Ich

0203-07-09-2016-spiegelbild

Im Buddhismus taucht immer wieder einmal die Frage nach dem Ich auf. Wer ist das Ich? Wie schaut das Ich aus und wo wohnt es? Konfrontiert mit der Frage kam ich schnell zu der Erkenntnis: Ich bin Viele. Was mich aber viel weiter getragen hat, als diese Erkenntnis, ist die, dass das Ich keine Konstante ist. Ich, wie die meisten anderen auch mit denen ich mich darüber auseinander gesetzt habe, wissen von den Etiketten, die uns andere und wir uns selbst auf die Stirne geklebt haben. Sich einzugestehen, dass das Ich, wie alles andere auch wandelbar ist, scheint schwierig zu sein.

Man zimmert sich seine geräumigen Selbstschubladen. Auf der einen steht Hochsensibilität, auf der anderen Depression, auf der nächsten Klugheit, empathischer Mensch, jähzorniger Mensch etc.

Ich glaube an ein Selbst. Ein Selbst, das hinter all diesen Schubladen steckt, in der es sich mehr oder weniger gemütlich leben lässt. Nichts bleibt wie es ist, auch nicht das Ich mit all seinen Glaubenssätzen und Selbstbildern, die, so denke ich jetzt, hilfreich in gewissen Phasen sein können, aber letztendlich keinen Schritt näher zum Selbst führen, besonders dann nicht, wenn man nicht bereit ist die eine und andere Schublade einmal zu entmisten. Zu schauen was davon überhaupt noch heute, hier und jetzt brauchbar oder stimmig ist, was sich im Laufe eines Lebens als Hindernis auf den Weg stellen kann, was zunächst erhellend war.

Connie Palmen schrieb:

„Wer schöpferisch sein will, muss in seinem Leben Dutzende Male sterben. Er muss sich loslösen, von geliebten Menschen trennen, vom Boden, vom Land, der Familie, seinen Freunden und vor allem seinen Ideen, in die er sich eingekapselt hat. Keine Wiedergeburt, ohne dass zuvor ein Tod stattgefunden hat.“

Der Schwerpunkt liegt für mich in den Ideen, in denen man sich eingekapselt hat, eben auch den Ideen von sich selbst.

Als ich jung war und in die Welt ging empfand ich mich als klein, dick, hässlich und dumm. Davon ist nichts mehr übrig, außer, dass ich tatsächlich klein und etwas mollig geraten bin. Ich durfte sowohl meine eigene, mir innewohnende Schönheit kennen und lieben lernen, wie meine Klugheit. Heute las ich bei Cambra Skadé, dass Eigenlob stärkt: https://cambraskade.wordpress.com/2016/09/21/eigenlob-kraeftigt/

Ich kann ihr in allem nur zustimmen.

Ich begreife mich als Übende, als eine Gesellin auf dem Lebensweg, hin zu mir selbst. Viele meiner alten Glaubenssätze durfte ich eliminieren und als falsch erkennen, viele Etiketten habe ich mir von der Stirne gepuhlt, seien es die, die mir andere aufgeklebt haben oder solche, die ich mir selbst verpasste. Wenn ich mich immer wieder daran aufhalte, was ich meine wer ich wäre, was ich kann oder nicht, dann bleibe ich in dem Rad der Selbstsabotage hängen, bleibe ewiges Opfer und die viel besungene Selbstverwirklichung bleibt auf der Strecke.

Das Selbst an das ich glaube, das mich weitergebracht hat und bringt, ist der Anteil in mir, der von manchen PsychologInnen als die innere Chefin/der innere Chef bezeichnet wird. Dieser Anteil weiß sehr genau was mir gut tut, was nicht und wohin der Weg geht, auch wenn ich es mal nicht weiß. Die Kunst besteht darin diesem Anteil zu lauschen und zu folgen.

Dieses Selbst zeigt sich in meinen Bildern und Schreibereien, wenn ich mich frei gebe, wenn ich den Linien, den Formen, den Worte folge, statt sie zu biegen, zu brechen und meine mich an irgendwelche Richtlinien halten zu müssen oder gar anderen nacheifere oder meine mich vergleichen zu müssen. Solange ich mich verglichen habe, habe ich immer nur verloren. Je mehr ich meiner inneren Chefin folge und den Linien, den Punkten und Worten, umso mehr Weite spüre ich in mir, umso weniger fühle ich mich als Gefangene meiner selbst oder der Gesellschaft, umso unabhängiger werde ich von der Meinung anderer über mich und ihren Urteilen. Conny Niehoff schrieb vor einiger Zeit, dass man als Künstlerin lernen muss damit zu leben, dass man polarisiert. Ich füge hinzu: als Mensch muss ich lernen, dass ich polarisiere, wenn ich mich in meiner Nacktheit, meinem SoSein zeige.

Es ist kein einfacher Weg. Es ist, wie es Cambra so treffend schrieb: „Es ist ja nicht selbstverständlich, dass wir bis zu dem Punkt gekommen sind, an dem wir jetzt stehen. Wir haben Klippen erfolgreich umschifft, Wüsten durchwandert, unzählige Erfahrungen im Gepäck, wir wissen wie man über Pässe kommt und durch strenge Winter. Wir wissen, dass es immer wieder Frühling wird und vertrauen. Das ist so viel …“

Es scheint so viel einfacher sich hinter den eigenen Glaubenssätzen zu verstecken, Hindernisse zu analysieren, der Gesellschaft, dem eigenen Umfeld die Schuld dafür zu geben, dass man sich selbst nicht folgen kann. In meinen Augen steht dahinter die Angst. Die Angst vor sich selbst, vor dem Scheitern, nicht gut genug zu sein und letztlich die Angst vor dem Erfolg, sowie vor der Erkenntnis, dass das Ich ein anderes ist, als man es sich selbst gezimmert hat.

Es geht ums Tun … es geht ums Sein …

Advertisements

21 Gedanken zu „Ich

    • Da muss ich nun doch schmunzeln, denn mir fiel nachher doch noch einiges ein und hoffte auf den einen und anderen Einwand, sodass ich das noch hinzufügen könnte, aber nun, ich freue mich natürlich auch, wenn dieser Text so, wie er dann eben für mich im Moment fertig war, ankommt, gerade auch bei dir, denn ich weiss, dass du ein kritischer Leser und Schauer bist und das ist gut so!
      herzliche Grüsse sende ich dir
      Ulli

      Gefällt mir

    • Lieber Jürgen, es war nicht so gemeint, dass der/die KünstlerIn polarisieren soll, sondern dass es passiert …
      die Überraschung ist mir natürlich auch sehr lieb und finde ich doch selten in letzter Zeit, das liegt aber vielleicht auch einfach nur daran, dass ich ins Alter gekommen bin und schon so einiges sah, las und hörte. Allerdings habe ich einen sehr jungen Freund, der mich mit seinen Gedanken immer wieder überrascht …
      ich grüsse dich sehr herzlich
      Ulli

      Gefällt 1 Person

  1. Sehr gescheit, sehr genau, sehr auffordernd, sehr richtungsweisend…Supertext, liebe Ulli! Nur – die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube, ob ich das alles so hinkriege als unverbesserliche Schwellenhockerin, Geheimniskrämerin, FlausenimKopfhaberin, ihren Leidenschaften Verfallene…?
    Das Leben ist einfach sauschön, ds zumindest kann ich sicher sagen. Sei lieb gegrüßt!

    Gefällt 2 Personen

    • Du Liebe, manche Schubladen sind ja auch schön und wohlig und vielleicht sogar geräumig und kein bisschen hinderlich sich an dem schönen bunten Leben zu erfreuen, es mit allen Sinnen zu leben und zu sein. Es ging mir hier wohl auch eher um die, die einen hindern in der eigenen Kraft zu sein und daraus zu schöpfen …
      liebe Grüsse sende ich an dich durch die Nacht
      Ulli

      Gefällt mir

    • Ich grinse, liebe Gerda, als Manifest begreife ich das Ganze nun nicht, aber es sagt zumindest wo es für mich lang geht …
      liebe Grüsse vom nächtlichen Berg zu dir in die ewige Stadt
      Ulli
      immer wenn ich an Rom denke, denke ich an das dortige Pantheon, das mich so beeindruckt hat … und an die Ruinen voller Katzen- ich bin sooo auf deine Eindrücke gespannt!

      Gefällt 1 Person

  2. Das Selbst, das Ich, das Ich, das ich bin…
    Ich bin so viel und vielfältig und doch bin ich eine einzige Person, eine, die sich schwer und leicht tat und tut zur gleichen Zeit. Ich bin und weil ich bin, bin ich das Individuum, das sich im Laufe der Jahre immer wieder veränderte und nun erkennt, ich bin, mitsamt meinen Fehlern, Schwächen, Ängsten, Stärken, mit meinem Geist, meiner Seele, meinem Fühlen und Denken…

    Sich selbst anerkennen ist wichtig, liebe Ulli und ich denke, genau das tust Du und Dein Ich hat sich selbst gezimmert, durch alle Erfahrungen in all den Jahren. Dein reger Geist weitet sich immer weiter und in der Weite geht es ihm gut. Dein inneres Ich ist weise, es kennt Dich, ihm kann keiner etwas Falsches über Dich erzählen und ich glaube auch, Du hörst seiner Stimme sehr genau zu und folgst ihr.

    Ich mache mir keinerlei Gedanken über Dein Ich, denn es ist stark .
    Stark sind auch Deine Worte, aus denen Deine Gedanken sprechen

    und ich grüße Dich lieb zur Nacht
    Bruni

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Bruni, nun sitzen wir beide gerade an den rechnern und schreiben uns hin und her und her und hin, schön ist das!
      Du sprichst etwas sehr wichtiges an, zu sein mit allem, mit allen fehlern, Schwächen, Stärken etc., gleichzeitig ist es auch genau das, was sich immer wieder ändert, manche Schwächen werden zu Stärken und umgekehrt und manche Fehler begeht man nicht immer und immer wieder, weil man ja bekanntlich aus ihnen klug wird. Selbst Depressionen sind heilbar und mit der Hochsensibilität kann man gut leben, wenn man auf sich achtet und all das funktioniert eben nur, so, wie du es auch schreibst, indem man ersteinmal ja zu sich und seinem Sein, den eigenen Gefühlen gesagt, wie auch immer sie aussehen, sei es Wut, Trauer, Freude, Liebe, im Ja liegt für mich die Kraft der Veränderung.
      Ich danke dir, dass du so an mich glaubst, wie du es tust …
      allerherzliche Grüsse vom Berg zu dir hin
      Ulli

      Gefällt 1 Person

  3. Warum sollte ich nicht an Dich glauben, liebe Ulli? Du bist eine starke Person, das ist gut zu erkennen und Deine Texte sind voller guter Gedanken.
    Um diese Zeit werde ich immer müde und suche nach meinem Bett, so ist es auch jetzt.
    Ich muß nur das Katerchen vorsichtig von meinem Schoß bugsieren, dann kann ich mit dem Zubettgehen beginnen *lächel*

    Bis morgen
    Bruni

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s