Er liest etwas, das ich nicht kenne

Premiere, 2. Teil

Ab heute wird in unregelmässigen Abständen belmonte bei mir „sprechen“. Manche von euch kennen vielleicht seinen Blog vnicornis →  wenn nicht, schaut doch einmal rein.

Die Idee dahinter ist mehr Austausch und Vernetzung. Es war seine Idee, die ich gerne aufgegriffen habe. Ich freue mich sehr auf dieses Neu und sage auch hier:

Herzlichen Dank, belmonte, für deine Inspiration und deine Rezension.

Wie er mir, so ich ihm … ab und an werde ich, sozusagen im Austausch, auf „vnicornis“ Bücher besprechen, die ich schätze (wie bereits geschehen, siehe Premiere 1. Teil →).

Ausserdem denken wir über den Austausch von Texten nach. Ich bin gespannt, wie sich diese Idee entwickelt und wie ihr sie aufnehmt und ob vielleicht noch jemand Lust hat, sich uns anzuschliessen?! Gerne erinnere ich in diesem Zusammenhang auch an den Blog The story of your Alltag den ich am 17.12. vorstellte →

Als ich das erste Mal belmontes Rezension gelesen hatte, fragte ich mich, ob ich dieses Buch lesen wollen würde. Mir fiel ein anderes Buch ein, das ich im Herbst las: „Die Sisters Brothers“ von Patrick de Witt und dann wusste ich: Ja, auch ich will „Das Dickicht“ von Joe R. Lansdale lesen.

Das macht die Spannung aus: Er liest etwas, das ich nicht kenne.

„Ich bin nicht mehr so unschuldig, wie ich mal war.“ – „Wer ist das schon?“ –

Joe R. Lansdale: Das Dickicht (Rezension von belmonte)

belmonte

Kurz nachdem die Eltern des jugendlichen Jack Parker von den Pocken dahingerafft wurden, erschießt Cut Throat Bill mit seiner Bande von Gesetzlosen Jacks Großvater und entführt seine Schwester Lula. Kurzerhand heuert Jack eine Gruppe von Kopfgeldjägern an, um seine Schwester zu befreien. Was dann kommt, ist ein klassischer Verfolge-die-Schurken-Western (vergleichbar True Grit), der wie viele andere Romane Lansdales in Südost-Texas spielt, zeitlich angesetzt in den 1920er-Jahren. Ein paar Automobile fahren bereits durch die Gegend.

Bei den Kopfgeldjägern handelt es sich um eine illustre Gesellschaft: Da ist der schwarze Hüne Eustace mit seiner wuchtigen Schrotflinte und einem hitzigen Wildschwein an der Seite, neben ihm der kleinwüchsige Shorty, ein kluger Kopf, ebenso sternkundig wie ungläubig, dessen feinsinnige Moral von Brutalität und Potenz umhüllt wird. Auf dem Weg über ein Bordell, in dem Jack ohne langes Zögern seine Jugend an den Nagel hängt, gesellt sich die Prostituierte Jimmie Sue dazu, gefolgt von Sheriff Winton, dem einst Komantschen das Gesicht entstellten.

Zusammen verfolgen sie den fettleibigen Fatty, der sich von der Gruppe der Outlaws getrennt hat, finden ihn im Bordell und foltern ihn. Fatty kann jedoch entkommen und flüchtet ins Dickicht, ein dichtes Waldgebiet im Südosten von Texas.

Das Buch ist hemmungslos brutal, Shortys Folter an Fatty nichts für schwache Gemüter. Aber auch Fatty ist nicht ohne, erschießt auf seiner Flucht ins Dickicht alle Personen, die ihm über den Weg laufen.

belmonte aJoe R. Lansdale irgendwo in Ost-Texas / Bild: PKDASD/wikimedia unter CC-by-SA 4.0

Darüber hinaus ist Das Dickicht eine großartige Coming-of-Age-Geschichte. Jack kommt aus einem streng evangelischen Elternhaus. Schnell wird ihm klar, dass die Welt da draußen mit ihrem Dickicht seinen Glauben nachhaltig erschüttern wird. Nachdem er das erste Mal einen Menschen getötet hat, und sei dieser auch ein Verbrecher gewesen, reflektiert er:

„Ich hatte mich von Jesus entfernt und war Satan ein Stück nähergekommen. Im Vergleich dazu waren meine alten Ängste, weil ich mir im Klohäuschen ab und zu einen runterholte, irgendwie nicht mehr so wichtig. Die Vorstellung, dass Gott mir dabei zuschaute, wie ich an meinem Pimmel rumschrubbte, während ich eine Frau in Unterwäsche im Sears-and-Roebuck-Katalog anstarrte, kam einfach nicht gegen das Erlebnis an, auf einen Mann geschossen und dabei zugeschaut zu haben, wie sein Lebenslicht verblasste …“ (213)

Auch die Erkenntnis, dass sogar sein getöteter Großvater bereits Bekanntschaft mit Jimmie Sue hatte, öffnet ihm ein nüchternes Weltbild.

Am Ende werden er und seine Schwester Lula ihre jugendliche Unberührtheit verloren haben. Auf Lulas Bemerkung „Ich bin nicht mehr so unschuldig, wie ich mal war, Jack.“ antwortet Jack: „Wer ist das schon?“ (323)

Der Roman hat es in sich. Er ist schnell und grob, an vielen Stellen aber auch sehr zärtlich. Die Personen, selbst die Outlaws, werden liebevoll gezeichnet und sind mehr als bloße Western-Abziehbilder. Die Schurkenverfolgung verläuft wunderbar episodisch (ähnliche Atmosphäre wie im Film Stand by me), mit einigen fesselnden Seitengeschichten, die Shorty Jack erzählt. Ihre Gespräche sind ohnehin sehr lesenswert, von den sonstigen Dialogen mit viel Spruchwitz und Sarkasmus ganz zu schweigen. Das ebenso chaotische wie famose Finale lässt nichts zu wünschen übrig.

Ich bin gespannt auf den Film, der anscheinend bereits vorbereitet wird. Wie zu lesen ist, spielt Peter Dinklage (bekannt als Tyrion Lannister in Game of Thrones) die Rolle des Shorty.

Joe R. Lansdale: Das Dickicht, Suhrkamp, Berlin 2013. Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel, Tropen, Stuttgart 2014, 330 S.

(c) belmonte 2016

Link zum Datensatz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Interview mit Joe R. Lansdale über The Thicket

Joe R. Lansdale über die Geschichten, die ihn zu seinem Buch inspiriert haben

Rezension zu Joe R. Lansdales Roman Gluthitze

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15 Gedanken zu „Er liest etwas, das ich nicht kenne

  1. Eine feine Idee, die mir gut gefällt. Wie auch die Rezension. Ach, ich fühle mich immer öfter so zeitlich begrenzt und kann vieles nur fraktioniert betreiben, wie auch bloggen überhaupt. Schön deine ganzen Kunstwerke zu betrachten!
    Liebe Grüße aus dem verregneten Bonn, ich sehen mich nach Schnee!
    Hanne 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Hanne, hier hat es Schnee satt, mir ist es fast zuviel, aber wenn jetzt der Himmel seine Pforten öffnet, dann freue ich mich bestimmt an seinem Glanz! Stimmt, du bist seltener zu lesen und zu sehen, umso mehr freue ich mich, wenn du wieder einmal die Zeit findest, wie gerade eben jetzt.
      Ich sende dir einen Herzensgruss mit ein paar Schneeflocken, wir können hier einige entbehren – lach
      Ulli

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