New Orleans, eine untergegangene und wiederauferstandene Stadt

new orleans

Dieses Bild nahm ich bei meiner Freundin K. auf, das Foto der Saxophonistin schoss unser gemeinsamer Freund P.B., als er in den 1990er Jahren New Orleans besuchte.

Schon einmal schrieb ich einen Artikel über New Orleans, damals ging es um die Musikszene vor und nach Katrina, heute geht es um ein Buch und was es mit mir machte. Zur Erinnerung: Katrina war ein Hurrikan, der Ende August 2005 unter anderem grosse Teile von New Orleans zerstörte.

persönliche Einleitung aus einem Text von 1976:

tom und huck

(Das Bild habe ich aus dem Netz gefischt)

„… am meisten aber habe ich immer Tom Sawyer geliebt, den dicken Neger Jim, den Mississipi und die Raddampfer, Tante Polly und natürlich Huckleberry Finn. Das war das Land meiner Träume und alles geschah so, wie es geschehen musste.“

Aber dann geschah eben vieles, was so nicht hätte geschehen müssen. James Lee Burke schreibt in seinem Buch sturm über new orleans

„New Orleans wurde systematisch zerstört, und dieses Zerstörungswerk begann Anfang der 1980er Jahre, als die Bundesmittel für die Stadt um die Hälfte gekürzt wurden und gleichzeitig zu Crack verbackens Kokain Einzug in die Wohlfahrtssiedlungen hielt. Dass man es versäumt hat, vor Katrina die Deiche zu reparieren und hinterher zehntausende Menschen ihrem Schicksal überließ, hat Ursachen, die ich andere ergründen lassen will … (S.563)

New Orleans war ein Song, der unter den Wogen versank. (S. 561)

Vielleicht hatte ich zu viele Erinnerungen daran, wie die Stadt früher mal war. Vielleicht hätte ich nicht zurückkehren sollen. Vielleicht erwartete ich, saubere Straßen zu sehen, das Stromnetz intakt, Zimmermannstrupps, die kaputte Häuser reparierten … New Orleans war ein Song gewesen, keine Stadt. Wie San Francisco gehörte sie nicht zu einem Staat; sie gehörte einem Volk.

Als Clete und ich an der Canal Street auf Streife gingen, war überall Musik. Sam Butera und Louis Prima spielten im Quarter. Alte schwarze Männer fetzten in der Preservation Hall den „Tin Roof Blues“ runter. Die Blechbläser der Beerdigungszüge brachten die Schaufenster an der Magazine Street zum Scheppern. Wenn die Sonne über dem Jackson Square aufging, hing der Nebel wie Zuckerwatte in den Eichen hinter der St. Louis Cathedral. Die Morgendämmerung roch nach stehendem Wasser, mit Flechten überwucherten Steinen, Blumen, die nur bei Nacht blühten, Kaffee und frisch gebackenen Beignets im Café du Monde. Jeder Tag war ein Fest, jedermann war eingeladen, und der Eintritt frei.

Jeder Schriftsteller, jeder Künstler, der New Orleans besuchte, verliebte sich in die Stadt. Sie mochte die große Hure von Babylon gewesen sein, aber nur wenige vergaßen oder bedauerten jemals ihre Umarmung.

Wie sah ihre Zukunft aus?

Ich schaute durch die Windschutzscheibe und sah überall umgestürzte Bäume, von den Masten hängende Strom- und Telefonkabel, rote Ampeln, geplünderte Häuser in Downtown, die so sehr beschädigt waren, dass sich die Besitzer nicht einmal die Mühe gemacht hattten, die herausgerissenen Fenster mit Sperrholz zu vernageln. Die Aufgabe, die hier bevorstand, war von herkulischer Größe, und das Ganze wurde noch durch ein Ausmaß an organisiertem Diebstahl, Inkompetenz und Zynismus von Seiten der Regierung verschlimmert, das außerhalb der Dritten Welt nirgends seinesgleichen hatte …“ (S.300 – S.302)

Ich hätte dieses Buch wohl nicht so schnell gelesen, wäre ich nicht vergrippt und müsste ich nicht seit ein paar Tagen das Bett hüten. Seine Sprache ist teilweise Strassenjargon vom Herbsten, der Plot tut weh. Ich erinnerte mich an einen anderen Krimi, den ich vor einigen Jahren las, der in den Slums von Südafrika spielte, den ich auch kaum aushielt, ich Sensibelchen, ich. Aber dann sage ich mir: das ist real, so geht es zu in der Welt und nicht nur weit weg in fernen Kontinenten. Und dann passiert es mir, wie jetzt auch, dass ich an manchen Stellen weine. Weine über den Gang der Menschheit, ihre Verrohung, die allgegenwärtige Korruption, über den allgegenwärtigen Rassismus und Sexismus, dort, wie hier. Dann wische ich mir die Tränen vom Gesicht, richte mich auf und gehe weiter …

Hier gibt es einen interessanten Artikel der SZ zu Zehn Jahre nach Katrina →

Und hier gibt es eine Fotostrecke des Fotografen Carlos Barria, der 2005 und 2015 Vorort gewesen ist →

Und hier der Tin Roof Blues der Kid Ory’s Creole Jazz Band, aufgenommen 1954

Auch das ist Heimat für mich, doch das ist jetzt ein anderes Thema, versteht sich aber vielleicht über meinen Text von 1976, der seine Wurzel darin hat, dass ich als 10jährige den Tom in einem Theaterstück spielte …

 

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16 Gedanken zu „New Orleans, eine untergegangene und wiederauferstandene Stadt

  1. Da mir sofort, wenn ich an New Orleans denke, diese verdammte Südstaatenromantik den Kopf durcheinanderquirlt und sich Tennessee Williams, Pussycat, Tom Sawyer, Frank Yerby und Sidney Bechet die Hand reichen in einer herrlich verrauchten Kaschemme bei wirklich gutem Jazz, bin ich hier nicht wertungsfrei, sondern traurig, wenn ich daran denke, dass diese Zeiten längst vergangen sind und ablenken von dem sozialen Desaster, für den außer einem Sturm auch noch andere Faktoren ihr zerstörerisches Werk verrichteten.
    Darum Jazz, darum ein Hoch auf Tom und seinen Freund Huck Finn.
    Das verbindet die Traurigkeit mit der Hoffnung zu Mississippimelancholie.
    Sidney Bechet – Creole Blues
    Auch hörenswerte große Musik.
    Dank und liebe Grüße✨

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    • ja genau, liebe Karfunkelfee … ich sag nur Gentrifizierung, die hat ja auch so manche deutsche, bzw. europäische Stadt im Griff, verdrängt wenig betuchte Menschen noch mehr an den Rand und was daraus entsteht kann man ja gerade von den USA gut lernen- leider!
      Sidney Bechet … JAAAAAA
      herzlich schwingende Grüße
      Ulli

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  2. Das klingt nicht freundlich: Sensibelchen. Es ist doch eine gute Gabe, berührbar zu sein. Das Mass zu behalten, nicht abzustumpfen. Und wieder zum Lachen zurück zu finden, irgendwann. Ich stelle fest, wenn ich lange nicht vor einem Fernseher gesessen habe, sind mir Gewaltszenen unerträglich (ist vielleicht auch berufsbedingt, wenn man immer mit den Ergebnissen zu tun hat und die Leute wieder reparieren soll). An manche Dinge sollte man sich nicht gewöhnen…

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    • An manche Dinge sollte man sich nicht gewöhnen… ja, das ist wohl wahr! Und wahrscheinlich ist „Sensibelchen“ wirklich nicht freundlich, eher leicht ironisch mit einer Portion Vergleich mit den anderen, die nicht so leicht zu erschrecken sind …

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  3. Ah!! Vor ein paar Jahren habe ich diese Stadt besucht. Staunen über die wahnwitzige Lebendigkeit der Menschen. Singend und tanzend bewegte sich grad ein Trauerzug durch das French Quarter. Boah! Auch dieser alte Gitarrenladen mit den Instrumenten meiner Lieblingsbluesleute war schwer beeindruckend, oder winzige Hinterhofcafes, oder…aber in den immer noch vom Sturm gezeichneten Vorstadtvierteln haben wir uns kaum getraut, anzuhalten. Und immer bei Erwähnung dieser Stadt muss ich an diesen guten Film denken: https://www.youtube.com/watch?v=qFv5AT4XPPo

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  4. New Orleans – diese Stadt steht auch immer noch auf unserer Wunschliste. Eigentlich seltsam, ist es doch – fuer amerikanische Verhaeltnisse – gar nicht so weit weg von hier.
    Dir, liebe Ulli, wuensche ich ein schoenes Wochenende und gute Besserung,
    Pit

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