Bumerang

13 06.01.11 AugenBlick

„Erzähl mir etwas von dir.“ Auge in Auge saßen sie sich gegenüber. Seine tiefbraun, fast schwarz, ihre himmelblau mit einer Spur Traurigkeit darin.

Was sollte sie ihm erzählen? Allein bei dem Gedanken an ihre alten Geschichten wurde sie müde. Bitte keine Wiederholungen mehr! Sie schüttelte den Kopf. Sie wollte nichts von sich preisgeben, nicht jetzt, nicht heute, nicht hier. Sie brauchte den offenen Raum, das sagte sie aber nicht. Sie schaute ihn an.

Er hatte die linke Augenbraue hoch gezogen. Das sah gekonnt aus und brachte sie zum schmunzeln.

„Du willst nicht, nichts von dir erzählen?“ Ungläubig stellte er die Frage und wusste es doch, sie würde bei ihrem Kopfschütteln bleiben. Aber wieso? Sonst wollten die Frauen doch immer alles teilen, sich, ihr Leben, mit Einem, der dann verstehen sollte, sie. Wer war diese Frau, die lächelnd den Kopf schüttelte?

Sie hatten sich keine Sekunde aus den Augen gelassen, als würde sich der jeweils Andere auflösen, würden sie nur einen Moment lang wegschauen. Als könnte etwas aufflackern, dass sie dann verpassen würden. Noch einmal schüttelte sie den Kopf.

„Erzähl du mir etwas, etwas, das kein Lebenslauf ist, nichts über deine Hobbies, nichts über deine Arbeit.“ Sie hatte ihre Hand auf seine gelegt. Wie klein und zartgliedrig sie war, wie weich ihre Haut, wie schön das natürliche Rosa ihrer Fingernägel. Er spürte wie er fiel.

Scheiße! Jetzt kam der Bumerang. Sein Geschwür aus Schmerz, Schuld, Verdrängung, Verlust und Trauer brach auf. So war das nicht abgemacht, er wollte doch nur … ja, er wollte nur ficken, keine Liebe, ein paar Nächte und gut war`s. Das klappte doch sonst auch. Lieber war er wütend, als traurig, seitdem… Sein Panzer stählte sich wieder, er richtete sich auf, zog seine Hand unter ihrer hervor, abrupt.

Sie stand auf, nickte ihm und sagte: „Danke für deine Geschichte“, drehte sich um und ging. Er starrte auf ihren geraden Rücken, ihren leichten Hüftschwung, unfähig zu reagieren. Gestalt, Silhouette, Punkt, weg.

 

Wieviel Wut in seinen Augen gestanden hatte! Sie schüttelte sich. Keine Wiederholungen mehr! Wie ein Mantra kreiste der Satz in ihr, breitete sich aus, schlug Wellen, auf denen sie sich treiben ließ. Weg von ihm, dessen Blick sie noch immer im Rücken spürte, wie auch seine Wut. Sie schüttelte sich erneut, ihn von sich weg.

Die kühle Nachtluft tat ihr gut; wegzugehen, weiter zu gehen auch. Es ging ihr gut mit sich selbst. Sie war gesprungen, weg von einem anderen, weg von Lügen, Ausflüchten, Wutausbrüchen und Verachtung, das war noch nicht so lange her.

Liebe war ein großes Wort. Liebe hatte einmal viel versprochen, nichts gehalten und schon gar nicht sie. Liebe hatte immer nur zu Entzweiung geführt. Davor und dazwischen die Illusion von Wir. Wir schaffen das, wir packen das, wir lieben uns doch. Wir war in den ausgetrockneten Brunnen gefallen, ohne ein Echo zu hinterlassen.

Ihr Handy klingelte. Mist, daran hatte sie nicht gedacht. Sie drückte ihn weg, riss das Handy auf und ließ die Sim-Karte in den nächsten Gully fallen. Morgen würde sie sich eine neue Prepaidkarte besorgen. Er hatte nur diese Nummer, keine Adresse, er wusste nichts von ihr. Sie hatte nichts von sich preisgegeben, sie lachte.


Zwischen zwei Menschen, wenn sie in der Bindung nicht der Illusion verfallen, Eines zu werden, kann schon wieder eine Welt entstehen.“

Hannah Arendt

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36 Gedanken zu „Bumerang

  1. Liebe Ulli, ob du oder eine andere diese Geschichte geschrieben hat, ist nicht wichtig – wichtig ist nur, dass sie trifft und Erinnerungen weckt. Doch es ist nicht leicht, in so einer Situation diese Stärke aufzubringen.
    Nur gut, dass ich in meiner Jugend keine SIM-Karten in den Gulli werfen musste 🙂
    Liebe Grüße zu dir

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    • Liebe Clara, in der Jugend war es sehr anders, da hätte mir die Erfahrung gefehlt, ganz anders aber ist es, wenn frau ins Alter kommt, hier sollte sie gelernt haben und nicht sofort auf schöne Augen reinfallen 😉
      herzliche Grüsse
      Ulli

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      • und doch schützt auch alter vor dummheit nicht 😉 es kann jederzeit passieren, ich glaube genau dann, wenn man empfänglich dafür ist und die realität gern ausblenden will, und das kann selbst im hohen alter noch passieren (ein argument, schon gehört: „in meinem alter muss man nägel mit köpfen machen.“ tja… das kann dann auch nach hinten losgehen.)
        ein guter text, liebe ulli, und das zitat von hannah arendt ist ganz wunderbar, es sagt alles, was man wissen muss, um liebe auch leben zu können.
        liebe grüße an dich,
        diana

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      • Stimmt, Alter schützt or Dummheit nicht, nur Achtsamkeit, Wachsamkeit und eine klare innere Haltung. ich freue mich, liebe Diana, dass du Hannah Arendts Satz genauso gelesen hast, wie ich ihn verstehe!
        Danke dir und liebe Grüsse an dich
        Ulli

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  2. Welch guter Ausspruch von Hannah Arendt!

    Und gut ist Deine Geschichte, ich kann sie so gut mitgehen
    *Liebe hatte einmal viel versprochen*,
    Schon in diesen Worten liegt eine ganze Welt, die so unendlich viel erzählt.
    Darunter liegen die Geschichten, alle ähnlich und doch alle so individuell.

    Endlich eine, die nicht mehr aus sich herausgehen kann und mag und genau einschätzt, was sie in den anderen Augen liest…
    Sie geht und es ist gut. Sie erspart sich spätere eigene Wut und eine neue Enttäuschung.

    Ein richtig guter Text, liebe Ulli!

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    • Liebe Bruni, gerade denke ich, man spricht immer wieder von den gebrannten Kindern, wir können es erweitern auf „gebrannte Frauen“, klingt seltsam, ja.
      Mir tut es gut, wenn du und anders sagen, dass dieser Text zu ihnen spricht
      Herzlichliebe Grüsse an dich
      Ulli

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      • Es gibt sie alle, die gebrannten Kinder, gebrannte Frauen und gebrannte Männer,
        Seelen die beschädigt wurden, die mühsam dabei sind, sich wieder aufzurichten und sie brauchen Zeit… viel Zeit und Verstehen…

        Herzliche Grüße an Dich, liebe Ulli, von Bruni

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      • Liebe Bruni, du hast natürlich Recht, es gibt auch die gebrannten Männer … auch in dieser Geschichte, nicht umsonst ist sein Panzer!
        in meiner Ausbildung zur Prozessbegleiterin/Coach sagte meine Lehrerin immer wieder, dass es Menschen gibt, die so schwer traumatisiert sind, dass wir nur lindern, nicht heilen können! Verstehen, zuhören, mitfühlen, das sind die Zaubermittel!
        herzliche Abendgrüsse
        Ulli

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  3. Ein sehr wahrer und weiser Text, liebe Ulli.
    Doch wenn ich eines gelernt habe, wir dürfen so lange in die Wiederholungsschleife, bis wir die Lektion vollumfänglich gelernt haben. Denn unsere Erfahrungen können wundervoll verpackt und versteckt sein. Unsere Verhaltens- und Beziehungsmuster sind tief eingeprägt und es braucht grosse Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber, um daraus aussteigen zu können – aus der Bedürftigkeit, der Abhängigkeit und den Erwartungen.
    Denn Liebe ist nur ein Gefühl – will einfach nur gelebt werden.
    Wenn`s denn so einfach wäre….drum bin ich neugierig auf meine nächste Erfahrung…

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    • Ja, es ist wirklich schwer, wir müssen uns schon gut kennen und zu unseren Erfahrungen stehen, um nicht in die alten Fallen zu rennen, das sehe ich auch so! Mein neues Zauberwort heisst ja seit Monaten: Unabhängigkeit- ein grosses Wort, wie ich mehr und mehr merke und die Reaktionen darauf nicht immer so, wie ich es mir wünsche. Nun denn, ich bleibe dabei!
      Danke dir für deins, liebe Erika und ja, ich bin auch gespannt was sich noch zeigt und entwickelt!
      Herzliche Grüsse
      Ulli

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    • Sagen wir es mal so, hier gelingt es besser… im alltäglichen Leben habe ich lernen müssen wegzugehen und tue es immer häufiger, ich habe nichts zu verlieren, höchstens meine mühsam errungene Unabhängigkeit und dazu bin ich nicht mehr bereit …
      Schön, dass mal ein Mann hierzu etwas schreibt. Ich danke dir und grüsse dich herzlich
      Ulli

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  4. „sie drückte ihn weg“ (Ende der Geschichte) versus „Illusion des Einswerdens“ (H. Arendt).
    Liebe Ulli, nein, beides gefällt mir nicht. Beides zeigt einen Mangel an: Es fehlt die Liebe.

    Die erste Reaktion erklärt sich durch extreme Angst vor Verletzung – die zweite eine kindliche Sehnsucht nach dem Zurück in den Mutterleib. Wo bleibt da Raum für das „Entstehen einer Welt“ (Arendt) zwischen zwei erwachsenen unabhängigen Menschen?
    Niemand kann einen anderen Menschen so schnell „lesen“ wie diese Frau. Was sie liest, ist ihr eigenes Horrorskript. Und das kann sie so oft sie will wegdrücken, es wird ihr immer und ewig in die Quere kommen, wenn sich eine Beziehung anbahnt.

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    • Liebe Gerda,
      Einswerdung, das findet in meinen Augen während der sexuellen Vereinigung statt, im alltäglichen Leben aber bleiben zwei voneinander getrennte und hoffentlich unabhängige Menschen, hier setzt für mich die Illusion der Einswerdung an. Genau hier scheitern, meiner Ansicht nach, viele Beziehungen. Immer bleibt die andere, die andere, oder der andere, der andere und wir werden immer auf Seiten stossen, die wir am anderen nicht mögen, wo wir nicht vereinbar sind, deswegen aber muss die Liebe nicht sterben! Wird sie auch nicht, so sie auf zwei erwachsene Menschen trifft. Hier aber treffen zwei geschädigte Menschen aufeinander, zwar wissen wir nicht was dem Mann widerfahren ist, aber wir erfahren, dass er sich erst nach einer bestimmten Erfahrung diesen Panzer angelegt hat. Dieser Mann trifft nun eine Frau, die gerade genug von der Wut, den Aggressionen, Lügen und Verachtung hat, die nicht mehr bereit ist Opfer zu sein. Ich kann hier keine Sehnsucht nach dem Zurück-in-den-Mutterleib erkennen, ich sehe eine Aufrichtung.

      Ich stimme dir in soweit zu, dass Menschen, wenn sie sich nicht ihre Anteile im Miteinander anschauen bzw. angeschaut haben, derlei immer wieder treffen, bis auch sie ihrs zu sich genommen haben und verstanden haben, warum sie diese Erfahrung machen mussten. Der frei schwingende Raum zwischen zwei Menschen in Liebe kann meines Erachtens nur dann blühen, wenn jede/jeder darin für sich, die eigenen Reaktionen Verantwortung übernimmt.

      Herzliche Abendgrüsse zu dir hin
      Ulli

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      • Zitat: Einswerdung, das findet in meinen Augen während der sexuellen Vereinigung statt, im alltäglichen Leben aber bleiben zwei voneinander getrennte und hoffentlich unabhängige Menschen Zitat Ende
        Ein klares Jein von mir, und Unabhängigkeit: Ist das nicht Illusion? Wenn wir auf die Welt kommen tun wir das allein und wenn wir gehen auch. Auch das Bild von der Sehnsucht nach dem Zustand im Mutterleib, bleibt schief, erinnere ein Interview mit Ken Wilber von der Herausgeberin von PSYCHOLOGIE HEUTE, er rückt das zurecht, Vereint sein als Ziel; ob in Beziehung als auch auf dem spirituellen Weg, hat nicht mit dem Leben eines kleinen hilflosen Wesens zu tun, das sofort stirbt wenn im Organismus des Wirts ‚Mutter‘ eine Störung auftritt.
        Die dunkle Seite der Unabhängigkeit, ist das ‚Abgetrenntsein‘ – da sind wir beim Thema ‚Haupthindernisse‘
        Ich bin für ‚lebenslanges Lernen‘ und nicht dafür auf das kometenhafte Erscheinen eines ‚erwachsenen (erwachten) Menschen‘ zu warten.
        Wenn’s der Dame besser geht nach dem sie die Sim-Karte in den Gulli geworfen hat – dann herzlichen Glückwunsch. Für die Liebe muss ich (m. M. n.) bereit sein noch einige Male ‚auf die Schnauze zu fallen‘ und das wird dann auch weniger wenn das Lernen gefruchtet hat!
        Zitat: Der frei schwingende Raum zwischen zwei Menschen in Liebe kann meines Erachtens nur dann blühen, wenn jede/jeder darin für sich, die eigenen Reaktionen Verantwortung übernimmt. Zitat Ende/ Da bin ich ganz bei dir!
        Dir einen schönen Tag
        Tobias

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      • Lieber Tobias,
        (nix werde ich löschen 😉 das zuerst) … habe nun doch gelöscht, verstand erst im Nachhinein, was du meintest … sorry! Nun kann ich nur hoffen, dass ich nicht zuviel gelöscht habe, aber ich glaube, jetzt passt es?!
        Komme ich zur Unabhängigkeit, ja, ich weiss, das ist ein grosses Wort. Nehme ich als Beispiel die Co-Abhängigkeit, sie besagt, dass wir uns von den Launen und Wünschen von anderen abhängig machen (mal abgesehen von den Suchtgeschichten) und uns dementsprechend verhalten, ein No-Go für mich. Nehme ich finanzielle Abhängigkeit eines Partners vom anderen, auch davor habe ich mich mein Leben lang gehütet. Unabhängigkeit innerhalb einer Partnerschaft heisst für mich, dass beide ihren Weg gehen und das verwirklichen, wovon sie träumen, unabhängig davon, was die/der andere will. Nein, einfach ist das nicht!
        Erwachsen wird man wohl sein Leben lang, um es mit den Worten einer meiner Lehrerinnen zu sagen: es gibt immer etwas in uns, was erwachsen werden will. Erwachsen sein heisst für mich, bezogen auf den Text, dass ich die Verantwortung für mein Handeln und meine Reaktionen trage.

        Gäbe es für eine lebendige Partnerschaft oder die blühende Liebe ein Rezept, würden wir alle schnell danach greifen, aber es zeigt sich doch, dass jedes Paar einen eigenen Weg finden muss mit den Hürden umzugehen, seien es nun Abhängigkeiten, die überwunden werden wollen oder Rückfalle in kindliche Reaktionsmuster. Humor und Mitgefühl helfen, dass die Liebe wachsen und bestehen bleiben kann.
        Ich stimme dir darin zu, dass die Dame in der Geschichte nicht umhin kommen wird sich ihrer Lernaufgabe zu stellen.

        Nicht ganz verstanden habe ich, was du oder Ken Wilber mit der Vereinigung als Ziel meint. Wenn ich es mit Verbundenheit ersetze, dann nicke ich.

        Herzliche Grüsse
        Ulli

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        • Nun es wird gern idealisiert die Sehnsucht nach Verbundenheit oder wie man es auch immer nennen mag, sei eine Sehnsucht nach dem Zustand im Mutterleib, was nicht zutrifft aus Gründen die ich oben beschrieben habe. LG Tobias

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      • Hej Tobias, Verbundenheit sind Momente im Leben, die ich nie und nimmer vermissen möchte, die etwas mit Alleins zu tun haben und für mich auch unabhängig von Menschen auftreten können. So verstehe ich es, du auch?
        Zurck in den Mutterleib empfinde ich auch gerne als überschätzt, nicht ohne zu wissen, dass es solche Sehnsüchte gibt, aber ich bin keine FreudianerIn … soll heissen, es ist eine Möglichkeit, aber nicht immer Mutter des Gedankens, des Gefühls und Handelns.
        Ich finde es manchmal schwierig aus kurzen Kommentarsätzen das zu verstehen, was gemeint ist, deswegen hake ich jetzt einfach noch einmal nach.

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  5. Die deutsche Sprache hat es ganz wortwörtlich in sich: in den Worten gemeinsam und Gemeinsamkeit zeigen sich die Worte einsam und Einsamkeit ganz offen.
    Insofern lässt sich der Satz von Hannah Arendt auch bezüglich ihrer über lange Jahre unerfüllten Liebe zu Martin Heidegger lesen.

    Einen schönen Text präsetieren Sie, der die Frage nach der Liebe an sich evoziert.
    Wen oder was lieben wir denn wirklich, wenn wir zu einem anderen Menschen sagen: ich liebe dich. Denn auch in dem Wort dich steckt ein ich…

    Feierabendliche Grüsse,
    Herr Ärmel

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    • Lieber Herr Ärmel,
      ich stimme zu: gemeinsam und einsam sind die berühmten zwei Seiten einer Medaille.
      Was nun Hannah Arendt und Martin Heidegger angeht, so hat sie dazu klar Position bezogen, er war und blieb bis zum Ende ihre grosse Liebe, wie sie auch für ihn. Ich lese diesen Satz aber unabhängig von Martin Heidegger, zum einen weil er sich auf ihren zweiten Ehemann bezog, zum anderen, weil auch ich die Meinung teile, dass Gemeinsamkeit in allen Fällen eine Illusion ist. (siehe dazu auch meine Antwort an Gerda, oben)

      Bei letzterem kann ich nur nicken. Liebe, die bestehen bleibt, auch bei dem, was uns nicht gefällt, was mir am anderen nicht mögen ist für mich eine erwachsene Liebe, ohne Selbstliebe ist zwar Liebe möglich, aber sie bleibt bedürftig und ist somit eine Falle.

      Herzliche Spätabendgrüsse vom Berg mit Nebelmond
      Ulli

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  6. Liebe Ulli, ich nehme mal ein neues Kommentarkästchen, sonst wird es zu eng. Zuerst ein Wort zu deinem Text: Er bringt ein komplexes Thema in einer sehr prägnanten Szene unter. Das haben deine Miniaturen so an sich. Dadurch erzeugen sie ein lebhaftes Diskussionsklima.Chapeau! Du traust dich, eindeutig Stellung zu beziehen, in diesem Fall für die Frau, die geht. Sehe ich das richtig?

    Mein („erweiterndes“, wie du es mal nanntest) Kommentieren konzentrierte sich, schon wegen der gebotenen Kürze, auf die Spannung zwischen dem Wörtchen „Wegdrücken“ und dem Arendt-Zitat – darin das Wort von der „Illusion des Einswerdens“ und ihrem Gegensatz : In der „Bindung zwischen zwei Menschen kann eine Welt entstehen“.
    Die von Hanna Arendt benannte Gefahr, aber auch Chance einer Bindung steht wie ein mächtiger Gegenentwurf zu der Szene, die du schilderst: zwei Menschen, die zu traumatisiert sind, um eine Beziehung oder gar Bindung zu riskieren. Die Frau würde es vielleicht wagen – warum sonst ließe sie sich überhaupt auf diesen Mann ein, dem sie ihre Telefonnummer gab? -, doch sie „erkennt“ ihn rechtzeitig und ist gewarnt. Sie sieht Hass und Wut in seinen schwarzen Augen, vermutlich wegen einer vorangegangenen für ihn schlechten Trennung. Er sucht nur eine kurze gleichgültige Fickgeschichte ohne emotionalen Eigenanteil. Das jedenfalls liest die Frau in seinen Augen.

    Ich kommentierte dies mit: sie liest nicht ihn, sondern ihr eigenes Horrorskript. Gar nichts Reales erfahren wir über ihn und seine Motive. Sie ist zu verletzt (ebenfalls durch frühere Erfahrungen), als dass sie auch nur einen Zipfel von sich in die Hände dieses Mannes geben könnte. Darum erzählt sie ihm erst nichts und wirft am Ende die SIM-Karte weg. Im Text wird das wie ein Sieg gefeiert, obgleich es ein Abgesang an die Liebe ist. „Liebe hatte immer nur zu Entzweiung geführt.“ Einzweiung, das ist das Wort. Zwei, Mann und Frau. Unversöhnlich, unüberbrückbar. Das „Wir“ eine Illusion. Soweit die Frau im Text.

    Du sagst in deinem Kommentar zu meinem: „Deswegen aber muss die Liebe nicht sterben! Wird sie auch nicht, so sie auf zwei erwachsene Menschen trifft.“ Ja, wenn es so ist, wird die Liebe vielleicht nicht sterben, doch die Menschheit wird an Mangel an Nachwuchs eingehen, denn zwei Erwachsene in einem Haus und Bett, das ist fast Guiness-verdächtig.

    Da hab ich mich aber recht angestrengt, was Gescheites zu sagen! Nimm argumentatives Schwächeln nicht zu ernst. Draußen lärmen die Zikaden wie verrückt, mein Mann telefoniert mit kräftiger Stimme und weist jemanden an, einige Stellen in einem Report zu korrigieren (ich höre ihm mit halbem Ohr zu), und die Sonne steht immer noch so hoch, dass der Schweiß in Strömen rinnt. Allerliebste Grüße aus einem hellen heißen Sommertag. Gerda

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    • Liebe Gerda, ich war sehr gespannt auf weiteres von dir und jetzt sitze ich hier und lächle und bin dankbar. Dankbar, dass es dich gibt mit deinem dir eigenen Blick auf Geschriebenes, den ich jetzt mal in Ermangelung eines besseren Wortes „genau“ nennen will.
      Es stimmt, ich gehe mit der Frau und damit, dass sie zwar sehnsüchtig ist, denn sonst hätte sie ihm eben ihre Telefonnummer nicht gegeben, wie du richtig bemerkst, bei gleichzeitiger Verletztheit, ihrem Bemühen, dass sich gewisse Dinge in ihrem Leben nicht mehr wiederholen sollten, gepaart mit einer inneren Aufrichtung, die ihren eigenen Wert erkannt hat. Aber sie scheint auch noch sehr verstrickt in ihr Erlebtes zu sein, darin, dass Liebe sie auf Dauer nie gehalten hat, genausowenig wie ein „Wir“ und ja, sie ist noch gar nicht wieder wirklich bereit, das aber haben hier die wenigsten herausgelesen. Du schon!
      Du hast gestern Nacht geschrieben, dass das Thema zu gross ist, um bis heute zu verschwinden (eine Formulierung, die ich sofort liebte), es ist so gross, dass wir hier gar nicht zu einem Ergebnis kommen können, sonst hätten wir ja die Zauberformel für die Liebe in der Hand, die es meines Erachtens gar nicht gibt.
      Leben und Liebe: das, was wir ersehnen, das, was dann wirklich ist, die Menschen und Situationen denen wir den Rücken kehren oder darin verweilen sind Themen, die seit jeher uns Menschen bewegen, die Tausende von Büchern füllen, plus Tausende von Liedern. Gerade unsere und die nachkommenden Generationen haben wenig Ausdauer, wissen nicht, dass Liebe gepflegt und genährt werden will, dass beide Seiten zu hundert Prozent die Verantwortung tragen, ob sie blüht oder welkt.
      Partnerschaft ist, wie vieles andere auch, eine Art Konsumware geworden: gefällt mir irgend etwas an dir nicht, werfe ich dich weg und suche mir die/den Nächsten …
      Das ist nun allerdings überhaupt nicht mein Weg und wenn ich die Frau richtig verstehe auch nicht ihrer, aber jetzt ist sie verletzt und leidet unter ihrer ganz persönlichen Desillusionierung. Der Satz von Hannah Arendt könnte ihr Mut machen, wenn sie ihn liest, weil sie vielleicht auch eine falsche Vorstellung von „wir“ genährt hat, wie so viele. Was aber unter dem Strich übrig bleibt ist ihre Erfahrung, die für mich nichts mit Liebe zu tun hat und widerum nicht selten in der Welt ist, dass ein Mann eine Frau belügt, betrügt, irgendwann verachtet und gewalttätig wird und genau hier tanze ich mit ihr: das braucht kein Mensch, keine Frau, das darf und muss beendet werden! Hier findet ein Vertrauensbruch statt, kein Wunder, dass sie misstrauisch ist. Lassen wir sie ihren Weg gehen, gerade eben fühlt sie sich wohl mit sich allein und wünschen wir ihr einen Mann, irgendwann, der ehrlich ist und streitbar ohne Gewalt!
      Puh … manchmal staune ich selbst, was so in meinen Geschichten steckt – ich lache … und grüsse dich vom nächtlichen Berg, hier läuft seit gestern wieder die Heizung, 10-13° hat mit Sommer nüscht zu tun 😦
      herzlichst Ulli

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  7. Ja doch, hat mir schon auch imponiert, wie diese Frau das Weite gesucht und die SIM-Karte weggeschmissen hat. Auch ich wünsch ihr einen Mann, der nicht in dieselbe Kerbe haut. Apropos: was das Belügen und Betrügen etc anbetrifft, sind Frauen auch nicht so harmlos. Ich war bass erstaunt, aus ich vor vielen vielen Jahren in einem konservativen griechischen Dorf die Frauen hörte, die sich täglich am Krankenlager einer jungen Frau versammelten, die wegen eines Rückenleidens lange darniederlag. So erfuhr ich u.a., dass Frau ausschließlich mit verheirateten Männern fremdging, denn die unverheirateten durfte man nicht verwöhnen, die würden sonst gar nicht erst heiraten. Ich hörte von Verabredungsritualen, wurde nach Verhütungsmethoden gefragt, als wäre ich als Nördlerin eine Spezialistin im flüchtigen Sex etc pp. – Eigentlich, sagte ich mir damals, ist es ja logisch: Untreu kann ein Mann nur werden, wenn er eine entsprechende Frau findet. da alle Männer untreu sind (sagte man mir), sind es auch alle Frauen (rechnete ich aus).

    Inzwischen habe ich durch meine Beratungsarbeit eine Menge Beziehungskonflikte kennengelernt. Da wurde meine Einschätzung bestätigt. „Von allem hat das Baktse“ (der Bauerngarten), wie man hier sagt.
    Was mir auffällt, ist, dass in manchen Subgruppen die Ex kreuz und quer verbandelt sind und keineswegs feindlich miteinander umgehen, auch wenn die Trennungen zuvor mit vielen Tränen ausgefochten wurden. Später, wenn neue Partner gefunden wurden, oft aus denselben Kreisen, hockt man wieder zusammen. In Ausnahmefällen kommt es wegen Betrugs schon auch mal zu Selbstmord (ich weiß von zwei Fällen, einem Mann und einer Frau), und natürlich auch zu Mord (ich kenne da niemanden persönlich).
    Mein heutiges Post redet von Hitze – die kannst du wohl brauchen auf deinem Berg. Hier haben wir drei mal eure Temperaturen, und zum Glück ein Meer vor der Tür. Ich gehe jetzt schlafen – unter dem Sternenhimmel und dem Mückennetz, Gute Nacht!

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    • Klar betrügen auch Frauen, sie lügen auch und können gewalttätig sein. Ich denke auch an meine Zeiten der sogenannten freien Liebe, aber dahin will ich nicht mehr zurück, so viel Schmerz! Irgendwer hat immer gelitten und das kanns ja nun auch nicht sein, dachte ich und bin nun schon seit 19 Jahren einfach treu … flirten ist erlaubt, auf beiden Seiten, ist ja immer eine Sache der Abmachungen und Absprachen. Ich glaube dieses Thema ist endlos 🙂

      Ich beneide dich um Sternenhimmel, Moskitonetz, Meer vor der Tür, ich glaub ich muss mal meine Träume umstellen 😉
      schlaf tief und träum bunt, liebe Gerda!!! Ich verschinde jetzt auch, will morgen früh aufstehen, Arnika und Lindenblüten sammeln, weil dann Blütentage sind und weil es heute einen famosen Sonnenuntergang gab, der gutes Wetter verspricht und damit auch wieder höhere Temperaturen. Gut so!

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