Kurze Zeilen – 5 –

0064 08.02.16 zu kurzen texten

Ich habe mich von dir weggeträumt. Ich ließ dich in den Bergen zurück und fuhr ans Meer. Dort wohnte ich in einer hölzernen Hütte mit überdachter Veranda davor. (Wo sonst?) Der Blick wanderte von Wellen zu Sand, zu Wind und Nichtwind, zu den Möwen und den vorbeiziehenden Schiffen am Horizont. Als nichts mehr geschah und du auch nicht kamst, aber auch nicht weggingst, habe ich die Wellen wieder sich selbst überlassen und dem Wind sein Wehen. Ich habe die Hütte verschlossen, den Schaukelstuhl von der Veranda zurück in den Schuppen getragen, in den mit dem türkisenen Fahrrad darin. Meinen Dank habe ich auf den Tisch gelegt und in hundertundein Papierschiffchen. Ich habe ihre Seile gekappt und ihrem Sichentfernen zugesehen. Das Vorundzurück packte ich in den alten Koffer, ein Souvenir, es passte gerade noch hinein. Jetzt ist es anders in den Bergen. Und mit dir.

36 Gedanken zu „Kurze Zeilen – 5 –

  1. Manches Mal müssen wir uns wegträumen, weggehen sogar. An Orte, die uns Ruhe spenden, Gelassenheit geben. Wo unsere Gedanken umherstreifen können, bis der Kopf frei ist und wir unseren Herzschlag wieder hören können, der übertönt wird von all dem Lauten in uns und dem Lärm der Welt. Wenn wir diesen Punkt erreicht haben, kehren wir zurück. Und dann glauben wir, es hätte sich etwas verändert nach unserer Rückkehr. Selbst, wenn alles genauso geblieben ist wie es war, als wir gingen. Wir haben uns verändert. Und das ändert alles.
    Herzliche Grüße schickt dir Elvira

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    • Das ist genau der Punkt, liebe Elvira: ich habe mich verändert und damit auch alles andere.
      In der Therapie sagte K. immer: denkt dran, wenn ihr Nachhause kommt: der andere/die andere war nicht dabei … und das stimmt. Der andere braucht dann seine Zeit, sie ihre … , bis die Veränderungen übergehen, wenn überhaupt …
      Ich fühle mich rundrum von dir verstanden, und danke dir
      liebe Grüsse
      Ulli

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    • wie mich das freut, liebe Mützenfalterin! Ich danke dir, auch für die Mail, Antwort folgt … heute aber muss ich arbeiten und ich denke noch …
      herzlichst
      Ulli

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    • Ach liebe filigrane Madame, du hast mir ja sieben Sterne gegeben! Wenn mein Text jemanden so berührt, dass sie weinen muss und ihn immer wieder liest, dann sind das eben sieben Sterne, oder waren es gar neun 😉
      Fast schon etwas beschämt, zumindest aber mit heissen Ohren (weil ich nicht rot werden kann) grüsse ich dich sehr herzlich
      Ulli

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    • Ja, manchmal muss man das … ich lächel jetzt auch, weil ich natürlich schon beide Kommentare von dir gelesen habe und ich lächel auch deswegen, weil du es anscheinend so hälst wie ich: erst kommentieren und dann die anderen lesen …
      hab herzlichen Dank und fühle dich herzlich gegrüsst
      Ulli

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      • Ja … das tue ich tatsächlich … Ich mag mich nicht beeinflussen lassen, von dem, was Andere geschrieben haben … Dadurch kommen dann möglicherweise Wiederholungen zustande. Ich grüße herzlich zurück und wünsche dir einen schönen Abend.

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  2. Keinen Abschied finde ich in diesem sehr schönen poetischen Text, wohl ein vorübergehendes Abwesendsein, im letzten Satz die Freude über die Rückkehr wie heimlich hinten angesetzt: Und mit Dir….
    Ganz liebe Grüße, zu Dir liebe Ulli,
    von Stefanie Karfunkelfee

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    • Liebe Stefanie, das finde ich jetzt interessant, dass du eine Freude am Ende liest, da denke ich, dass du den Faden einfach weitergesponnen hast, schön!
      liebe Grüsse Ulli

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  3. Guten Morgen, Ulli,
    Durch Müdigkeit bedingt und harmoniebedürftig vor der nächtlichen Losträumerei wirkte beim erstmaligen Lesen dieser letzte Satz in mir am stärksten nach und der…klang so zuversichtlich. Keine Frage meinerseits, dass sich der Satz auch auf das Wort ‚anders‘ beziehen könnte und in seiner Aussage dann ganz anders zu verstehen sein…

    Mein ewiges Kinderherz träumte sich ein Happy End heran, weil es es sich das so sehr wünschte, dass es die andere, viel näher liegende Möglichkeit einfach ausschloss und das Abwegigere annahm.
    Hätte ich heute Morgen kommentiert, im Vollbesitz meiner rationalen Kräfte, hätte ich mich in die veränderten Gefühle gefügt und sie wehmütig hingenommen, inklusive dem leeren einsamen Meer und der verlassenen Hütte und sogar ihm in den Bergen.
    Kommt davon.
    Durch Daunen gefederte verzerrt gefilterte Weichzeichner-Wahrnehmung plus Wunsch und Wille und schon herrscht im Oberstübchen die Ruhe und Stille…
    Doch irgendwie…finde ich es auch schön, dass es mehrere Auslegungsvarianten gibt…meine zuversichtliche Variante ist sicherlich nicht auf den ersten Blick nachvollziehbar, doch sie gefällt mir…auch und mehr…vielleicht, weil sie nach Rückkehr und zweiter Chance klingen möchte.

    Liebe Sonntagsgrüße zu Dir,
    Stefanie

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    • Liebe Stefanie, so abwegig ist deins ja nun nicht, immerhin ist sie zurückgekehrt, bleibt die Frage was ein Happy-End wirklich ist … doch soviel mag ich dir verraten, es ist nicht nur anders, auch besser, seitdem, was allerdings auch nur fiktiv war und doch so notwendig!
      Ich freue mich sehr über deins, danke und liebe Grüsse
      Ulli

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      • …manchmal braucht es diese Zeit des Bedenkens, des Besinnens und des Resettens. In der Weite wird vieles klarer, vielleicht akzeptabler, weil die Weite eines Ozeans die Höhe der Berge relativiert. Was manchmal notwendig sein kann, wenn man, umgeben vor lauter Gipfeln und Felsen Bedrückung und Grenze spürt. Dein Wortbild ist so schön vielseitig.
        liebe Grüße von Stefanie

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  4. Uiuiui, liebe Ulli, dieser Text hat es in sich. Ich habe ihn nun schon ein paarmal gelesen und er bewegt und berührt mich sehr. Klug. Poetisch. Traurig, aber nicht ohne Hoffnung, birgt doch das „anders“ die Möglichkeit des „besser“. Möge es so sein!

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  5. Weggehen um zurückkommen zu können, ist eine Möglichkeit, endlich anzukommen.
    Es kann aber auch sein, daß man einen Traum träumt, aus dem man nicht mehr erwachen möchte.
    Dann wird es kompliziert…

    Lächelnde Grüße von Bruni

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  6. „Als nichts mehr geschah und du auch nicht kamst, aber auch nicht weggingst, habe ich die Wellen wieder sich selbst überlassen und dem Wind sein Wehen. “ Puuuh, diesen Satz finde ich am schönsten und eindringlichsten, liebe Ulli! Nachdenkenswert.

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  7. „und du auch nicht kamst, aber auch nicht weggingst“; darin liegt ja schon syntaktisch Hoffnung auf Annäherung. Von was leben denn Beziehungen besser als vom „jetzt ist es anders“? Ob in den Bergen oder sonst. feiner, runder, poetischer Text.

    Liebe Grüße hinauf zum Berg

    Achim

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    • Danke dir, lieber Achim, dein Lob zählt doppelt 😉
      ich freue mich, meine Grüsse an dich wandern vom Schneeberg hin zu dir ins schneefreie Tal
      Ulli
      (es ist doch schneefrei?)

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