Wenn ich …

an Flucht denke, denke ich an Ruinen.

0186 01.10.15 ruinen

Wenn ich an Ruinen denke, denke ich an Tiziano Terzani. An sein Buch: „Das Ende ist mein Anfang“, in dem er, Terzani, zu seinem Sohn sagt (sinngemäss), dass wir alle auf einem Friedhof wandeln, wenn wir an die Zeiten und an die Trilliarden Lebewesen denken, die vor uns waren …

0186a 01.10.15 ruinen

Wenn ich an Ruinen denke, denke ich an das Auseinanderdriften der Kontinente, an Wanderschaften der Völker, schon viele Male. Ich denke an Nomaden, an ihre schwarzen Zelte, ihre Jurten oder Tipis, an ihre Viehherden und daran, dass es gemessen an der Summe der Zigtausend Jahre Bevölkerung auf dieser Erde vielleicht  mehr ziehendes Volk, mehr EmigrantInnen als Sesshafte gab und Städte aus Stein. Vielleicht.

„Ich war schon immer hier und nun kommen die Fremden und ich kenne mich nicht mehr aus“, ist so ein Satz, der nachhallt, nachdem ich nach der Strasse einer Freundin fragte. Wie lang ist immer?

Wenn ich an Flucht denke, denke ich an Heimat, an eine Frau ohne Mann. Der ist mit den Gewehren gegangen. Ich denke an vier hungrige Kinder, an ein verlassenes Feld.

verlassene felder

Wenn ich an Flucht denke, denke ich, dass es jetzt kalt wird, dass noch immer Unzählige unterwegs sind und die Politik neue Begriffe schafft, die, an der Realität gemessen, keinen Boden, keine Wurzeln haben, aber viele Fragezeichen.

0191 12.10.15 Männer denken an Stacheldraht und Gewehre, Frauen an die Kinder

Altgeister denken an Stacheldraht und Gewehre, Frauen an die Kinder.

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10 Gedanken zu „Wenn ich …

  1. Hej Ulli!
    Wenn ich an Flucht denke, sind alle aus dem Wohnhaus meiner Kindheit in Hannover-Mittelfelde, ein nach 45 neugebauter Stadtteil nur für Vertriebene -klingt vielleicht irgendwie besser. Ihre Traumata hiessen Krieg und Flucht. 9 Parteien wohnten im Haus. Nur wir aus Hannover. Neisser Konfekt und Quarkkeulchen – der schlesische Katholizismus gehören dank Frau Züchner zu meinem Leben wie der evangelisch-lutheranischen Rebell der hannoverschen Landeskirche Vasterling, der mich taufte und konfimierte. Er machte es in bunt und trug die Farben der kirchlichen Jahreskreises, wo sonst alles schwarz. War wohl eine Möglichkeit das Leben gut zu ertragen.
    Wann wird ein Vertriebener zum Vertriebenen? Und wo treibt es dann hin? Wir alle treiben im Strom des Lebens.
    Liebe Ulli, ich möchte mich allen Deinen oben gemachten Betrachtungen anschliessen und für die morgendliche Erinnerung an „die Leute in diesem Haus“ bedanken.
    Hab einen feinen Tag Ruth

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    • Liebe Ruth, deine Erinnerungen wären doch auch eine Geschichte wert! Du schreibst:“Wann wird ein Vertriebener zum Vertriebenen? Und wo treibt es dann hin? Wir alle treiben im Strom des Lebens.“Gute Frage und stimme Schlussfolgerung! Ich danke dir und grüsse dich herzlich
      Ulli

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  2. Dass wir alle auf einem Friedhof wandeln, diese Wahrheit in den wenigen Worten hat mich tief getroffen. Wie oft habe ich mich gefragt, wer wohl früher hier lebte, wie es aussah, welche Schicksale und wieviele Leben in Vergessenheit geraten sind. Ich denke an verbrannte Erde, Hunger und Tod bei dem Wort Flucht. An Angst und Mutlosigkeit. Und an den Funken Hoffnung, der hoffentlich heller und länger lodert als das Feuer der Fremdenfeindlichkeit.
    Danke für diesen Text!
    Herzlichst,
    Elvira

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    • Liebe Elvira, ich sah erst die Verfilmung von Terzanis Buch, in der Hauptrolle (als Terzani) der wunderbare Bruno Ganz (von ihm hätte ich mich in jungen Jahren stante pedes heiraten lassen – lach). Es war auf einer seiner letzten Wanderungen in den Bergen der Toskana, er war schon ein todkranker Mann, als er diesen Satz sagte, er traf auch mich mit Wucht und blieb somit unvergessen. In mir verwebte er sich mit all dem, was mir meine Freundin aus B, die Geologin, in den Jahren ihres Studiums oft erzählte, all dieses Untergehen und wieder Auftauchen von Gebirgen, Inseln und Kontinenten. All das Zeichen der Vergänglichkeit, der eigenen eingeschlossen, die diese Wucht wohl ausmachen?!
      Mir geht es auch oft bei Ruinen oder verlassenen Häusern so, dass ich versuche dem vorübergegangenen Leben nachzuspüren.

      Ich danke dir sehr für deine Ergänzungen
      herzliche Grüsse
      Ulli

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  3. Ein sehr weiser Text. Und die Bilder gehen unter die Haut. Ich kann dazu nicht mehr schreiben als dass ich deine Gedanken unterschreibe. Danke, dass du uns erinnerst.

    (Ich trage das ewig Wandernde in mir drin. Vermutlich alle ein bisschen. Da ist so viel Verdrängen.)

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    • Liebe Soso, das teilen wir, das Tragen des ewig Wandernden in uns, ich nenne es Fluchtgen, du Nomadengen, es ist für mich nicht wirklich das Selbe und doch trifft es sich in einer gewissen Ruhelosigkeit, die Boden findet, wenn wir unterwegs sind.
      Nun weiss ich nur nicht was du verdrängst …
      Es bleibt mir danke für deins zu sagen und dich herzlich zu grüssen
      Ulli

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  4. Texte und Bilder gehen unter die Haut! – Besonders der erste Satz: „Wenn ich an Flucht denke, denke ich an Ruinen.“ hat mich beeindruckt und betroffen gemacht. Es sind die Ruinen, die hauptsächlich im Innen verborgen sind, wo es keinen Wiederaufbau gibt und der Krieg geht immer weiter…

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  5. Pingback: Heimat und Flucht |

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