Miniatur – 2 – Im Arm

XI

Bei all dem Gekreisel um mich selbst, habe ich mich nicht gefunden, aber alles verloren. Ich saß in der Dunkelkammer meiner selbst und lauschte dem Rauschen in meinem Kopf, das ich mit der Stille verwechselte. Alles was es noch gab war abwesend.

Später saß ich auf einem Schaukelstuhl, ich hielt eine Puppe im Arm. Die Vögel sangen, die Welt drehte sich, was sollten sie auch sonst tun? Ich saß still. Der verschwimmende Blick auf die sich umschlingenden Muster des Teppichs unter dem Stuhl gerichtet, ließ ich die Puppe nicht los. Kein Traum, kein Gedanke, keine Sprache, kein Gefühl. Ich atmete flach.

Wer kam?

Kam Jemand?

Ich erinnere mich nicht. Nur daran, dass ich die Puppe in ihre Wiege zurücklegte und nach draußen ging. Ich begann den Geschichten der anderen zu lauschen. Ich fand mich Stück für Stück wieder und nichts war verloren. Ich konnte wieder ruhig in meinen Armen schlafen.

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24 Gedanken zu „Miniatur – 2 – Im Arm

  1. Großartige Wortbilder hast du für deine Miniatur geschaffen. Und wie gut am Ende die Einsicht, dass nie irgendetwas tatsächlich verloren geht. Wir erinnern uns nur manchmal nicht, gerade in den nackten, dunklen Momenten. Wie tröstlich, eine Puppe zu haben, die man wiegen kann, als sei es das eigene innere Kind.

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  2. Auf der geschlossenen Station einer Psychiatrie sah ich eine ausgezehrte Frau in mittlerem Alter, die trottete langsam den Flur hoch und runter, hielt eine alte Puppe im Arm und hatte einen starren Blick. An diesen Anblick lange nicht mehr gedacht. Aber nun!

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    • Liebe Sonja, jetzt hast du bei mir aber auch eine Erinnerungstür aufgestoßen und da denke ich, stimmt, es geht noch viel schlimmer!
      ich grüße dich herzlich
      Ulli

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    • Hej, liebe Maren, da bist du ja wieder. Ich hab dich vermisst! Und ich freue mich, dass du diesen Aspekt herausgenommen hast. Es ist einer in dieser Miniatur, der mir persönlich sehr wichtig ist! Danke
      und ganz liebe Grüße von mir an dich
      Ulli

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  3. wie gut, daß Du Dich wieder finden konntest, liebe Ulli. Die Geschichten der anderen halfen Dir, von Dir selbst und dem Rauschen in Dir wegzuhören und Dich in die Geschichten anderer zu vertiefen. Aus der Schwärze wieder in die eigenen Arme finden ist ein wunderschönes liebenswertes Bild, das Du hier zauberst.

    Liebe Grüße von mir

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  4. Liebe Ulli, ich grübele: was ist der andere – sind die anderen – für einen? Wieso füllt sich die Leere, so bald man anderen lauscht, obgleich diese anderen ja durchaus genauso verloren in sich selbst sind und nur aufleben, wenn sie, zB mit mir, sich austauschen können? Und ist kein anderer da, dann ist die Puppe der andere. Und ist auch keine Puppe da, dann sinds die eigenen Arme. Ohne diesen „anderen“ – den wir uns zur Not erzeugen, indem wir uns selbst aufspalten – können wir nur für kurze Zeit sein. Ohne den anderen werden wir verrückt.
    ich bin heute allein, las lange in einem Roman, fühlte mich dadurch aber nicht ausgefüllt, sondern verschlungen. Dann kam eine Nachbarin vorbei, die mir Magnolien brachte und in eine Wasserschale stellte. Bleiben konnte sie nicht. Aber dieser kurze Besuch „einer anderen“ hat mich aus dem vor Leere dröhnenden Innen befreit.
    Dir einen guten Abend

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    • Liebe Gerda, es gibt ja durchaus Einsiedler“innen, wenn auch nur wenige, gemessen an den Menschen, die gerne Gesellschaft haben. Mir reicht es oft schon zu wissen, dass ein, zwei Zimmertüren weiter noch jemand ist und vor sich hin bosselt. Mir tut das Gekreise um mich selbst auf alle Fälle nicht gut, und das tritt immer dann ein, wenn ich zu lange allein bin, niemand anruft etc., der Berg ist da extrem. Gleichzeitg bin ich sehr gerne alleine und folge gerne mal nur meiner eigenen inneren Spur und kann dann grantig werden, wenn das Telefon klingelt und so … Für mich ist eher die Frage, was macht die Leere so bedrohlich, so unaushaltsam, warum füllen wir sie ständig mit irgendwas auf? Das ist ein großes Thema fürs Feuer oder so…
      ich grüße dich sehr herzlich
      Ulli

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  5. Liebe Ulli, für mich treffen sich die beiden Themen. Auch ich bin gern allein. Aber ich merke, dass ich, um das Alleinsein gut zu finden, mir bewusst sein muss, dass ich nicht wirklich allein bin (dass es Menschen gibt, denen ich nicht egal bin, dass zwei Häuser weiter jemand wohnt etc) und dass ich das Alleinsein also jederzeit beenden kann. Schwierig wird es, wenn die äußere Leere sich mit Innerer Leere trifft. Und ich meine Leere, Vakuum, das Sausen des Nichts – und nicht die intensive geistige Arbeit oder den Zustand der Meditation, der ja eigentlich Fülle ist.
    Am Kamin lässt sich gut darüber plaudern …

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  6. alles gesagt.und fast scheint es, als würde es zur menschlichen natur gehören. dunkel/hell, leise/laut, ebbe/flut…
    veränderung immer wieder.
    das hast du in so bildreiche worte gefasst, dass ich mich ebenfalls wiederfinde 🙂
    lieb grüß ich dich
    kerstin

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