Fragen

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(aus dem Netz gefischt Werke von Louise Joséphine Bourgeois)

Vielleicht bin ich in den letzten Wochen der Welt ein kleines Stück abhanden gekommen. Ich habe wenig bis gar keine Nachrichten gehört, gesehen, gelesen. Gerne nehme ich immer mal wieder eine Auszeit von der (offiziellen) Welt. In meiner jetzigen Genesungszeit aber schaue ich Fernsehen in meinem Rückzugsdomizil und spüre wie meine Ratlosigkeit wieder wächst, proportional ansteigend und im Vergleich zu minem Zorn darüber hinaus.

Viele kluge Menschen entwerfen und entwickeln kluge Projekte und es gibt unter ihnen und vielen meiner FreundInnen und Bekannten das Bedürfnis nach gleicher Augenhöhe. Aber die Welt will das nicht. Das zeigt ein türkischer Ministerpräsident, der deutsche PolitikerInnen mit TerroristInnen gleichsetzt und im eigenen Land Angst und Schrecken schürt, sodass selbst renommierte KünstlerInnen es ablehnen vor laufender Kamera zu sagen was sie denken. Bedenklich! Das zeigt ein Herr Gauland, der „eigentlich“ nichts gewußt hat, nichts weiß und wissen will, aber weiterhin seine Plattitüden über das Land spült. Das zeigten am Sonntag 77% der SchweizerInnen bei ihrer Abstimmung zum bedingungslosen Grundeinkommen, es wirkten Vorbehalte und alte Glaubenssätze, die mir nicht fremd, aber überholt erscheinen. Und obendrein lehrt mich ein amerikanischer Präsidentschaftskanditat das Fürchten, das allerdings seitdem er seinen unsäglichen Wahlkampf führt. Kein Ort, kein Land fällt mir ein, wo es nicht zum Himmel stinkt. Was weiß ich schon von Australien und Neuseeland, politisch gesehen. Was weiß ich überhaupt?

Bei einem langen Bericht über die Tierwelt in den Pyrenäen ruhe ich aus. Da geht es unter anderem um Revierkämpfe, um Platzhirsche und um Bartgeier, die eigentlich monogam leben, aber der plötzlich auftauchende Rivale nicht bekämpft wird. Weiß er, dass der andere sowieso weiterziehen wird? Revierkämpfe versus gelassene Zuversicht, dass nicht eintreffen wird, was von vorneherein nicht stimmig ist? Rivalen aussitzen?

Platzhirschgehabe und Revierkämpfe ermüden mich. Der Tatbestand von Rivalität, Konkurrenz und Rache außerdem. Was ich in der Tierwelt als gegeben hinnehmen kann, stimmt für mich bei den Menschen nicht. Gelassen sein wie ein Bartgeier? Darauf vertrauen, dass nicht sein wird, was nicht sein darf oder kann? Wäre das nicht zu einfach? Und was einfach ist kann sowieso nicht sein?

Der viel besungene Quantensprung in der menschlichen Entwicklung wird noch länger auf sich warten lassen und bis dahin? Weitermachen, mich weiterhin empören, menschlich sein, werden und bleiben. Mehr ist mir noch nie eingefallen!

Die Künstlerin Louise Bourgeois soll gesagt haben: „Ich wäre so gerne eine Frau des Geistes gewesen, aber ich war eine Frau der Gefühle“, dieser Satz arbeitet seit einigen Wochen in mir und immer wieder muss ich nicken, ob es mir passt oder nicht!

Die türkische Künstlerin Gülsün Karamustafa sagte in der Sendung ttt in einem Interview: „Wir finden Wege uns auszudrücken“, ich nicke erneut. Dieses Mal spüre ich Tatendrang (siehe unten). Gezeigt wurde eine neue Arbeit von ihr: ein Mobile an dem Pappmänner hingen, deren Münder mit roten Balken versehen waren. Frau Karamustafa hat wegen ihrer Kunst und Gesinnung schon zweimal im Gefängnis gesessen, jetzt schweigt sie vor laufender Kamera, lässt ihre Werke sprechen.

Am 10. Juni eröffnet der Hamburger Bahnhof in Berlin eine Ausstellung mit Werken von Frau Karamustafa

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Gülsün Karamustafa: prison paintings – aus dem Netz gefischt


Wohin gehen wir?

– ein Tryptichon –

draufklick = groß und hintereinander, statt nebeneinander

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33 Gedanken zu „Fragen

  1. wie oft denke ich beim lesen «ja, ich auch», «ja, mir ergeht es nicht anders» … und danke für den hinweis auf Gülsün Karamustafa – vermittlerin der humanen botschaft trotz kerker – unvorstellbar, was dies für ihr leben alles bedeutet

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    • Ja Barbara, wirklich vorstellen kann ich mir das auch nicht, nur erahnen. Sie hat, um ihre Zeit im Gefängnis zu verarbeiten, viele Bilder gemalt, die sie aber in der Türkei nicht zeigen kann/darf. Ich möchte gerne nach Berlin reisen, weiss aber nicht, ob ich es hinbekomme. Spannend dabei ist ja auch noch wie die türkische Gemeinde in Berlin darauf reagiert, sie hat auch hier Feinde und der Ministerpräsident hat hier eben auch viele Freunde. Gruselig!

      Trotzallem … ich sende dir sonnige Grüsse
      Ulli

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  2. Guten Morgen Ulli,

    ich habe keinen Trost für dich, aber ich kann dir sagen was du schon weißt. Die wichtigste Währung unserer Zeit ist die Information und nie hatten einfache Menschen wie du und ich mehr davon als heute. Ohne Snowdon & Co. würden wir immer noch auf dem Trockenen sitzen und ja, Wissen bringt auch Gewissen mit sich. Tun wir persönlich alles um die Welt zu verbessern? Ja, immer mehr, finde ich und das nicht zuletzt, weil wir jetzt sehen, hören und empfinden was alles falsch läuft in unserer Welt. Trotzdem werden auch die Mächtigen besser und beeinflussen uns wo sie nur können, aber auch das wird irgendwann nicht mehr möglich sein. Lincoln hat mal gesagt, „Man kann einen Teil des Volkes die ganze Zeit täuschen, und das ganze Volk einen Teil der Zeit, aber man kann nicht das ganze Volk die ganze Zeit täuschen!“

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    • Um Trost geht es mir auch gar nicht, auch nicht um DIE Lösung, ich muss mir nur manchmal Luft machen. Ich bin schon mit all dem aufgewachsen, Kapitalismus und Scheindemokratie sind mir seit ewigen Zeiten ein grosser Dorn im Auge. Was mich heutzutgae umhaut ist, dass sich die Welt in einem Chaos befindet, das ich mir so nie hab vorstellen können. Und genau hier wohnt auch meine Ratlosigkeit. In jungen Jahren war ich einfach nur wütend …
      Danke für den Satz von Lincoln … ich stimme zu. Es gab schon immer, zu jeder Zeit und wohl auch in jedem Land kritische Menschen, geholfen hat das bislang nicht.

      Trotzallem … sonnige Grüsse für dich
      Ulli

      Gefällt 2 Personen

    • Wenn ich dein „puh“ lese, sehe ich vor mir riesige verschnürte Kisten, schwer sind sie, ohne Lastenkran nicht zu bewegen, darin liegen die Probleme der Welt, die du und ich nicht lösen können. Wir können nur immer wieder solidarisch sein, uns empören und nach Ausdrücken suchen und … weitergehen.
      habs heut guat, gäll?!!!
      liebgrüss ich dich

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  3. Liebe Ulli!
    Du weißt, das auch ich mir ja im Jahr immer eine längere Auszeit nehme und kenne daher Dein Gefühl des aus der Welt gefallen seins. Das kann ich gut nachvollziehen.
    Aber diese Welt aus der wir dann fallen ist nur ein kleines Stück des Gesamten. Und aus meiner kleinen eigenen Welt falle ich ja nicht heraus. Das tröstet mich immer ein wenig bei all „diesem menschenverachtenden Mist“ um uns herum, den Du so treffend beschreibst.
    Vor ein paar Tagen habe ich noch zu meinem Ateliernachbarn gesagt, dass die Dinge, die uns so schrecklich von Außen bedrängen, all dieses gesellschaftliche und politische, vielleicht auch zu groß für uns sind und wir uns nur um unsere eigene überschaubare Welt kümmern sollten. Das Kleine im Großen gestalten. Und auf die Veränderung hoffen. Aber ich weiß, eine Lösung ist das nicht.
    Also: kein Trost, keine Lösungen, aber das Wissen, dass es da noch andere gibt, die ähnlich ticken. Liebe Grüße Juergen

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    • Lieber Jürgen, ich stimme dir rundum zu. Und wie oft müssen wir zugeben, dass auch wir nicht wirklich friedlich sind, nicht wirklich umweltfreundlich etc. mich tröstet es tatsächlich zu wissen, dass ich nicht alleine bin und dass wir nichts anderes tun können als aufrecht weiterzugehen und einen Ausdruck zu finden und natürlich weiter zu üben. An manchen Tagen fehlt mir die Gelassenheit eines Bartgeiers …
      herzliche und sonnige Grüsse, nun wieder vom Berg
      Ulli

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  4. o, Ulli, wie gut du es mit deiner Bilderauswahl wieder getroffen hast! Bie baumelnde, in sich selbst verknotete, sich selbst spiegelnde Figur von Louise Bourgeois – ja, das sind wir armen Intellektuellen, die es so schwer haben, den Schritt zum anderen hin wirklich zu tun. Dagegen die Menschen, die zu teilen wissen und unter dem wundersamen Sternenzelt, das ihnen zur wärmenden Decke geworden ist, miteinander, einander zugewandt oder auch abgewandt, Wärme, Zärtlichkeit, Frieden und Schlaf finden.
    Dein Tryptichon: keep walking, my dear! „und geht dein Weg auch durch finsteres Tal ….“ Schau, wer bei dir ist auf deinem Weg. Liebe bewegte Grüße von Gerda

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  5. Liebe Ulli, ich sage jetzt nicht, ruh Deine Augen aus, das haben bestimmt schon viele gesagt, ich beginne ganz unten, am Ende Deines so gut zu verstehenden Textes.
    Der Weg führt uns weiter. Deine Arbeiten gefallen mir, aber mehr wissen wir nicht, nur, daß er uns weiter führt, unser Weg, wohin, wird sich zeigen, ins Ungewisse und doch auch in die Gewissheit, daß dann unser irdisches Leben zu Ende sein wird. Aber das ist ok, schließlich müssen wir ja auch mal wieder ruhen und nicht nur agieren 🙂

    Das sagte sie, deren riesige Spinne vor Jahren mich im Außenbereich der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel so sehr beeindruckte?
    „Ich wäre so gerne eine Frau des Geistes gewesen, aber ich war eine Frau der Gefühle“
    Und trotz oder gerade wegen all dieser Gefühle gelangen ihre diese graniosen Kunstwerke, die selten eine Frau in dieser Weise wie sie schaffte. Ihre Spinne füllte fast den ganzen Garten dort aus und er war nicht gerade winzig *g*. Ich konnte kaum fassen, was ich da sah. (Na ja, Niki de St. Phalle hatte da auch einiges auf der Pfanne, aber wiederum sehr anders *g*)

    Und dann lese ich, wie Arno sagt *Wissen bringt auch Gewissen mit sich*.
    ich erkenne es gut an mir selbst, aber dann reichen mir alle diese hochwichtigen Informationen mal wieder für eine Zeitlang, weil sie mich überfordern, mir Kopfschmerzen bereiten und ich kann und kann es nicht ändern…
    Platzhirschgehabe und Revierkämpfe ermüden mich auch sehr, liebe Ulli, dafür brauchst Du Deine armen Augen nicht anzustrengen, es lohnt sich einfach nicht, ihnen zuzuhören oder zuzusehen…

    Und am Ende die Türkei, die unter Herrn Edogan leidet und gegen die wettert, die anders sind als er es möchte. Leider erinnert es mich im weiteren Sinne an uns und unsere Vergangenheit, da war auch einer, der meinte, alle müßten von gleicher Art und Rasse sein. Was für ein Ende mit Schrecken schuf er!
    Sie ist nicht einfach zu ertragen, unsere Zeit, die mal ganz gut begonnen hat nach dem großen Krieg…

    Liebe sehr späte Grüße von Bruni an Dich

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    • Liebe Bruni, ich danke dir sehr für deinen ausführlichen Kommentar, der mir gut tut. Es ist doch immer wieder schön zu spüren, dass man mit den ganzen Empfindungen, Gedanken und Fragen nicht alleine ist!
      Zuviel Nachrichten tun mir auch nicht gut, darum portioniere ich sie wohl schon seit vielen Jahren und das ist dann oft immer noch schlimm genug!
      Die Ausstellung in Riehen habe ich auch gesehen, soll heissen die Spinne im Garten, sie war ja nun auch wahrlich nicht zu übersehen. Das war der Anlass mich etwas mehr mit Frau Bourgeoise zu beschäftigen, ich bin Fan geworden!
      Aber sag mal, wenn du auch dort warst, wohnst du etwas in meiner Nähe, ich lebe ja im Südschwarzwald, ca. 50km von Basel entfernt … wäe doch schön uns mal zu sehen, falls wir es nicht so weit zueinander hätten, was meinst du?
      liebe Grüsse
      Ulli

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      • ach, Du wohnst im südlichen Schwarzwald?

        Ich wohne in der Nähe von Heidelberg, aber ich war über 10 Jahre lang oft in der Gegend, nun nur noch selten. Lustigerweise am vergangenen Dienstag und Mittwoch.
        Wo wohnst Du denn genau, klingt nach Nähe Freiburg *lächel* Sollte ich wieder in der Gegend sein, werde ich Dir vorher Bescheid geben. Ich fände es auch schön, sich dann zu treffen.
        Falls Du in HD zu tun hast, melde Dich, ich bin für Stadtführungen immer offen 🙂

        Liebe Grüße an Dich

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        • Klingt gut, sehr gut, liebe Bruni, manchmal komme ich auch in deine Richtung. Vielleicht hast du ja Lust mit mir in Mannheim die Ausstellung von Hannah Höch zu besuchen? Irgendwann Ende Juni … ansonsten ja, ich lebe südlich von Freiburg, von hier auch gute 50km wech, eine Stunde Berg rauf und runter … mache ich aber immer wieder auch gerne.
          Schöne Aussichten!
          herzliche Abendgrüsse Ulli

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  6. Ach, hatte ich noch gar nicht mitgekriegt. Seitdem die Kunsthalle in Arbeit ist *g*, lasse ich sie eigentlich links liegen. Die Baustelle ist so scheußlich.
    Das können wir gerne tun. Lass mich Deine Termine wissen, dann treffen wir uns. *freu*

    Liebe Grüße in die Freitagnacht zu Dir

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  7. Nun habe ich auch zwei Wochen lang (und schon länger davor auch so gut wie möglich) vermieden, mich mit den Nachrichten zu konfrontieren, doch Manches blieb nicht aus und wenn ich nur die Schlagzeilen lesen musste, die aufflackerten, als ich meinen E-Mail-Account öffnete. So vieles, was nicht verstehbar oder gar unerträglich ist. Das Abstimmungsergebnis zum bedingungslosen Grundeinkommen in der Schweiz hat mich auch enttäuscht, aber es gab ja genug Manipulationn vorher von Seiten der Parteien, dass die Wirtschaft darunter leiden würde. Und so wäre es in D wohl auch, vermute ich. So schlimm ich Trump finde, Clinton halte ich allerhöchstens für das kleinere Übel. Und dann der große Rest der Welt, in dem es stinkt… Und du, liebe Ulli, bist hoffentlich weiter auf dem Weg der Genesung und wirst künftig noch klarer und schärfer in die Welt blicken können?!

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    • Guten Morgen, liebe Rotewelt, schön, dass du wieder hier bist!
      Ich finde es ja sehr schade, dass Herr Sanders keine Chance hatte, der wäre mal eine Alternative gewesen, wenigstens machte er solch einen Eindruck auf mich. Aber wir wissen ja auch, dass es immer nur ein Präsident ist, der lange nicht alles in der Hand hat. Trotzdem gruselt mich Trump am meisten!
      Die Klarsicht macht mir ein wenig zu schaffen, ich melde mich bald bei dir auf anderen Kanälen!
      Herzliche Grüsse
      Ulli

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      • Ja, der Sanders hat auf den ersten Blick auf mich auch den besten Eindruck gemacht. Am gruseligsten finde ich Trump allerdings, dass so jemand „Primitives“ Erfolg hat, ist schon beunruhigend. Leider ist Clinton auch eine Hardlinerin und recht militaristisch bis kriegerisch in ihrer derzeitigen Funktion, was ich nicht wusste bzw. was sie im „Hintergrund“ so entscheidet, erfährt man ja normalerweise nicht.

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