebe Ulli.

    Manchmal stellt sich für mich die Frage: „Haben wir unsere Erinnerungen, oder haben die Erinnerungen uns?“…
    Und weil wir im „Jetzt“ leben, gibt es da so „Erwartungen“ die aber auf die kommenden „Jetzt“ Einfluss nehmen… Und manchmal denke ich dann über eine „Ichwartung“ nach.

    Liebe Grüße,
    Frank

    Gefällt 5 Personen

    • guten Morgen, lieber Frank, „Ichwartung“ … dafür danke ich dir. Erinnerungen sind manchmal etwas eigensinnig, sie kommen, wenn der dazu gehörige Knopf gedrückt wird, ob wir um ihn wissen oder nicht, ja, dann könnte man meinen, dass die Erinnerungen uns haben und nicht wir sie- ein guter Gedanke, den ich nun noch ein bisschen in mir bewege!
      Herzlichen Dank und Gruss
      Ulli

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    • gef’llt mir sehr, diese Gegenüberstellung von Er-Wartung und Ich-Wartung. Ich fühle manchmal, sehr selten, dass ich bei mir, im Ich angekommen bin, und dann gleiten die Erinnerungen vorbei wie Bilder bei einer Zugfahrt, wesenlos. Keine Emotion, keine Rührung. Und ich bin heiter.

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  2. Guten Morgen, liebe Ulli,
    denke für deine berührenden Zeilen.Ist es nicht erstaunlich wie auch die schmerzvollsten Erinnerungen schön werden können, wenn du sie berührst?
    Liebe Grüße aus dem hohen Norden,
    Hanne x

    Gefällt 7 Personen

  3. Was für eine Geschichte, sehr intensiv. Deine Collage, die sich mit der Identität befasst. Herrlich, die lachenden Bilder. Es geht um die Unbedarftheit. Ein altes Wort, nutzt heut kaum noch wer. Doch, ich…
    Weil ich es so mag. Gerade auch im Hinblick auf andere Menschen. Auf sich selbst bezogen auch. Die Freiheit des Herzens etwas zu tun lässt Blüten sprießen. So begegnet man besonderen Menschen wie Dir, Deiner Freundin und Patti, die Eure Stimmung von damals befeuerte. Ich lernte ihre Songs erst spät kennen, ich höre sie manchmal…
    Sie nahm den Nobelpreis für ihren Freund Dylan entgegen. Freunde…
    Liebe Grüße, Stefanie

    Gefällt 4 Personen

    • Unbedarftheit mag ich auch sehr, liebe Stefanie, und frage mich manchmal, ob sie nur den Kindern gehört …
      oh ja und Freundinnen, Freunde und ein Kloss im Hals, wenn man plötzlich für den anderen sein Lied singen soll! Diese Szene hat sich eingebrannt!
      Ich grüsse dich herzlich
      Ulli

      Gefällt 4 Personen

  4. Bewundernswert die Präzision deines Erinnerns. Diese Berliner Wohnung, bekannt? hm, nein, da gab es weder Webstuhl noch Figuren noch ein lächelndes Willkommen. Vielleicht schmerzt dich, die kräftig-plastische Erinnerungen hat, die Gegenwart mehr als mich, die ich mich über weite Strecken meines Lebens nicht mit Räumen und Menschen eng verbunden habe, sondern durch alles hindurchglitt, als gehörte es nicht zu mir? Weil mich ein tieferer Verlust hinderte, mich zu verbinden? ich schriebs schon oben: wie Bilder bei einer Zugfahrt. Kein Anhaften, kaum Einprägen – und husch, hindurch. .

    Gefällt 4 Personen

    • Liebe Gerda, ich kenne beides, die Zugfahrt ohne Eotionen und die Schachteln, die, wenn ich sie öffne, nicht nur Heiteres beinhalten.
      Mit der präzisen Erinnerung ist es ähnlich, manches steht glasklar vor meinem inneren Auge, anderes ist vernebelt, verschwommen oder gar nicht mehr vorhanden…
      liebe Grüsse an dich
      Ulli

      Gefällt 1 Person

  5. Kann man Vergangenes überhaupt verlieren? Aus den Augen ja, aber aus dem Leben eher nein, denn sie wurden ja gelebt und bleiben ein Teil von uns.
    Und wenn einem bewusst ist, dass man sie nun vermisst, kann man zumindest einen Teil – wie die Musik – wieder aufleben lassen. Und für die Dinge, die man nicht neu ankurbeln kann, gibt es doch heute sicher andere schöne Dinge, die dafür ihren Platz im Leben gefunden haben.
    So Momente der Rückblende kenne ich aber auch. Sie einfach mal da und das ist wahrscheinlich auch gut so. Man darf nur nicht „hängen bleiben“.
    Aber toll beschrieben von dir und wunderbar zu lesen.

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Gabi, manches ist wirklich verloren, aber das sind dann eher Dinge, anderes scheint nur als verloren, hält sich aber versteckt, vielleicht solange, bis ich wieder ein Stück gewachsen bin und mit neuer Grösse und Kraft dem Alten begegnen kann. Und ja, manche Fäden lassen sich mühelos wieder aufnehmen, andere bleiben lose im Lebensgeflecht hängen.
      herzliche Grüsse
      Ulli

      Gefällt 1 Person

  6. Sehr berührende Zeilen. Schön ,dass du den Weg wieder aufnehmen konntest .
    Ja, die Erinnerungen… Nicht immer einfach, aber sich mit ihnen zu beschäftigen bringt mich auf meinem Weg auf alle Fälle weiter. Daher ja auch der Name meines Ateliers 😉
    Ein tolles Bild, eine schöne Collage dazu.
    Herzliche Grüße, Doreen

    Gefällt 2 Personen

  7. Einiges verlieren wir wirklich im Laufe der Jahre und dann sind da die Dinge, die wir nie verloren und die Erinnerungen, in denen auch die Gerüche von damals schlummern, jederzeit abrufbar, als seien sie Bilder, so genau wissen wir um sie.
    Ich sah heute meine sehr lange verdtorbene Oma am Küchentisch stehen und den Teig für die Fastnachtsküchlein ausstechen und die Füllung als kleine Häufchen darauf legen, meine Lieblingsmarmelade.
    Sehr wehmütig wurde mir da um mein Erwachsenenherz, liebe Ulli.

    Du hast eine Erinnerung wieder aufleben lassen und ich sehe sie vor mir, die Wohnung mit dem langen Korridor,
    die Räume und bei Deiner Freundin, da verschimmt mein Bild *lächel sehr*

    Du hast einen wundervollen Erinnerungstext geschrieben!

    Herzlichst Bruni

    Gefällt 3 Personen

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