Die Dame in Blau

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Mireille ist eine Karrierefrau. Während des Tages hetzt sie von Termin zu Termin, von Event zu Event am Feierabend. Sie lebt allein, gönnt sich den einen und anderen Liebhaber, ihre Tage und Wochen sind strukturiert. Am Dienstag ist Tochterabend, am Wochenende wird der Geist gewaschen …

Mit 52 Jahren ist sie noch immer eine attraktive Frau. Sie trägt am liebsten rot, weil rot so wunderbar zu ihren schwarzen Haaren passt. Einzelne graue Haare werden übertönt. Ihr Gang ist flink energisch und zielbewusst, sie ist erfolgreich und beliebt, ihr Geist rege. So gleitet sie durch ihr Leben, ohne je gesehen zu haben was nicht gerade vor ihren Füssen erscheint.

Es ist ein ganz normaler Tag, Mireille rennt aus dem Haus, ihr Ziel ist die Agentur. Sie reiht sich ein in den Strom all derer, die, wie sie, von A nach B rennen. Aber heute werden die Gehetzten gebremst.

Viele sind es, die der Dame in Blau einen ärgerlichen Blick zuwerfen. Die Dame in Blau hetzt nicht. Ihr Gang ist ein Schlendergang, mit einem sanften Wiegen des Körpers und einem wohlbemessenen Druck ihrer Füsse, den Kopf leicht geneigt, als lausche sie auf etwas, vielleicht auf das Rascheln ihres blauen Seidenkreppkleides beim Vorwärtsschreiten im Wiegeschritt, wenn dieses auf die Strümpfe trifft. Sie, die kleine alte Dame in Blau, bremst den Strom.

Als Mireille zu ihr aufschliesst und all das Schlendern und Wiegen, den wohlbemessenen Druck der Füsse, den leicht geneigten, vielleicht lauschenden Kopf wahrnimmt, wird etwas in ihr berührt. Sie schliesst sich dem schlendernden Gang der Dame in Blau an, dem Wiegen ihres Körpers und allem anderen. Wird selbst zur Bremse im vorwärts hetzenden Menschenstrom von A nach B. Als sich nach einer Weile ihre Wege trennen, dreht die Dame in Blau ihren Kopf Mireille entgegen, sie lächeln sich an, sie signalisieren sich gegenseitige Zustimmung. Wozu? Das ist erst einmal eine Frage.

Noëlle Châtelet hat eine Hommage an die Langsamkeit geschrieben. Gemeinsam mit Mireille kann die Leserin, der Leser die Tiefen der Entschleunigung und Stille erfahren und die Geschenke des Altseins oder -werdens erspüren.

Aus dem Buch:

>Presseattaché< … die Doppeldeutigkeit des Wortes kommt ihr plötzlich zu Bewusstsein. Sie hatte immer geglaubt, Attaché habe etwas mit attachieren, mit Anhänglichkeit zu tun, mit gefühlmässiger Bindung und wahrer Neigung, doch nun stellt sie fest, dass sie vor allem gefesselt ist, angekettet wie ein Hund, aus freien Stücken eine Gefangene der Presse, und zugleich ausgepresst wie eine Zitrone, wenn nicht gar erpresst, und dazu noch der ständige Druck, die ewige Eile, die Dringlichkeit des jeweiligen Moments, durch die die Gegenwart schon Vergangenheit ist und immer zu spät kommt.

Mireille begegnet dem Wort Grossmutter:

Das Wort sagt ihr zu. Es gefällt ihr. Es passt genau, wie das graue Kostüm, das in der Leinenhülle hing …. Dieses >über die Mutter hinaus< … Warum ist sie nicht sofort darauf gekommen? Es steckt doch alles in diesem Wort. >Grossmutter<, die Mutter, die grösser ist als eine Mutter, grösser in allem, Weisheit, Zärtlichkeit …

Im Laufe der entschleunigten Zeit oder Mireille hört ihren Anrufbeantworter ab:

Die Welt, aus der diese Stimmen kommen, ist einfach anders beschaffen, zwar vernehmbar, aber nicht annehmbar. Sie gehört nicht der Vergangenheit an oder einer anderen Zeit. Sie ist ein Anderswo, ein Anderssein.

Und auch dabei ist alles eine Frage des Tempos, des Rhythmus …

Nichts tun und nichts denken:

An nichts zu denken und zu vermeiden, dass dieses Nichts seinerseits zu etwas wird, ist eine anspruchsvolle geistige Akrobatik, die Mireille weder mit Spiritualität noch mit Mystik verbindet. Es ist ein Zustand höchster Sinnlichkeit, bei dem nur der Körper in Bewegung ist, ohne die geringste Bewegung, eine Art, sich am Dahinfliessen der Zeit zu beteiligen und selbst zu einem lebendigen, gefügigen Teil ihres Ablaufs zu werden.

Mireille und die Spinne in ihrem neuerdings ungenutzem Wohnraum:

Mireille betrachtet lächelnd dieses Wesen, das jetzt ihr beschauliches Dasein teilt. Von nun an werden sie also zu zweit die friedliche Stille weben, die Zeit an den durchsichtigen Fäden ihres zurückgezogenen, kameradschaftlichen Lebens aufhängen, sich zu zweit in der Leere wiegen.


 

Ich denke an die kleine blaue Frau und erkenne den roten Faden. Es ist das Jahr der blauen Damen, ob klein oder alt, ob mit oder ohne Hut. Ob Frau, ob Dame. Es ist ein Jahr des Schlenderschritts, mit wohlbemessenen Druck auf die Füsse und sich wiegendem Körper, mit leicht geneigtem Kopf, als lausche ich auf etwas …

Ich denke an die kleine blaue Frau,

wie sie das Meer träumt,

das Land liest,

wie sie dem Getöse der Welt lauscht …

 

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12 Gedanken zu „Die Dame in Blau

    • es scheint als brauche die Närrin eine Auszeit oder vielleicht hat sie sich ja nur verwandelt … in die kleine blaue Frau 😉
      ja … liebe Marlen, unbedingt schlendern und dabei den Wiegeschritt nicht vergessen-
      ich denke gerade täglich daran, da freut sich mein ganzes System!
      herzliche Grüsse vom arg windigen und grauen Berg in die Hansestadt
      Ulli

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  1. Dass du auf die Dame in Blau gestoßen bist, ist bestimmt kein Zufall, oder? Und wenn doch, ein schöner – wie passend! 🙂 Merci für den Text und die passenden Bilder. Das mit der Entschleunigung probiere ich ja gerade auch…

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    • beim lesen und schreiben habe ich auch immer wieder an dich gedacht- auch wegen der roten Kleider 😉
      an Zufall glaube ich in dem Zusammenhang auch nicht, es ist ja eh die Frage, ob es ihn gibt oder nicht …
      herzliche Grüsse

      Gefällt 1 Person

  2. So, du hast auch an mich gedacht, liebe Ulli… 🙂 Ich sah mich natürlich auch selbst, aber nur wegen der Farbe, eine hetzende Karrierefrau bin ich ja nun wirklich nicht. 😉

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