Miniaturen – Vater

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(Als ich mich erneut mit den Tausend Mutterbildern beschäftigte, kam noch einmal der Vater zu mir)

1.

Als ich jung war trieb mich eine diffuse Todessehnsucht. Ich war die Steppenwölfin und trank billigen Weinbrand, den ich Cognac schrieb. Ich saß in Spelunken, um dort meine lebensmüden Gedanken in Zeilen zu bündeln. Nur schreibend war ich mir nah.

Ein Freund und ich waren mit seinem Roller in die Stadt am Rhein gefahren. Ich flüsterte in sein Ohr: „Fahr, fahr rein, dann ist endlich Ruh.“ Als er Gas gab, begann ich zu schreien. Später am Abend zerriss die Elefantenkette meines Vaters. Langsam lernte ich den Lebenden näher als den Toten zu sein.

2.

Der Alptraum hieß „nie-mehr“. Nie mehr würde der Vater, der König des Mädchens, wiederkommen. Das Mädchen fiel ins Dunkeltal und schwieg. Gestern noch sagte ich der Freundin, dass die Frage, ob ich je wirklich ganz unten gewesen bin, unbeantwortet bleibt. Heute, endlich, begriff ich es. In den drei Monaten, in denen ich schwieg, mit meiner Puppe Bärbel im Arm, saß ich dort, wohin kein Lichtstrahl mehr fiel. Mit viereinhalb Jahren war ich Inanna gleich und hing nackt an einem Haken. Meine Retterin war nicht die Dienerin, ich nannte sie Oma.

3.

Als ich durch Bilbao fuhr, war ich fünfunddreissig Jahre alt. Ich suchte noch immer deine Gestalt hinter den Palmen, erkannte aber nur einen Brunnen. Ich suchte dich in jedem Mann. Der an meiner Seite war es nicht, obwohl eine gewisse Ähnlichkeit in seinem Gesicht nicht zu leugnen war, sah ich sie nicht. Von deiner gewalttätigen Seite, deinen tagelangen Besäufnissen, zum Horror der Familie, hat mir später der große Bruder erzählt, er hat dich fünfzehn Jahre lang ertragen müssen. Mir warst du der König, der seine Prinzessin auf Händen trug, bis sie nichts mehr tragen konnten. Du kamst im Bleisarg aus Bilbao zurück. Ich fiel ins Bodenlose.

4.

Mutter, wie oft du geschrieen hast: „Du bist wie dein Vater …“, du wolltest mich kränken. Ich aber war stolz wie der Matador mit der roten Schärpe um seine schmale Taille, die ich nie hatte, ich kannte ja nur Vaters Königslächeln. Erst später dachte ich, dass sein Unfall ein Glücksfall für mich gewesen ist und schämte mich, dass ich es dachte. Lange atmete ich die Gnade seiner ewigen Liebe. Mutter, du warst mir ein Greuel, wenn du wieder schriest!

5.

Der Vater ist tot, Opa auch, dann die Oma, aber nur einmal war ich Inanna.

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49 Gedanken zu „Miniaturen – Vater

    • Jahrzehnte, lieber Herr Ärmel, wenigstens was den Vater betraf, da schwiegen immer alle pikiert, wenn ich fragte, aber dann hat der Bruder eben doch einmal erzählt, aber eben auch nur einmal, das musste reichen, sagte er …
      ich danke Ihnen und wünsche Ihnen von Herzen ein himmlisches Wochenende
      Ulli

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      • Als Ergänzung vielleicht dies noch: jahrzehntelang war mein Vater mein größter Feind. Erst kurz vor seinem Tod erkannte ich schmerzlich, dass ich ebenso lange meinem wahren Feind, nämlich dem anderen Elternteil vertraut hatte.
        Auch Ihnen ein feines Frühherbstwochenende,
        Herr Ärmel

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        • Das klingt auch nicht gerade nach einer einfachen Familiengeschichte … danke, dass Sie mich/uns ein kleines bisschen hineinschauen lassen, ich weiss das zu schätzen, sehr!

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  1. Sehr vieles findet in mir Echo und Bestätigung. Ich schreib das hier mal in arger Verkürzung auf: Auch ich suchte den Mann (Vater) in meinen Träumen und in der Welt, nie glaubend, dass er wirklich tot war. Er war nur weg, hatte anderswo ein Leben angefangen. Sogar in Telefonbüchern suchte ich nach seinem Namen. Ich entwickelte in mir die Eigenschaften, die meine Mutter in ihm ablehnte: Alkohol, Rauchen, Untreue, Unordnung. (Meine Mutter schrie mich deshalb aber nicht an). Dass er ihr untreu war, erzählte sie selbst – ich fand das verständlich, denn eigentlich war ja ich seine Geliebte und passend in jeder Hinsicht. Meine Suche nach dem Surrogat hatte selbstzerstörerische Folgen, ich wurde krank. Mit 25 hatte ich dies Programm endlich abgearbeitet, konnte einen realen Menschen lieben und auch meine Mutter.
    Wie du weißt, habe ich meinen Vater nur von Fotos gekannt, denn er fiel, als ich ein Säugling war.

    Herzliche Grüße aus einem sonnigen Mani-Morgen. Das Meer breitet sich glänzend zu meinen Füßen aus und das Gras unter den Oliven leuchtet smaragdgrün. Der Mann, den ich liebe, sitzt mir gegenüber. Gerda

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  2. Das Gute, dass der Vater Dir geben konnte durch deine kindliche und unschuldige, daher reinste Form voll vertrauender Liebe, selbst wenn diese verklärt worden sein mag, weil die sie das damit einhergehende menschliche Leid so schlecht ertrug, bleibt Dir auf Deinen Wunsch hin als Innanas wesentliches Geschenk aus Uruk und wirkt als stille Kraft durch Dich auf andere in jedem Wort.

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    • Wie Recht du hast! Auch wenn ich diese Liebe immer nur für mich spüren konnte, die Mutter und Tanten sprachen schlecht von ihm, wenn überhaupt, ich glaubte ihnen kein Wort! Und auch heute denke ich, dass ein Mensch nie ganz schlecht ist, er schon gar nicht, sonst hätte er mich nicht auf Händen getragen …
      tausend Dank zu dir hin und herzliche Grüsse
      Ulli

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      • In meiner Familie gibt es auch so eine ambivalente Persönlichkeit. Mein Großvater hat mir vieles vererbt, sehr viele gute Dinge, doch leider auch einiges, mit dem ich ganz schön zu arbeiten hatte und habe, auch dieses Erbe nahm ich mit dem anderen zusammen an, trete es an. Großvater konnte mich sehr verletzen, weil er mir so ähnlich war, doch ich liebe ihn immer noch über alles. Er hat mir auch etwas geschenkt… und er hat mir seine Liebe auch gezeigt…
        Wenn jemand schlecht über ihn spricht, höre ich weg. Es ist heute nicht länger wichtig. Darum lautet dieser Spruch ‚über die Toten nur Gutes‘. Das ist mein Verständnis davon, ihren Mehrwert weiterzutragen und zu bewahren. Für ihr Andenken und auch die Zukunft im Bewusstsein, dass sie eben nicht perfekt waren…Denn die Toten leben ins uns weiter…für mein Empfinden jedenfalls. So oft so gern ich an die meinen denke. Rein subjektiv natürlich und gern auch mal herzlich verklärt, wenn es einer guten Sache dienen kann oder wem helfen oder raten…

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  3. Ein irre guter Text, liebe Ulli, der soo viel beinhaltet, das ich nicht kenne und ich staune.
    Ich kannte ja meinen, als König empfand ich ihn niemals, obwohl ich ihn toll fand als er jünger war, lebensfrisch wie mir schien, und ich sein einziges Kind.
    Und doch waren da die Schattenseiten, die mich in die Enge trieben und dann die Veränderungen, die ich vorallem dem Krieg zuordne, der seine liebenden und lebenden Kräfte zerstört hatte.

    Als er starb, war er lange vorher schon von mir gegangen…

    Herzliche Grüße von Bruni

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    • Liebe Bruni, das klingt ebenfalls nach einer traurigen Geschichte! Ich glaube auch, dass der Krieg und die darauf folgende Gefangenschaft die Ursache dafür war, dass er später zum Quartalssäufer wurde, dazu kam, dass meine Mutter ihn nie geliebt hat (sagte sie), ihn nur heiratete, weil sie „musste“ … man kennt das ja mit den unehelichen Kindern in der Zeit …
      liebe Grüsse und geniesse die Sonne, morgen soll es sich ändern, ich habe ab gleich bis Montag einschliesslich wieder einmal Küchentango-
      Ulli

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  4. Liebe Ulli, du hast ja vielleicht wieder ein Thema das mir mal wieder mein Herzl zusammenzieht. Mein Vater……… ein Kapitel für sich, das ewig geliebte, vermisste, gehasste Wesen 😦
    Du hast deine Gefühle dazu in wunderbare Worte gefasst, danke für deine Offenheit. LG Birgit

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    • Liebe Birgit, die Geschichten um die Familie, sei es Mutter, Vater, Bruder, Schwester, Ehefrauen/-männer, die eigenen Kinder und deren Kinder, das sind schon noch einmal andere Geschichten als die der sogenannten Wahlfamilen, jede und jeder hat solche Geschichten, im Guten, wie im Schweren … und ja, wir sind die Genaration ohne Väter, dazu gibst es ein gutes Buch von Sabine Bode, kennst du es?
      herzliche Grüsse
      Ulli

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  5. ja, die väter. auch ich könnte geschichte erzählen.
    aber die wollen nicht raus. irgendwie sind sie verschlossen. und sollen es bitte noch bleiben. schließlich ist ausgerechnet er die einzige familie, die ich noch hab. (also außer dem sohn in 10.000 km entfernung und der angeheirateten familie natürlich)
    er ist noch da. ich bin froh darum.

    liebe grüße in dein kochwochenende.

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    • Liebe Eckei, vorhin schrieb ich weiter oben, wenn die Worte die Geschichten finden ist ein Stück Weg gegangen- ich kann auch erst in den letzten Jahren über meine Mutter, meinen Vater schreiben, erst seitdem meine Mutter gestorben ist, ich kann nicht soweit gehen sie zu verletzen, nur weil sie so war, wie sie war und es für mich oft schwierig mit ihr war … jetzt ist Raum!
      Tausend Dank für deins, geniesse das lange Wochenende, hoffentlich mit noch viel Sonnenschein
      Ulli

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    • Liebe Maren,
      an diesem Gefühl konnte ich mich laben, wenn es sonst gerade nichts gab, was mich labte … es ist wohl Teil meiner „Rettung“
      herzliche Grüsse
      Ulli

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    • Liebe Karin, und ich freue mich so sehr, dass es Menschen gibt, die mitfühlen, ihrs spüren, erzählen oder auch nicht. Ja, deswegen schreibe ich! Hach …
      Ich danke dir und umarme dich zurück
      Ulli

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  6. Ich habe den Text jetzt zweimal gelesen. So viel Inhalt und noch viel mehr Gefühl. Dein Text hat mich sehr berührt. Manchmal braucht es einige Zeit, die Stückeckchen des eigenen Lebens zusammen zu setzen.
    Gruß von der Gudrun

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    • Ja, liebe Gudrun, ich brauchte ein (grosses) Stückchen Zeit (aber es passiert ja auch immer sooo viel 😉 🙂 )
      ich freue mich sehr, dass du mitfühlen konntest. Danke und liebe Grüsse
      Ulli

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    • ungeheuerlich trifft es punktgenau, liebe Sonja, ja, das war sie immer wieder. Heute sage ich: die Arme … schreien ist immer Ausdruck von Hilflosigkeit, sie war so voller Minderwertigkeit und Angst, aber das versteht ein kleines Mädchen natürlich nicht, gut, dass ich wachsen durfte 😉
      und was er tat … nun … das ist ja in mir äusserst fragmentarisch-
      und mit beiden habe ich meinen Frieden gefunden, der Hader wohnt noch in anderen Nischen.
      liebe Grüße
      Ulli

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  7. Pingback: Rückblick # 3 – September |

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