Reisenotizen – 2 – Leerstand

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Wann immer ich in den letzten Jahren in kleinen und größeren Städten unterwegs bin, springt mich der Leerstand an. So viele Geschäfte, die schlossen und nicht mehr wiederbelebt wurden, so viele Häuser, die nicht renoviert werden, wohl weil der Denkmalschutz zu teuer ist oder es sich so wunderbar damit spekulieren lässt?

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Es gibt zu wenig bezahlbaren Wohnraum heißt es immer wieder und nicht erst seit gestern. Mit etwas gutem Willen, denke ich, könnte man doch die meisten der leer stehenden Läden und Häuser Wohnraum werden lassen. Was hindert die Besitzer? Es gibt Förderungen für so einiges…

Ich habe drei Fotomontagen zum Thema gemacht. Schön ist anders. Ja. Aber es geht nicht immer nur um schön. Es geht um das was ist. Ich lernte einst, dass Kunst auch immer Spiegel der Jetztzeit ist. Jetztzeit hat viele hässliche Gesichter, stellt Fragen, gibt gebetsmühlenartige Antworten, die mir nicht reichen, die ich versuche anders zu beantworten.

Als der Liebste gestern Abend das zweite Bild betrachtete, sich seine Stirn runzelte, ich nachfragte was er empfand, sagte er: Das ist Endzeit. Endzeitstimmungen tuen weh.

Stimmt. Es ist eins Ruinen als willkommene Fotosujets zu empfinden, das andere sind die Geschichten dahinter, um die es mir aber geht. Ruinen gegen Legohäusersiedlungen, Gärten zu Steinwüsten, Liebe zum Detail war gestern, Kunst am Bau ist heute oft nicht mehr als eine Gefälligkeit.

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Die Kraft des Lebens und ihre vielzähligen Formen umranken, umwuchern die Steine und Betonwände, die wir Menschen dem Nagezahn der Zeit überließen. Was malerisch oder fotogen erscheint, ist für mich oft eine große Traurigkeit.

Dieses Thema, wie auch die gefällige Seite der Kunst werden mich noch etwas länger beschäftigen, für heute soll es genug sein.

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31 Gedanken zu „Reisenotizen – 2 – Leerstand

  1. Dieser Leerstand ist hier im Osten besonders extrem… wunderschöne Städte, aber tot, weil so viel Leerstand. Wohnungen gibt es da genug… Anders als in Hamburg oder Berlin… gerade in Hamburg haben wir soviel Büroleerstand und trotzdem wird neu gebaut… damit lässt sich eben mehr Geld machen als mit Wohnungen. Ich erlebe es ja gerade selber leidvoll… in Berlin was zu finden ist extrem schwierig und da es für mich nur ein Zweitwohnsitz ist, sind die Mittel beschränkt

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    • Das ist wohl wahr, dass der Leerstand im Osten besonders gross ist, auch und besonders im ländlichen Raum, wo es zudem an Infrastruktur fehlt und die Arbeitslosigkeit richtig gross ist, man hat den Menschen dort zwar blühende Landschaften versprochen, dann aber Wüsten geschaffen.

      Ich hörte letztens einen Bericht in dem gesagt wurde, dass man in Berlin nun in leerstehenden Bürohäusern Ateliers eingerichtet hat, die sich aber bestimmt auch nicht jedeR leisten kann?!
      Wohnungssuche in B war immer schon schwierig, bekommst du denn keine Unterstützung vom Arbeitgeber?
      liebe Grüsse
      Ulli

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  2. Kommt wohl auf die Gegend an, hier wird alles was nich steht und leer ist renoviert, ausgebaut… .
    Aber weiter in strukturell schwachen Gegenden sieht es auch nach Zerfall aus.
    Ohne Arbeit macht es wenig Sinn dort Wohnraum zu schaffen.

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    • Das ist wohl eher eine Ausnahme, wie du es aus deiner Stadt beschreibst, ich beobachte es grad anders herum. Ja, es braucht auch Arbeitsstätten oder eine Verkehrsanbindung an grössere Orte, sonst macht Wohnraum wenig Sinn, ich stimme zu. Am Rhein gäbe es genügend Städte für Arbeitsstellen und Verkehrsanbindungen, ich denke hier wirken andere Kräfte.
      Danke für deins und herzliche Grüsse
      Ulli

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    • Ich verfolge interessiert die Kommentare. Gerade befinde ich mich in Bonn. Auf dem Venusberg, wo ich lebe, trifft die Aussage mit der Gegend zu. 1a Lage (Uniklinik und Höhenlage) hier wird gebaut, abgerissen, es gibt keine freien Wohnungen oder Häuser, bei einem Mieterwechsel stehen 50 + Interessenten vor der Tür. Es gibt mehrere Bonner Gegenden die ähnlich gefragt sind, insbesondere von den Studenten. Und dann gibt es die dunkle Seiten die du beschreibst, mit dem erschreckenden, heruntergekommenen Leerraum. insbesondere im Geschäftsbereich.
      Ich bin gespannt wohin es führt.. Auch für dich. Und für uns (wegen Brexit.) Deine Collagen sind wie immer sehr berührend, Ulli. Ein bedrückendes Thema, Seufz.
      Herzliche Grüße zu dir aus dem Rheinland,
      Hanne x

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      • Liebe Hanne, hab vielen Dank für deinen Kommentar, der mich gerade sehr berührt- es ist in der Welt wirklich sehr schwierig geworden und bei allem Mut und allen guten Ideen scheint doch wenig davon zu greifen- die menschlichen Mühlen mahlen langsam, ja, das weiss ich und doch drängt so vieles nach einer Lösung. Weisst du woran ich immer wieder denken muss? Es ist ein Satz von vor gut 18 Jahren, damals sagte eine Bekannte zu mir, dass wir (also die Menschheit) sich eine Technologie geschaffen hat, die schneller ist, als es das jetzige menschliche Gehirn verarbeiten kann- tatsächlich habe ich immer wieder das Gefühl, dass ich nicht nachkomme/mitkomme, ein Gefühl, dass ich früher so gar nicht kannte- nun kann man sagen, dass ich ja auch um einiges älter geworden bin, aber ich glaube eben, dass es das alleine nicht ist.
        Ich freue mich sehr, dass dich meine Collagen immer wieder berühren, danke dir ❤
        ich sende dir Herzensgrüsse nach Bonn und hoffe und wünsche euch eine gute Lösung für eure Zukunft
        Ulli

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    • Während ich eure Kommentare lese und gerade erst einmal Gerdas Link gefolgt bin (siehe unten), denke ich, dass die Menschen sich wieder mehr selbst organisieren müssen, statt auf Hilfe von „oben“ zu hoffen, da schlägt das Prinzip Hoffnung schnell in Resignation und dem Ruf nach dem starken Mann, der alles richten soll, um.
      herzlichst
      Ulli

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  3. Deine Gedanken teile ich. In den Bergdörfern, die wir im Juli durchwanderten, war es ähnlich. Oft fragte ich mich dann: Könnte/wollte ich denn hier leben? Und dass weniger wegen Landschaft/Umgebung, sondern wegen Infrastruktur, den Unbilden der Natur (Wetter im Winter) und so weiter.
    Es ist eine langsame VomLandindieStadt-Flucht. Antworten habe ich keine, Lösungen eh nicht.
    Ich mag die Bilder, das zweite am besten. Es zeigt diesen Konstrast so stark, den du beschreibst.

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    • Liebe Soso, ds Phänomen „Landflucht“ wirkt ja schon seit vielen Jahren und ganz ehrlich, ich wollte auch nicht in einem Bergdorf leben, hier ist es ja schon oft so unglaublich einsam und für jeden Furz muss ich ins Städtchen fahren, Verkehrsnetz = Null. Es braucht wieder viel mehr Eigeninitiative und die Unterstützung von anderen, um solche Orte neu zu beleben.
      Ich aber fand diesen Leerstand nicht abgeschnitten von der Welt, sondern in Kleinstädten mit Arbeitsmöglichkeiten und gutem Verkehrsnetz, hier sind es die Schnäppchenjäger, die kleine Läden schliessen lassen…
      Gerade denke ich an den Vortrag, den ich im letzten Jahr gehört habe, in dem viele positive Beispiele genannt wurden was möglich ist, wenn Menschen sich selbst organisieren, hier liegen Lösungsansätze- und heisst es nicht schon lange: allein machen sie dich ein?!!!
      herzliche Grüsse
      Ulli

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  4. Deine Collagen gefallen mir ausgezeichnet – keine Wunder, denn du hast eines meiner Hauptthemen sehr eindrucksvoll gestaltet. Was mich wundert, ist, dass dich das Thema in Deutschland angesprungen hat. Komm erst mal hierher, da hast du bei jedem zweiten Haus die Wahl: ein heiles oder ein kaputtes, leerstehendes zu bewundern. Seitdem uns die Krise plagt – Immerhin geht sie schon ins 7. Jahr – ist es schlimmer geworden. Viel schlimmer.- Unvorstellbar viel schlimmmer.

    Erstmals gestaltete ich das Thema 2008, https://gerdakazakou.com/2015/10/29/geschlossene-stadt/
    Liebe Grüße von Gerda

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    • Ich bin sehr gespannt was ich alles in deiner Wahlheimat sehen, erleben und erfahren werde. Im Prinzip liegen ja in Krisen immer auch die Chancen für Neuanfänge, dazu aber müssen sich die Menschen auch selbst organisieren, sich gegenseitig unterstützen, was schwierig ist, wenn Mutlosigkeit und Ausgebranntsein vorherrschen und Hoffnung gestorben ist, und doch gibt es diese Ansätze, wenigstens hier. Man muss dran bleiben…
      Ja Gerda, das ist schon ein grosses Thema und ich werde es weiter verfolgen.
      Der Leerstand im Kontrast zu immer noch höheren und erst einmal glitzernden Neubauten von Bürotürmen bestimmen schon länger das Bild in D. Es wird spekuliert auf Deubel komm raus, der Turbokapitalismus kennt kein Mitgefühl!
      Bleiben wir dran, bleiben wir Mensch, weiterhin schwinge ich mit dem Satz: stay open!
      herzlichst Ulli

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  5. und doch ist es auch hier, liebe Gerda, und Ullis Collagen zeigen es gut und treffend und deshalb sind sie echt klasse und Kunst sollte nie gefällig sein, sondern das zeigen, was trifft, den Nagel auf den Kopf oder mitten ins Herz. Das schaffst Du, liebe Ulli.
    Endzeit sieht nochmal anders aus, jedenfalls in meiner Fantasie, und doch erinnert jedes Deiner Bilder an das Vergangene, das Vorbei, das nun nur noch Hinfällige, das Zerstörte, das mal betörte,
    an Zeiten, die nie mehr wieder kommen.

    Zeilen und Bilder, die berühren, hast Du geschaffen

    Herzlichst Bruni mit einem kleinen winzigen schlafenden Zauber auf der Schoß *lächel*

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    • Ach Bruni, deine Worte … ich danke dir! Du machst mit Mut hier einfach weiterzumachen, das zu zeigen und das zu sagen, was mir auf der Seele brennt, nochmals DANKE.
      liebe Grüsse
      Ulli
      geniesse den schlafenden Zauber, ich fahre jetzt gleich auch zur Tochter, sie hat heute Geburtstag und dann sehe ich auch meine zwei kleinen Zauberwesen wieder- freu!!!

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  6. Das mittlere spricht mich am allermeisten an, liebe Ulli!
    Natürlich mußt Du so weitermachen! Es ist ein irre guter Weg, den Du gehst

    Genieße die Kleinen *lächel*

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    • Spannend finde ich ja auch immer, wenn ein Haus zwischen anderen abgerissen wird und noch Tapetenreste an den Wänden hängen und ähnliches. Ja, alte Häuser beherbergen immer viele Geschichten!
      Mein Sohn macht u.a. Wohnungsauflösungen und hat schon öfters davon gesprochen wie traurig es ihn macht diese ganzen persönlichen Dinge auf den Müll werfen zu müssen, die niemand mehr haben will, die auch nicht verkauft werden können. Trauriges Memento mori … ja.
      ich grüsse dich herzlich
      Ulli

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  7. Pingback: Sonntagsbilder – Reisebilder |

  8. Nicht „schön“, aber dennoch sind deine Collagen „ästhetisch“, liebe Ulli, so wie auch der Verfall eine gewisse Ästhetik hat, wenngleich eine traurige. Mich spricht übrigens auch das mittlere Bild am meisten an, es gefällt mir am besten. Ich musste spontan an die Vertreter des kritischen Realismus denken, vor allem an die Collagen von Wolfgang Petrick.

    Das Thema, das du aufgegriffen hast, ist wirklich ernst und besorgniserregend. Kürzlich habe ich einen interessanten TV-Bericht über die Auswirkungen des sogenannten Neoliberalismus in England gesehen. Ja, es ist erschreckend, dass die Nichtreichen regelrecht aus den Städten verdrängt werden, weil sie die Mieten nicht mehr zahlen können, und sie können sogar in Kleinstädten und Dörfern keine Häuser mehr kaufen, was in England für fast alle Schichten immer möglich und auch üblich war. In Deutschland die gleiche Entwicklung. Was du vom Leerstand beschreibst, ist mir hier bislang auch hauptsächlich in Kleinstädten aufgefallen, es begann sicher schon vor 20 Jahren. Da fällt mir ein, ich wollte mir doch unbedingt das Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty kaufen…

    In südlichen Ländern ist die Landflucht ja noch viel ausgeprägter, da sind ganze Ortschaften verlassen und verfallen. Auf Sizilien gibt es ein interessantes Projekt, dort wird ein schönes altes Bergdorf wiederbelebt. Viele Bewohner haben den Ort mangels Arbeitsplätzen schon vor langer Zeit verlassen und sind in Großstädte oder aufs Festland gezogen. Der Bürgermeister hat die Besitzer angeschrieben und angeregt, dass sie ihre leerstehenden Häuser verkaufen. Sie werden für nur einen Euro angeboten. Die Käufer müssen sich aber verpflichten, die Gebäude innerhalb von drei Jahren zu renovieren. Klingt irgendwie gut, aber die Renovierungskosten kann sich halt auch nicht jeder leisten und wer weiß, vielleicht wird es doch eher ein Touristenort, eine Art elitärer Enklave und ist nur zu bestimmten Jahreszeiten belebt, zumal die Käufer aus aller Welt stammen. Aber die Idee an sich finde ich gut und vor allem schafft sie Arbeitsplätze vor Ort, denn nun haben auf einmal alle Handwerker Arbeit.

    Liebe Grüße,
    Ute

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    • Ein interessanter kenntnisreicher Kommentar, hat mir sehr gefallen. Eine Richtigstellung: das Dorf liegt nicht in Sizilien sondern auf der Stiefelsohle Italiens, also etwa dort, wo das Buch „Christus kam nur nach Eboli“ spielt…

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    • Liebe Ute, ich hörte von ähnlichen Projekten in Spanien… und mich beeindruckte vor vielen Jahren, was auch die Biobranche, die jenseits von Normen in Grösse und Aussehen arbeitet, z.B. in der Region Kalamata und in Regionen in der Türkei schaffte- da wurden alte Früchte wieder kultiviert, morderate Preise wurden gezahlt, Landstriche wurden wiederbelebt. In diesen Zeiten gründen sich immer mehr Genossenschaften weltweit, das sind die ehrlichen und von mir wertgeschätzten Projekte in einer Welt der Spekulation und Korruption.
      Ich schwinge schon immer mit den „kleinen Leuten“, weil ich selbst ein kleiner Leut bin?
      Dass die mittlere Collage den meisten gefällt, verstehe ich, der Leerstand von Betonklötzen ist um einiges hässlicher, als der von ehemals stilvollen Villen…
      ach, es gäbe noch so viel dazu zu sagen, aber ich bin gerade eben sehr müde, verzeih!
      ich danke dir für deins, ich freue mich sehr dich wieder hier zu lesen und grüsse dich sehr herzlich
      Ulli

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  9. Pingback: Spekulationen und Wohnungsnot |

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