V = Vertrauen

Bevor es jetzt hier weitergeht möchte ich einen Text von Luisa Francia voranstellen. Auf ihn wurde ich durch Sofasophia und ihren ebenfalls nachdenkens- und empfehlenswerten Artikel aufmerksam. Luisa Francia transportiert eine für mich wichtige Haltung, die das Alphabet der mutigen Träume auf sehr spezielle und von mir geschätzte Art unterlegt:

Es gibt eben nicht eine wirklichkeit, eine erklärung für alles, eine wahrheit und wir müssen mit dieser sehr komplexen situation fertig werden, dass sich ständig schichten von wirklichkeitsebenen reiben, ineinanderschieben, einander aufbrechen, auflösen.
Obwohl sie diesen prozess dauernd erleben, wollen die meisten menschen das nicht akzeptieren. Sie sehnen sich nach einer fixierten wirklichkeit, die von einem „starken mann“ z.b. geregelt und verantwortet wird. Illusion ist eben auch eine wirklichkeitsebene,.Illusion, die feige version der vision, die im kreativen prozess erstarrt und steckenbleibt, unfähig wild und ungezähmt den faden der vision in die neue wirklichkeit zu spinnen.
In der sibirischen schamanischen kultur gibt es keine vergangenheit und keine zukunft. Alles ist jetzt und die möglichkeiten des jetzt liegen übereinander, aufeinander, während ich erzähle, erschafft sich diese struktur zu einer ebene die jetzt passiert. Jetzt.
Mit acht jahren bekam ich zu weihnachten ein märchenbuch „die güldene kette“, darin wirklichkeitsentwürfe aus aller welt und vielen zeiten, die weisheit, dass man helferwesen aus vielen schichten der wirklichkeit braucht um das aufeinanderprallen von welten und wirklichkeiten zu überstehen, die erkenntnis dass niederlagen der beginn einer grossen schöpferischen energie, dass ruhm, reichtum und sichtbarkeit der beginn einer zerstörung sein können, dass ohne das eintauchen in die magische wirklichkeitsebene das leben ziemlich anstrengend und langweilig sein kann. Bis heute nähren und lehren mich diese geschichten, weil es eben keine zeit, keine vergangenheit, kein vergehen gibt. Alles entsteht jetzt. Es geht darum das jetzt zu erschaffen, mit der weisheit und dem reichtum von allem.

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Hier geht es jetzt weiter mit V = Vertrauen

Wie gerne ich die kleinen Menschen betrachte und begleite, wenn sie noch voller Vertrauen in die helfende und unterstützende Hand in die Welt gehen! Vertrauen ist ein kostbarer Schatz, den es zu hüten und zu beschützen, den es vor größeren Schäden zu bewahren gilt. So sehe ich meine und die Aufgabe aller Erwachsenen während der Begleitung von Kindern. Dass Vertrauen trotzdem erschüttert wird ist leider so, nicht alles liegt in unserer Hand.

Ein Mensch, dessen Vertrauen nicht in seinen Grundfesten erschüttert wurde, kann die zum Leben dazu gehörenden Enttäuschungen und Vertrauensbrüche verarbeiten, ist in der Lage daraus zu lernen und verliert deswegen nicht das Grundvertrauen in die eigene Kraft, in die Menschen und das Leben und wird deswegen nicht automatisch zu einem misstrauischem Menschen.

Misstrauen hat seine Ursache in schlechten = kränkenden und schmerzhaften Erlebnissen und der Angst vor Wiederholungen. Tief traumatisierte Menschen und Tiere sind misstrauische Wesen, deren Vertrauen zurückzugewinnen geht nur mit sehr viel Empathie, Geduld und Wohlwollen, wenn überhaupt.

das-kind-das-eine-katze-sein-wollte-41o3sjrtzdl-_sx323_bo1204203200_Caroline Eliacheff ist eine französische Psychotherapeutin, die in diesem Buch ihre Erfahrungen u.a. mit Säuglingen teilt, die von ihren Eltern/Müttern nicht gewollt waren und direkt nach der Geburt in die sogenannte „Babyklappe“ gegeben wurden. Caroline Eliacheff fühlt sich ein und spricht mit diesen kleinen Wesen, bestätigt sie in ihrem Leiden und hat dadurch zum Beispiel einen Säugling, der von alleine nicht mehr atmen wollte, dazu gebracht wieder selbständig zu atmen, um nur ein Beispiel zu nennen. Auch Frau Eliacheff weiß, dass es nicht wirklich ihre Worte sind, die das Verhalten der Säuglinge ändert, sondern ihre Haltung, ihr Gefühl und ihre Empathie dahinter.

Ähnliche Erfahrungen machte eine Freundin, die in schwedisch Lappland mit Schlittenhunden arbeitet, mit einem schwer traumatisiertem Hund, den sie in einem der Netzwerke fand, die es sich zur Aufgabe gemacht haben Straßenhunde zu vermitteln. Nur indem sie ihm viel Zeit gab, sich immer wieder zu ihm legte und ihm sagte und zeigte, dass sie sein Misstrauen und seine Traurigkeit versteht, öffnete er sich ihr nach und nach und ist nun einer ihrer treuesten Hunde. Anfangs war es nicht möglich ihn mit den anderen Hunden zusammen zu tun, er blieb bei ihr im Haus, aber auch das hat sich mittlerweile geändert. Letzteres hat allerdings noch sehr viel länger gedauert, als der Aufbau des Vertrauens zwischen ihr und ihm. Und auch hier waren es nicht ihre Worte, sondern ihre Empathie, die der Hund spürte und „verstand“.

Beides sind Beispiele für die Fähigkeit echter Empathie, in der es um das Wohl des Wesens geht und nicht um das eigene Wohlbefinden. Kinder, Hunde, Katzen oder andere Tiere sind nicht dafür da uns das Leben zu versüßen, uns zu trösten oder unserem Leben einen Sinn zu geben. Indem wir uns für sie entscheiden, sollten wir uns gleichzeitig der Verantwortung bewusst sein, die damit einhergeht.

Vertrauen richtet sich natürlich nicht nur auf Kinder und Tiere. Vertrauen in die eigene Kraft und eigenen Fähigkeiten will immer wieder genährt und gestärkt werden, sei es nun bei mir selbst oder bei Freundinnen und Freunden oder bei Menschen mit denen ich arbeite.

Es geht auch um das Vertrauen in den Wandlungsprozess, sei es nun in den eigenen oder in den von anderen.

Auch ich habe einen langen Weg der Vertrauensfindung hinter mir, je mehr Vertrauen ich schöpfen durfte, ob nun in meinen Mann, meine Freundinnen und Freunde und andere Menschen, die mich begleiteten und begleiten, umso trittfester und zielgerichteter wurde mein Schritt. Ich vertraue auch meinen Kindern, aber erst einmal war es meine Aufgabe ihr Urvertrauen in mich nicht zu zerstören. Das hieß für sie da zu sein, wenn sie mich brauchten, für sie einen Ort der Geborgenheit zu schaffen und einen Boden zu bereiten, der sie tragen konnte. Noch heute vertrauen sie mir. Wann immer sie in Not geraten oder sie etwas belastet, suchen sie meinen Rat, ist ihnen meine Meinung wichtig (zugegeben, je älter sie wurden, umso seltener, aber so soll es ja auch sein)- was mich bei aller Fehlerhaftigkeit als Mutter ehrt und mit tiefer Freude erfüllt.

Ein anderes V-Wort für das Alphabet der mutigen Träume wäre Verantwortung gewesen. Verantwortung für mein Fühlen und Denken, für mein Handeln und Wirken in der Welt. Ja, auch ein sehr großes Thema, das aber immerhin hier über den Umgang mit Kindern und Tieren einen Platz fand. Jede und jeder, die/der mit Menschen, Tieren oder in und mit der Natur arbeitet, trägt Verantwortung. Auch hier lautet die Prämisse: Zum Wohle aller und klingt sehr viel einfacher, als es in manchen Momenten ist. Verantwortung ist groß, je älter ich werde, umso mehr begreife ich ihre Tragweite.

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40 Gedanken zu „V = Vertrauen

    • Guten Morgen, Ruth, der Text ist, wie geschrieben, von Luisa Francia, es geht darum, dass es verschiedene Wirklichkeiten und somit auch Wahrheiten gibt- bezogen auf mein mutig geträumtes Aphabet ist es zum einen meine Wirklichkeit, meine Wahrnehmung und hat somt keinen Ansprcuh auf Allgemeingültigkeit- gleichzeitig ist alles, was wir denken, schreiben, sagen oder sonstwie in die Welt senden ein Teil der Realität und gilt es eben achtsam damit zu sein.
      Vieles von dem, was Luisa hier in wenigen Sätzen beschreibt, habe ich in den zwei Artikeln im Herbst um das Mutige Träumen drumrum versucht darzustellen- auch im Alphabet-
      herzlichst
      Ulli

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  1. Ich erinnere mich noch so gut an das Gefühl des Vertrauens, das mir entgegen gebracht wurde, da war ich 15 und schaute nach meiner Schwester, die war 4 und schlief, so vertrauensvoll offen im ihrer Körperhaltung und ich spürte zum ersten mal eine Verantwortung, dass ich dieses Vertrauen, dass ich sie schütze niemals enttäusche. Ein grosses Gefühl war das. Wir haben das immer noch, ein vertrauensvolles Verhältnis. Und klar, die Kinder….Die eigenen…. Die mir als Mutter vertrauen, so verrückt die Mutter manchmal auch war oder ist. Danke für dieses Wort schönen Tag dir, heute soll die Sonne scheinen. Kat.

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    • Ich danke dir Kat. für diese „Geschichte“ aus deinem Leben, die mich ganz tief berührt. Schon mit 15 Jahren solch tiefe Gefühle zu haben und mit Verantwortung zu verknüpfen finde ich sehr gross.
      Die Sonne scheint bei -12°… es wachsen jetzt Schneekristalle, unglaublich schön!
      herzliche Grüsse
      Ulli

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  2. …fein…so klug und passend der Text von Luisa Francia dazu…und auf dm gezeigten Foto steht neben der waagerechten Latte, auf der das Kind läuft, eine senkrechte Treppe (?), noch angelehnt und nicht wirklich in Gebrauch, aber als Möglichkeit vorhanden…das gefällt mir gut…

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  3. Welch ein schöner Eintrag! Das Herz wurde mir warm eim Lesen – und auch ein wenig ängstlich. Wie schön das Vertrauen des Kindes am Finger der Oma – aber wird sie es halten können, wenn es stürzt? dachte ich einen erschrockenen Moment lang – beruhigte mich aber gleich, denn der Balken liegt niedrig und die Holzspäne am Boden sind weich, das Kind geht vorsichtig und scheint gutes Gleichgewicht zu haben.
    Dies Erschrecken hatte ich wieder bei Kats Kommentar, wo sie schreibt, dass sie als 15Jährige das Vertrauen der kleinen Schwester niemals enttäuschen wollte.
    Schlimm scheint es mir, wenn ich das Vertrauen eines anderen hilflosen vertrauensvollen Wesens enttäusche, weil ich nicht zur rechten rettenden Zeit da bin. Da brauche ich noch mal ein riesengroßes Urvertrauen, dass andere Menschen oder helfende Engel da sind, wo ich nichts tun kann. Es ist dieses Urvertrauen, um das ich ringe: dass ich das Meine nach bestem, Vermögen tue – das ist meine Verantwortung -, und dass der Rest „in Gottes Hand“ liegt.
    So haben es immer die Väter und Mütter gehalten, und wenn dann etwas Schlimmes geschah, haben sie sich oder Gott schreckliche Vorwürfe gemacht, manchmal ein Leben lang.

    Vertrauen – das ist ein religiöses Gefühl, denn es verbindet uns mit dem göttlichen Urgrund, der uns hält, wenn sonst alles zerbricht. .

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    • Liebe Gerda, es gab nur zwei Momente mit meiner Tochter, in denen ich wirklich bang war und wirklich gebetet habe, zu wem wusste ich damals nicht mehr so genau, weil ich ja mit dem „lieben Gott“ gebrochen hatte, beide Male standen ihr dann andere Menschen helfend zur Seite und ich dachte später, es ist ein Vorurteil, dass Berlin kein Pflaster für Kinder ist.
      Viele Ängste und Unsicherheiten haben mich in meiner Zeit als Mutter begleitet, mit meinen Enkelkindern bin ich einerseits noch ängstlicher, gleichzeitig aber auch souveräner. Souveränder mir selbst gegenüber und dem Feld, das wir miteinander teilen, ängstlicher, wenn sie „herumklettern“, da war ich als Mutter zuversichtlicher-
      herzliche Grüsse
      Ulli

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    • Urvertrauen verdanken wir unseren Eltern bzw dem sozialen Umfeld in dem wir aufgewachsen sind. Dafür braucht es keine Religion. Ich kann mich nicht erinnern jemals irgendeine Studie gelesen zu haben, die bewiesen hätte, dass Menschen, die in einem religiösen Umfeld aufgewachsen sind mehr Urvertrauen haben als andere ….

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  4. Urvertrauen – ein zentrales, wichtiges Wort. Im Ganzen, im Leben aufgehoben sein, dieses Bewusstsein ist die Basis. Zuversicht passt gut dazu. Und auch ein anderes V-Wort: Versöhnung – mit anderen, mit dem, was nicht „rund läuft“, und nicht zuletzt mit sich selbst.
    Ein guter Beitrag, Danke!

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  5. Luisa Francia´s Text zeigt es gut, wie sich Wirklichkeiten überlagern können.
    Die vielen Sichtweisen der Wahrheit…
    Wie oft begegnet uns eine Wahrheit, die sofort schwächelt, sehen wir sie aus einer anderen Perspektive…

    Gestörtes Urvertrauen bringt alles durcheinander. Wenn nichts ist, wie es scheint, alles durcheinander gerät, kein geschützter Raum in der Kindheit exisitiert, wird aus dem Kind ein Erwachsener voller Mißtrauen und einer kranken Seele. Er wird einen langen Weg brauchen, um sein Vertrauen oder wenigstens einen Teil davon, in sich und die ihn umgebenden Menschen wieder aufzubauen…
    Menschen um sich zu haben, denen man vertrauen kann, ist eigentlich unverzichtbar, und absolut wunderbar, um die Gesundheit unserer Seele zu gewährleisten / sie zu erhalten.

    Du hast das alles so gut dargestellt, daß man eigentlich nichts mehr hinzufügen muß, liebe Ulli.
    Liebe Grüße am späten Abend von Bruni

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  6. So ein schönes Bild des Vertrauens und seiner segensreichen Wirkungen: Das balancierende Mädchen, das sich sicher ist, dass die dargebotene Hand es notfalls hält, deren Trägerin wiederum sich sicher ist, dass das balancierende Mädchen sie notfalls ergreifen wird. Deine Gedanken mag ich auch, liebe Ulli. Ich bin nur gerade etwas näher bei den Bildern als den Worten.

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  7. liebe ulli, gern lese ich hier luisa francias text und den deinen!
    es gefällt mir, wie die punkte vertrauen und verantwortung(sbewusstsein) verknüpft werden.
    auch gefällt es mir, dass der unterschied zwischen echter empathie und plapperndem mitleid angesprochen wird, eine thematik, die mich aufgrund gewisser biografischer bedingungen über viele jahre hinweg immer wieder beschäftigt hat. meine erfahrung aus dieser zeit ist, dass dies geschwätzige, geifernde, nur den eigenen sack füllen wollende hohle, so wohlfeil angebotene mitleid demütigender sein kann als schlichte gleichgültigkeit. — aufrichtige empathie ist arbeit, ist auch eine kunst und gabe.
    herzliche pegagrüße!

    Gefällt 2 Personen

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