Ein Tag zum Niederknien

Sonntag, 10. April – Ein Tag zum Niederknien

 Niederknien, vor genau diesem Blau und Grün,

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vor diesem Rot

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und diesem Sumpfdottergelb …

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die Öllache im Bach hätte nicht sein müssen. Welcher Bauer saut hier rum? Lasse ich das, es geht ums Niederknien. Ein Kniefall vor dem alljährlich wiederkehrendem Leben. Es sind viele Kniefälle geworden, heute, ich habe mich sogar auf den Bauch gelegt, um den Pflanzen und allem Wachsen nahe zu kommen. Alle Sinne, alle Poren öffnen sich. Knospen schieben sich zigfach in meinen Blick, zarte, kleine, lange, dünne, pralle, runde,

dazwischen zartblaue, viele weiße, zartrosafarbene und sumpfdottergelbe Blüten.

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Ein Schmetterling huscht vorbei, der erste Marienkäfer für dieses Jahr sitzt auf dem Gartensalbei.

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Viele Vögel singen, alle sind noch nicht auf dem Berg angekommen, es fehlen noch die Schwalben und die Rotschwänzchen. Der Taubenkropffalter braucht noch länger, bis er über die Alpen zu uns geflogen kommt. Ein Hund bellt aus dem Unterdorf herauf. Was er nur hat? Er bellt schon lange. Bellte schon, als ich auf den trockenen Gräsern vom letzten Jahr lag, über mir genau dieser blaue Himmel, umrahmt von genau diesem Grün. Wachstum wohin ich schaue.

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Mittlerweile bin ich wieder daheim angekommen, sitze auf den sonnengewärmten Treppenstufen vor dem Haus und lasse meine Eindrücke zu Text werden. Der Hund bellt immer noch.

Niederknien vor der Verlässlichkeit der alljährlichen Wiedergeburt. Aber lange nicht mehr alles kommt wieder. 70% der einst hier lebenden Schmetterlinge zum Beispiel nicht. Ich lernte, dass die Winter zu mild geworden sind. Da kommt so eine Raupe nicht zur Ruhe, macht sich auf den Weg, um Futter zu suchen, was aber nicht wächst, weil eben doch Winter ist, irgendwie … die Raupen sterben.

Immer stirbt etwas oder jemand und immer wird etwas oder jemand wiedergeboren. Leben will leben. Absichtslos. Mir und anderen zur Freude, Nahrung für mich und viele andere, nicht nur Seelennahrung. Heilig und profan wohnen Tür an Tür.

Was lebt und weiterleben will muss sich nähren oder genährt werden. Hier werden gerade Sumpfwiesen entwässert. Wieder sterben einzigartige Kleinbiotope. Später stehen hier Weiderinder, das Kilo für 9,90 € im regionalen Vertrieb. Frösche und Kröten müssen weiterwandern, das Knabenkraut wird an dieser Stellen nie mehr blühen, auch das Wollgras nicht.

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Ein Tag zum Niederknien. Und wie die Stare tönen! Sie flöten, scharren, schnalzen, singen, dass es eine Freude ist. Der Tag kommt zur Ruhe. Vorhin knatterten noch Motorradschlangen über die Straße vom oberen Dorf ins untere und der Pubertant im Männerkörper, in seinem silberfarbenem BMW, offenes Verdeck, versteht sich, hustender Auspuff und röhrender, aufheulender Motor darf im frühnachmittaglichem Sonntagskonzert nicht fehlen. Jetzt flöten die Stare, singen Buchfinken, Amseln und Meisen, eine Hummel brummt.

Hummeln, auch das habe ich gerade gelernt, gehören zu den Wildbienen und diese werden auch weniger. Wer soll später bestäuben? In Lappland übernehmen das die Mücken. Moscitos for Germany?

Ein weißes Stäubchen segelt ins Azur, der Star pfeift, als ginge gerade eine Dorfschönheit vorbei. Der Hund bellt wieder, er legt jetzt Pausen ein. Es ruft Einer an, der wünscht mir Universumssegen, ich lache. Segen reicht mir. Heilig und profan, ich halte die Luft nicht mehr an, ich kniee mich mit geradem Rücken nieder, vor der Schönheit und der Wiederkehr.

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Der kleine, blaue Vogel, der für manche nordamerikanischen UreinwohnerInnen heilig ist, der für sie ein Symbol für die aufgehende Sonne, die tägliche Wiedergeburt, ist, lässt mich nicht mehr los. David Bowie sang in dem Lied „Lazarus“: „I feel like a blue bird“

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Nebenan sitzt Hilla, die ich jetzt einfach mal so nennen will. Hilla ist 97 Jahre alt. In unserer Küche steht ein Babyphone. Am Ostersamstag ist Hilla auf dem Weg zur Toilette gestürzt, seitdem muss immer jemand im Haus sein. Seitdem schnarrt das Babyphone und manchmal ruft sie uns, dann gehen wir rüber, um ihr zu helfen, um mit ihr zu plaudern oder zu singen. Tag und Nacht. Manchmal ist Hilla sehr weit weg, dann plötzlich ist sie wieder klar im Hier und Jetzt. Ob sie sich manchmal auch wie ein kleiner, blauer Vogel fühlt? Abschied von Hilla. An manchen Tagen ist Tod ganz nah, dann tritt er wieder ein, zwei Schritte zurück. So nah hatte ich ihn noch nie im Haus. Tod und Wiedergeburt, heilig und profan, ich halte die Luft nicht mehr an.

Hilla

(Hilla, vor vier Jahren, als sie noch alleine laufen konnte)

Die Stare drehen noch eine Runde durchs Hochtal. Gerade sah ich sie gen Osten fliegen. Durchs Babyphone höre ich Hilla husten. Immer noch sitze ich auf den sonnengewärmten Treppenstufen vor dem Haus, die Kirchenglocken schlagen sechs Mal, der Hund bellt nicht mehr, im Stall gegenüber muhen die Kühe, Melkzeit. Osterglöckchen, Blausterne und Primeln blühen im Garten. Ein Tag zum Niederknien.

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41 Gedanken zu „Ein Tag zum Niederknien

  1. Ich höre die Morgenvögel in unserem Garten. Sie singen so wie immer, als ob nichts wäre, denn sie kennen deinen Text nicht. Ich schon und bin nachdenklich beim Lauschen geworden. Oft frage ich mich wie viele Tage ich noch zum Niederknien habe, bevor es nichts mehr gibt für das sich diese Geste lohnen würde.

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    • Lieber Arno, ich mag deinen Kommentar sehr, dafür erst einmal danke. Ich frage mich manchmal, wie oft ich noch den Frühling erleben darf, diese Tage zum Niederknien, die es ja auch durchaus zu unseren jahreszeiten gibt, aber im Frühling so ganz besonders! Ob es aber Tage geben wird an denen sich diese Geste nicht mehr lohnt, das möchte ich nicht hoffen!
      herzlich grüsse ich dich
      Ulli

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  2. ein beitrag zum niederknien! mein tag hat schnell und oberflächlich begonnen. immer die selbe routine. dann die kätzchen füttern, die seit oktober mein leben bereichern. die sind noch keine routine 😉 und dann will ich schnell die neuen beiträge öffnen, die ich im laufe des tages lesen möchte, um mir pausen zu verschaffen.
    bei deinen fotos bleibe ich hängen. und du ziehst mich ohne scheu in eine welt, die mich verzaubert.
    das hilla-foto läßt mich tief atmen, seufzen… hach, sie ist so wunderschön.
    auf die schwalben mußt du nicht mehr lang warten. am wochenende waren es drei, die in unserem teich wildwasserrutsche spielten. bis zu dir haben sie es nun auch nicht mehr weit. 🙂
    danke für diesen wunder-vollen start in meinen tag! 🙂

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    • Ich denke oft darüber nach, wie gut es Hilla dann doch hat. Wir sind da, ihr Sohn mit seiner Partnerin lebt ebenfalls in diesem grossen Haus und sind da, ihre Tochter kommt oft aus Heidelberg, um sie zu begleiten und zu stützen, selbst die Enkelkinder übernehmen den einen und anderen Dienst. Dann denke ich an meine Mutter, dass bei ihr nur mein Neffe in der Nähe war, immerhin, aber von uns ist sie alleine gegangen, wobei sie sich das auch so immer gewünscht hat. Ich selbst möchte nicht hier alt werden, ich habe hier kein familiäres Netz und nur sehr wenige FreundInnen, nun werde ich also bald weiterziehen, damit es im Alter einfacher wird.
      Danke Barbara für deins und herzliche Grüsse
      Ulli

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  3. Reiselustnachlesend erwartungsvoll kam ich endlich hierher und wollte erst archivig beginnen. Dann las ich doch diesen Eintrag und nun bin ich behutsam angerüht. Lese nochmals und die Bilder, hach die Bilder…
    Liebe Ulli, zwischenzeilig ist dieser Text eine ganz große Huldigung vor dem Kleinen, was ja doch die Welt in Ihrem Laufe zusammenhält. Hier liest man von einer, die dieses wohl für sich verinnerlicht hat und gerne ihre Kniee beugt vor dem, was nur so deutlich zu erkennen ist.
    Danke für das Teilhabenlassen und ganz herzliche augenwassernde Grüße von Ihrer Käthe.

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    • Verehrte Frau Käthe, ja … das Kleine, dass die Welt zusammenhält. Habe ich es mir doch denken können, dass auch Sie dieses Kleine, Feine schätzen und ehren. Und so klein und fein und zart empfinde ich auch Ihren grossartigen Kommentar. Meinen herzlichen Dank und Ihnen einen Weitergehen in Schönheit
      herzlichst
      Ulli

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      • … nun war ich mit Ihnen in Asturien, liebe Ulli. Sah Bilder von wolkenumfluteten Steingraten, von Menschenhand geschaffene und verlassene Pracht und natürlich das allmurmelnde Großwasser.

        Danke fürs Mitnehmen und herzliche Grüße in den Schwarzen Wald, Ihre Käthe, fernsehnsuchtszentrumbebend.

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  4. Dies ist meine liebste Jahreszeit! Ich liebe das frische Grün und die vielen Farben. Die Temperatur ist angenehm und die Luft voll grüner Gerüche (jedenfalls so lange, bis die Berufspendler mit ihren Autos das ändern). Ich spüre die Atmosphäre, die du beschreibst, mit allen Sinnen. Die Farben des Frühjahrs habe ich mir auf den Balkon geholt. Ein kleiner Kasten mit Tausendschön und Osterglocken und meinem geliebten Vergissmeinnicht. Und trotz all des neuen und wiedererwachenden Lebens, ist da dieses Gefühl des nahenden Abschieds. Abschied nicht unbedingt vom Leben, aber von anderen Dingen.
    Dein Text und die Bilder beschreiben das sehr genau. Dieses Kommen und Gehen. Und das Fehlen.
    Ich schicke dir herzliche Grüße auf den Berg.
    Elvira

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    • Das meine ich, liebe Elvira, wenn ich dir schreibe, dass ich dich vermisse, dich und deine Kommentare, die ich so sehr schätze, immer und immer wieder. Du hast noch etwas mit hineingebracht, was ich so noch gar nicht wahrgenommen habe: das Fehlen … das nehme ich jetzt mal mit. Nicht, dass es nicht Verluste in meinem Leben gegeben hätte, das weisst du, aber dieses Fehlen, so, wie du es gerade benannt hast, berührt noch eine andere Schicht in mir. Dafür danke ich dir und grüsse dich von Herz zu Herz
      Ulli

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  5. Ein jegliches hat seine Zeit…
    Liebe Ulli, nach einem betriebsamen Tag stoße ich auf deinen Beitrag, beginne zu lesen, zu schauen – und werde ganz ruhig. Danke dafür und einen herzlichen Abendgruß zu dir auf den Berg!

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  6. Ein Tag zum Niederknien, ein Bilderbuchtext dazu und mein Herz läüft über und über die Wiesen, über die Flur und Hilla rührt mich dann noch zusätzlich an, liebe Ulli

    Herzliche Grüße zum Abend von mir

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  7. Alles aufgenommen in dieser Stimmung des Tages. Die Vögel, den Hund, die unzähligen Blüten und Pflanzen, der Tod und das Leben und deine Nachbarin(?), die das schon 97mal wiedererleben durfte … dieses Frühlings-Neu. Danke für den schönen Text und die ebenfalls sehr ansprechenden Fotos.

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    • Liebe Bella, es gab hier einmal zwei Rubriken, die eine nannte sich „Momentaufnahmen“, die andere „blaue Stunden“ – hier versammelten sich alle Texte dieser Art, aber leider sind sie in den letzten Monaten etwas zu kurz gekommen, ich nehme den Faden wieder auf und freue mich sehr über die Resonanz, auch deine.
      Hab einen guten Tag
      liebe Grüsse vom Frühlingsregenberg
      Ulli

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  8. ein Tag zum Niederknieen – für diese Zeile möchte ich dich küssen. Das Wunder erkennen, das sich immer und immer um uns breitet. Auch du ein Wunder, liebe Ulli. Eine Nacht zum Steifen-Nacken-Kriegen, weil der Jupiter so hoch im Zenith steht, gleich neben dem halben Mond. Und hat einen Hof um sich aus Eiskristallen. Die weißen Rosen am Busch schweben im Licht, verströmen generäs ihren Duft. Am Tag habe ich Rosenkäfer gejagt und ihre schwarze Brut, die die Blüten zernagt, zertreten. Leben und Tod nah beieinander. Ich geh jetzt schlafen, denn hier ist es schon halb zwei Uhr

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    • guten Morgen, liebe Gerda, das Wunder Leben und du und ich und die Käfer, die Rosen, der Jupiter und … ja, wir müssen nur die Augen aufhalten und spüren, dann ist alles da! Und den Kuss, den habe ich mir jetzt in die Wange gerieben …
      herzlichst
      Ulli

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