Miniatur – Feigling –

0098a-06-03-16-alte

Ich bin ein Feigling, war es immer schon, im Angesicht einer ganz Alten. Einer, die nichts mehr sieht, kaum noch etwas hört, sich ohne Hilfe von anderen nicht mehr bewegen kann. Warum stirbst du nicht? Dieser zunehmend enger werdende Wahrnehmungs- und Bewegungsraum, die vollgekleckerten Sachen und Dinge, die Krümmel überall, die stickige Wärme in den Räumen, die abgestandenen Gerüche der vergangenen Zeiten, sie schütteln mich. Ich möchte Türen und Fenster öffnen, die Seele aus dem unnütz gewordenen Körper fliegen lassen, wie einst den grünen Wellensittich. Noch einmal den blühenden Apfelbaum schauen, dann frei …

Advertisements

16 Gedanken zu „Miniatur – Feigling –

  1. Ich habe mich manches Mal Dasselbe gefragt in den letzten Lebensjahren meiner Mutter. Wir sehen mit unseren gesunden Augen einen schwerkranken Menschen und können uns nicht vorstellen, dass man so noch leben will und kann. Mich faszinierte, dass es offenbar auch mit schlimmen Einschränkungen immer noch etwas zu geben scheint, für das sich morgens das Aufwachen lohnt. Bei meiner Mutter war es so. Sie schien immer noch etwas zu finden. 🙂

    Gefällt 2 Personen

    • Es muss ja etwas geben, woran sich die ganz Alten noch erfreuen, festhalten, das denke ich auch. Ich gehe hier mit dem Satz, dass man fürs Altwerden Mut braucht, wie ich hier täglich bei meiner Nachbarin H. beobachten kann, die bald 98 wird, sie kann mittlerweile wirklich nichts mehr ohne Hilfe und das tut mir dann schon weh zu sehen und der Wunsch nach Erlösung kommt auf.
      liebe Grüsse an dich
      Ulli

      Gefällt 3 Personen

      • Bestimmt gibt es Menschen, die sich nach Erlösung sehnen, aber vielleicht nicht so viele wie wir denken. Meine Mutter (die in ihren letzten Jahren nicht mehr sprechen, gehen, sich selbst versorgen konnte) schien eher dankbar zu sein für jeden Tag, der ihr geschenkt wurde. Sie war eine intelligente, reflektierte Frau, die an das zu denken schien, was sie noch hatte und konnte, nicht an das andere. Mit dieser Sichtweise kann man wahrscheinlich viel aushalten.

        Gefällt mir

      • Letztlich geht es ja bei all dem auch gar nicht um mich, sondern darum, was der alte Mensch will oder kann, ich habe keinerlei Recht einzugreifen, es ist nur mein Gefühl an manchen Tagen, dem ich hier einen Raum gab.
        herzliche Grüsse
        Ulli

        Gefällt 1 Person

  2. Für einen Zwanzigjährigen ist ein zehn Jahre älterer Mensch bereits alt. Sollten wir dereinst Siebzig oder älter sein, kommen uns die anderen sehr jung oder aber uralt vor. Jedes Lebensalter bringt neue Weisheit und neue Aufgaben mit sich.

    Gefällt 3 Personen

    • Das stimmt alles, was du schreibst, lieber Arno, ich kopiere hier jetzt mal rein, was ich gerade an Anhora schrieb:Ich gehe hier mit dem Satz, dass man fürs Altwerden Mut braucht, wie ich hier täglich bei meiner Nachbarin H. beobachten kann, die bald 98 wird, sie kann mittlerweile wirklich nichts mehr ohne Hilfe und das tut mir dann schon weh zu sehen und der Wunsch nach Erlösung kommt auf.
      liebe Grüsse
      Ulli

      Gefällt 2 Personen

  3. Es muß entsetzlich sein, einen sehr alten lebensmüden Menschen leiden zu sehen und zu wissen, er vegetiert nur noch dahin, weil sein Herz noch schlägt, lebt noch, weil jeder zu feige ist, ihn zu erlösen… Aber empfindet er denn sein Elend? Fühlt er sich wirklich sterbensmüde? Möchte er wirklich sterben?
    Liebe Ulli, es ist ein so schwieriges Thema. Eine Menschenseele, die ihren Körper verlassen möchte, die diese Hülle nicht mehr braucht, nicht mehr will, sie ablehnt, sollte fliegen dürfen.
    Aber dürfen wir unter bestimmten Voraussetzungen eingreifen?
    Eigentlich sollte die Seele von sich aus ihren letzten Flug antreten.
    Sie darf auf keinen Fall verletzt und getreten werden dabei.
    Entscheiden kann eigentlich nur die Seele selbst, denn sie ist frei

    Liebste Gutenachtgrüße an Dich von mir

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Bruni, man darf auf keinen Fall einschreiten. Es entscheidet immer der Mensch selbst. Wie ich schon an Arno und Anhora schrieb, es ist meine Feigheit, mein Bedürfnis und das hat so gar nichts mit dem Menschen selbst zu tun. Ihnen gestehe ich alle Würde bis zu ihrem „freien“ Ende zu. Die Frau um die es mir geht, ist meine Nachbarin, ihr Geist ist noch wach, keine Demenz, nur ihr Körper spielt nicht mehr mit und das tut mir immer wieder weh zu sehen. Ich schrieb es ja, ich bin in dem Punkt ein Feigling …
      liebe Grüsse
      Ulli

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s