Miniatur # Über Nacht

0193-17-08-16-mondnacht

Über Nacht genüge ich mir nicht mehr.

Die Tage zuvor? Gut … richtig gut. Ungeahnte Herausforderungen sind des Alltags Brot. Sie stellen sich in den Weg, mal als Hügel, mal als Berg, mal als Tal, aber die waren es nicht.

Bitte keine Abgründe!

Auf dem Ozeandampfer sind noch alle da: Frau Miesmach und Frau Zweifel, Frau Klein neben Frau Freude und Frau Gelassenheit, auch alle  anderen, die gerade in ihren Kajüten schlafen. Frau Mutig debattiert mit Frau Hasenfuß an Deck, da hört sie keiner; bei dem Wellengang! Frau Kapitän, die Gute, hält die Hände fest am Steuerrad, lenkt mit offenen Sinnen und Augen den Dampfer durch herbstliche Wogen. Sie denkt an das Haus hinter der Rosenpforte. An das mit der langen Tafel und dem dampfenden Wasserkessel auf der Küchenhexe. Es wird Zeit den heimatlichen Hafen anzusteuern.

Über Nacht wurden die Füße kalt.

So viele Tore, so viele Schwellen, so viel zu- und abnehmender Mond. Dreizehn Monde, dreizehn Feen, das Dreizehnte als Ungewisses, das mag ich, da liegt Spannung drin. Nur das Böse, Hinterlistige, Gierige, Spitzzähnige, Schmarotzende, Herzkalte mag ich nicht.

Wer hat gesagt, dass die Seele das Nicht nicht hört?

Über Nacht genüge ich mir nicht mehr.

Ich kann das mörderische Ich nicht ignorieren: Es ist da. Ich rieche es und spüre es, aber meinen Namen gebe ich ihm nicht. Ich werde es beschämen.

Sylvia Plath, Die Tagebücher – S. 244

Manches braucht die Weite der Tundren oder genau diesen einen Punkt auf der Zeitskala von Null zu Null.

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19 Gedanken zu „Miniatur # Über Nacht

    • Freut mich, dass du dir gerade diesen Satz herausgenommen hast, ein Satz, von dem ich mir nicht sicher war, ob er überhaupt verstanden wird- schön!
      und herzliche Grüsse an dich, lieber mick
      Ulli

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    • Danke dir, liebe Soso, ich bin dem, was mich stört auf der Spur und handel schon, ja, eine nächste Schwelle gilt es zu durchschreiten … gut, dass ich (wir) Übung haben …
      Das Ego zu beschämen ist eine feine Idee, wie ich finde! Überhaupt mag ich ja den Gedanken der Beschämung, statt Rache zum Beispiel-
      herzlichst
      Ulli

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  1. Liebe Ulli, Du hast sehr berührend geschrieben. Wie so oft, erreichen mich Deine Worte an tiefer Stelle.
    Gestern traf ich im Bus eine alte Dame, eine Russlanddeutsche. Ihr Mann war Mathematiklehrer, seit zwanzig Jahren tot. Sie erzählte von ihrer Kindheit in Jakutien, das ist fernöstliches Sibirien. Ich jammerte über die Kälte hier, da lachte sie laut und sagte: Stefanie, stell Dir mal Temperaturen bis -60 Grad vor! Dann berichtete sie von ihren mittlerweile großen Enkeln. Sie wollte gern wissen was ich mache. Ich bekam nämlich den Hals nicht voll von ihrer Geschichte und begann neugierige Fragen nach ihr zu stellen. Ich antwortete, dass ich eine Schreiberin sei und sie mir gerade richtig käme mit ihrer spannenden Geschichte. Ob ich wem von ihr erzählen dürfe, wollte ich wissen. Wir haben uns versprochen uns wiederzusuchen. Katharina wohnt in meiner Nähe.
    Als ich gestern in die Stadt fuhr, eher bedrückter Stimmung, den Nebel mal wieder als einsam und anonym empfindend, als sprachlos und als Nicht und mich darin dummerweise immer noch mich selbst gänzlich überdauernd bis der Arzt kommt, konnte ich noch nicht ahnen, dass mir gleich jemand begegnen wird, der mir eine Menge zu erzählen hat. Der mich daran erinnert, dass es Orte auf der Welt gibt, die so kalt sind, dass sogar die Tinte im Kugelschreiber gefriert. Ich wollte Dir die immerhin 95-jährige deutsch-stämmige Katharina aus dem jakutischen Sibirien gern als kleine fröhliche Morgengabe bringen. Sie hatte zwar ein altes und runzliges Gesicht, doch darin strahlte ein Paar noch sehr jung gebliebene dunkle klare Augen, viele Lachfalten. Katharina ist immerhin schon 95 Jahre alt. Bald kommen die Raunächte. Die nachdenkliche November-Zeit bereitet uns darauf vor. Du schreibst sehr schön. Danke und Einen lieben Gruß von Stefanie

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    • Liebe Stefanie, ich danke dir für diese feine Geschichte. Ja, es gibt immer wieder die Menschen, die uns zeigen, dass wir doch zufrieden sein könn(t)en- aber nun, es gibt eben auch Herausforderungen und Schwellen und genau so eine steht nun vor mir, heute bin ich schon wieder etwas klarer worum es eigentlich geht und komme ins Handeln und das ist gut so und dem ollen Ego drehe ich ne lange Nase 😉
      herzliche Grüsse, Ulli

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  2. In die Nacht hineingehen – das mag ich. Die Dreizehn ist meine Zahl. Meine Seele liebt das Nicht. Ich genüge mir nicht am Tage. Den Tag zwischen Null und Null nennen wir Leben, weit wie die Tundren und noch viel weiter. Null und Nicht aber weiten die Seele über das konkret Bestehende hinaus und führen sie an den Abgrund des Unerforschlichen, aus dem wie duftender Nebel Ahnung heraufsteigt, tröstlich die Nackte umhüllend.
    Schön deine Worte, die mich mitnehmen, in meiner Weise.

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    • „…tröstlich die Nackte umhüllend“ – wie mich das jetzt tröstet, es ist wie ein warmer Mantel, der sich gerade beim Lesen deines Kommentars um mich gelegt hat und wärmt, mir Mut zuflüstert und Vertrauen:“es ist doch nur wieder eine Schwelle und du bist schon durch einige gegangen“ „Ja“, antworte ich, „und die werde ich auch hinter mir lassen, bald … “
      liebe Grüsse an dich, Gerda
      Ulli

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  3. Deine Schiffspassagiere sind mir alle sehr vertraut. Wo die nur immer alle Platz haben? „Alle Mann von Board!“ Und die kleine feine Stimme des Herzens hören, auch um zu verstehen, was die ganze Inszenierung soll und welche Erfahrung sich darin versteckt. Du bist eine erfahrene Kapitänin(?) und steuerst dein Schiff – ohne blinde Passagiere.

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    • Schön, wie wir uns verstehen! Das zuerst, liebe Erika. Im Haus hinter der Rosenpforte gibt es dann das grosse Thing – immer mal wieder – sie haben alle eine Stimme und genau da wird es richtig spannend-
      stimmt, es gibt keine blinde Passagiere (wenigstens habe ich noch keinen entdeckt), aber es gibt Eine, die hat eine Kapuze über dem Kopf, hockt gerne in dunklen Ecken und mag nicht sooo gerne angeschaut werden- nun aber hat die Kapitänin entschieden, dass es Zeit wird für sie zu reden, die Kapuze vom Kopf zu nehmen- alle mögen sie – sie darf vertrauen – langsam hebt sie ihren Kopf.
      In diesem Sinne grüsse ich dich herzlich von Ozeandampfer zu Ozeandamper …
      Ulli

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  4. Gute herausfordernde Tage hast Du hinter Dir und zum Nachdenklichsein war keine Zeit.
    Dann aber kamen die Gefühle an. Sie hatten sich versammelt, um sich lautstark Gehör zu verschaffen und nun erzählst Du von ihnen und wie sie Dich zerreißen…
    Eine Zwischenzeit scheint es zu sein, liebe Ulli.
    Noch bist Du da und so vieles hält Dich, aber da ist auch das Andere, das Wichtige, das sich Bahn brechen möchte, um Dir innere Ruhe zu bringen.
    Das Ziel ist nahe und Du wirst nicht rückwärts, sondern vorwärts gehen.
    Frau Tatkraft-Durchhaltevermögen klopft schon an Deine Kajütentür und Du öffnest ihr…

    Herzlichst Bruni am späten Abend

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    • Liebe Bruni, ja, ich werde vorwärts gehen, auch mit dem, was mich gerade zwischendurch beutelt, wobei es, seitdem ich dies geschrieben habe, schon wieder besser geht.
      Danke für deine Worte der Zuversicht.
      Herzliche Grüsse vom Nebelberg
      Ulli

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  5. Deine Miniatur spricht zu mir, liebe Ulli. Mit Feen und Zahlen kenne ich mich nicht aus, aber mit Nicht-mehr-Genügen über Nacht, mit Toren und Schwellen ohnehin. Und nach der „Weite der Tundra“ (für mich ist es die Wüste) verspüre auch ich gerade große Sehnsucht. Über das rege Treiben an (deinem) Deck musste ich sehr schmunzeln. Bin gespannt, ob du in der Ebene heimatlichen Hafen findest.

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  6. Liebe Ulli,
    ich hänge an einem anderen deiner klugen Sätze.
    Durch ein „Nicht“ hat das Leben mir den Herzensmann geschenkt, der mir einst auf ein Posting in einem Forum antwortete, indem er mir schrieb, dass ich jene Formulierung verwenden würde, das Universum aber das „Nicht“ nicht als solches identifiziere …
    Witzigerweise schrieb ich damals (auch), dass ich keine Fernbeziehung wünschte, und genau dieses wurde mir vor die Füße gespült.
    Ganz sicher sind die Tage, Wochen oder Augenblicke in der Tundra für die innere Ausrichtung wichtig … wie so Vieles, was uns erst im Nachhinein stimmig erscheint.

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