Reisenotiz – 5 – Spaltung

0167 10.09.15

Auch wenn ich von hier nach dort gereist bin, war es eben keine Ferienreise. Ich bin zu meiner Freundin und ihrem Mann gefahren, um sie bei der Renovierung ihres Häuschens zu unterstützen, aber auch, um sie zu bekochen. Manches ist eben nicht mehr einfach so zu wuppen, wenn man einen ganz normalen Arbeitstag mit Fahrtstunden hat, eine kranke Mutter begleitet und ein erworbenes Fachwerkhäuschen quasi neu aufbaut. Da sind so ein paar Tage Unterstützung Willkommen. Und wie Willkommen! Ich schrieb in der Mitte der Woche in mein Gedankenauffangbuch: „Wie schön es ist mit und für andere etwas zu tun und sich dabei Willkommen zu fühlen.“

Zwischendrin war immer viel Raum für mich, um noch eine Freundin und einen Freund in der Nähe zu besuchen, alleine durch die Gegend zu stromern und zu fotografieren, Zeitung zu lesen. Ich bin also nicht, wie sonst so oft, aus den Nachrichten ausgestiegen, so kam es zu folgendem Eintrag:

Eine viel gehörte und gelesene Floskel dieser Zeit lautet: „Das Volk ist gespalten“. Gemeint ist nicht immer das selbe Volk, mal ist es das türkische, mal das britische, dann das polnische und auch das deutsche. Ganz ehrlich (?), das Menschenvolk ist gespalten. Gespalten in Tradition und Fortschritt, in arm und reich (sowieso), in regional und global, in sozialem, humanitärem Denken und Handeln und kapitalistischer Ausbeutung, schlimmer denn je, in Wachtumsgedanken auf Deubel-komm-raus und Ressourcenverwaltung, in weiß und bunt, in Religiösität und Spiritualität, in Frauen- und Männerwelten. Die Liste lässt sich fortführen und ist weit mehr als nur die jeweilige Seite ein und der selben Münze.

Dieser Sommer oder Nichtsommer, je nachdem wo man Zuhause ist, zeigt die Spaltung deutlicher denn je. Was er aber kaum zeigt sind Lösungen. Die konträren Seiten erheben jede für sich eine zur Allgemeingültigkeit erklärte Wahrheit, die in meinen Augen immer nur relativ sein kann. Arroganz und Populismus schreien laut und lauter, während noch immer Tausende im Mittelmeer ertrinken oder an flugs errichteten Zäunen im Elend hocken.

Keine Kreise um eine Mitte herum, in dem man zuhört und erst spricht, wenn die Eine, der Andere endet, sich der Raum für das eigene Herzwort öffnet. Herzwort? Mit dem Herzen zuhören und mit dem Herzen auf der Zunge sprechen wird kaum gelehrt oder geübt. Dabei gibt es „Council“ und „GFK“ – wieder so etwas, dass ich gerne als Schulfach verankert sähe. Noch immer gilt in der Welt: je lauter, je rhethorischer umso mächtiger und wahrer (?). Hieran habe ich bei der Betrachtung von Hannah Höchs Bild „Der Mensch schreit“ gedacht.

DSC02392

Es braucht viel Zeit, um die Dinge zu durchdringen, um sie zu verstehen. Zeit, die kaum eine_r hat. Die Taktung von Arbeit, Familie, Freundschaften und sogenannter Freizeit hat einen Gürtel, der immer noch enger geschnallt wird. Atemnot ist die Folge. Meditation und Yoga damit man es doch noch schafft, ohne größeren Schaden zu nehmen, irgendwie… In der Ferienzeit wird gewandert, gepilgert, geradelt, um wenigstens hier den eigenen Weg zu erfahren, den man dann oft im Alltag mit all seinen Zwängen, nicht halten kann. Fasten ist eben nicht Hungern.

Was im Großen kaum zu finden ist, wird wenigsten in den eigenen kleinen Kreisen von Partnerschaften, Familie und Freundeskreisen kultiviert (nein, nicht in allen!). Hier ist das Feld, um Miteinander und Aufeinanderzu zu leben, um alles bis hierher Erfahrene und Erlernte, als stimmig Erkanntes, zu leben. Hier kann man üben dem/der anderen eine eigene Meinung zuzubilligen, den Anderen anders sein zu lassen und sich trotzdem nah zu bleiben.

Angst und Wut sind schlechte Berater_innen, und doch sind sie es, die in diesen Zeiten laut sind und die Spaltungen größer werden lassen. Der Quantensprung der Menschheit bleibt aus. Ich stimme Henry Thoreau zu, der in seinem Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“ vor 150 (!) Jahren schrieb, dass die Menschheit an sich noch nicht sehr weit gekommen ist. Zivilisation hat wenig mit geistigem Fortschritt zu tun, mehr mit der Fütterung von Bequemlichkeitsgelüsten einiger weniger.

Ähnliches ging Irgendlink auf seinem Nachhauseweg am Rhein entlang durch den Kopf, nachzulesen hier→

Hier enden meine Reisenotizen, zeigen werde ich noch das eine und andere Bild von unterwegs.

Anmerkungen

wer mehr über Council erfahren möchte kann hier nachlesen:

http://www.hrweb.at/2011/09/council-ruckkehr-zum-zuhoren/

http://www.umweltbildung.at/cms/download/1386.pdf

GFK ist die Abkürzung für: GewaltFreie Kommunikation

https://de.wikipedia.org/wiki/Gewaltfreie_Kommunikation

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18 Gedanken zu „Reisenotiz – 5 – Spaltung

  1. Die Gedanken um die Spaltung in allen Ländern, Schichten und überall dort, wo Menschen sind.
    An Spaltung zwischen diesem und jenem hatte ich bisher noch nicht gedacht, aber es ist ein guter Gedanke.
    Gedanken sollten ja verbinden und doch können auch sie spalten, wenn die Meiungen sehr auseinanderdriften oder auch Menschen zusammentreffen, von denen einer mit Worten und der andere schnell mit den Fäusten spricht.
    Körperliche Gewalt gegen geistige Auseinandersetzung.

    Hannah Höschs Bild ist mir gut in Erinnerung, doch ich sah hier nur die nackte boße kleine Menschengruppe, die die Mäuler aufreißt und sich lautstark Luft macht. Der Ruf nach Gehör…
    in die Luft oder an eine Obrigkeit, die tut was sie will… auch Hilflosigkeit

    Lieber Gruß von mir zu dir, liebe Ulli
    Ich glaube, Du hattest einen feinen Urlaub 🙂

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    • Liebe Bruni, Ich mag deinen Blick auf Hannah Höchs Bild! Verschieden zwar von meinem, aber letztlich für mich eine willkommene Ergänzung.
      ich suche, seitdem ich denken kann, Verbindendes, versuche immer wieder Brücken zu bauen oder lasse geborstene Brücken erst einmal zerborsten sein, wenn ich kein Werkzeug für die Reperatur in der Tasche habe, wenn ich erkennen muss, dass die andere Seite nur Recht haben will, nicht zuhören will, keine andere Meinung, als die eigene gelten lassen kann, dann spreche ich von Spaltung, mit der mir nie wohl ist!
      Ja, meine Auszeit war sehr bereichernd. gerade eben könnte ich schon wieder meine Koffer packen, aber das ist eine andere Geschichte!
      liebe Grüsse
      Ulli

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    • Mir gefällt deine Interpretation des Bildes. Hanna Höch zeigt Kleinkindverhalten von Erwachsenen Menschen. Mama, Papa schreien sie, tu, mach, hilf! anstatt sich verantwortlich zu verhalten. Teils haben die Schreier die Augen hermetisch geschlossen.

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  2. *g*, das mit dem Kofferpacken kann ich gut nachvollziehen. Würd ich im Moment auch gerne…

    An Spaltung mit genau diesem Begriff dachte ich in diesem Zusammenhang eigentlich nie, aber es stimmt ja, überall dort, wo Disharmonie ist, Menschen sind nicht verstehen können oder wollen, ist es eine Spaltung.
    Ich bin auch die Versöhnende, die Spaltung schlecht verträgt, schlichtet, erklärt und beruhigt, andere Gedanken dazu denkt u. oft werde ich dann angegriffen. Es ist aber nur im engen Umfeld so und es kostet Kraft, viel zu viel…

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      • Manchmal würde ich auch gerne fluchen, liebe Ulli, aber es liegt mir nicht. Bis ich einen Fluch zusammenhabe, habe ich mich schon wieder runtergeholt aus meiner Emotion *g*.
        Wir haben halt nur eine gewisse Menge an Kraft, an Energie zur Verfügung u. ist sie verbraucht, geht es uns nicht gut, es sei denn, wir können uns eine kreative Pause gönnen. Manchmal hilft sie!

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    • Ja, liebe Barbara, ich erlebe mich dann auch immer mit weit offenen Augen und Ohren. Dieses Mal habe ich es auch geschafft am Abend meine Reiseeindrücke aufzuschreiben, was mir nicht immer gelingt. Ich freue mich darüber sie mit euch teilen zu dürfen und auf offene Ohren (oder soll ich lieber Leseaugen schreiben) stosse.
      liebe grüsse
      Ulli

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  3. Pingback: Rückblick # 4 – August |

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