Schattenmächte

0140 08.08.15 Schattenmächte

Donnerstagmorgen war es, in einer kleinen Stadt am Rhein, als ich einkaufen ging. Die Hitze hatte sich noch nicht ausgebreitet, es wehte ein kleiner, feiner Wind. Ich war guter Dinge. Schlenderte zum kleinen Bioladen, kaufte an einem der Marktstände meine Lieblingsoliven und eingelegten Schafskäse. Beim Türken nebenan gab es Tomaten in allen Grössen und meine heissgeliebten Plattpfirsiche, gegenüber im Zeitungsgeschäft lockte die wöchentliche Ausgabe der Zeit. Alles fein also! Nun fehlte nur noch der Espresso. Im Urlaubsschlenderschritt ging ich also noch zum nahegelegenen Supermarkt den kleinen Berg hinab, Espresso für alle und eine Milch für die Freundin, ein schneller Einkauf, wie ich ihn liebe und lauter Frische im Sack.

Ich näherte mich der Kasse, als just verkündet wurde, dass nun die zweite auch öffnet. Na prima, dachte ich. Von wegen! Als ich gerade die zwei Teile aufs Band gelegt hatte, sie schon nach vorne rollten, kam eine aufgebrachte Frau und maulte laut: die zuletzt kommen, gehen zuerst oder was! Ich schaute auf ihren übervollen Einkaufswagen und meinte: Bis Sie ausgepackt haben, bin ich doch schon dreimal weg. Falscheres hätte ich wohl nicht sagen können. Ihre Tiraden nahmen nun kein Ende mehr. Ich stellte die Ohren auf Durchzug, sinnierte sofort über unglückliche und frustrierte Hausfrauen nach, verkniff mir meine unflätigen Bemerkungen, bezahlte und wollte gerade gehen, als sie mich anschrie: Sowieso alles Ausländer hier! Tiiiief ausatmen, Tüten nehmen, gehen. Jede Diskussion vermeidend, weil ich solche Menschen leider kenne und aus Erfahrung weiss, dass es hier weder um Vernunft, noch um Argumente geht. War ich einerseits so dankbar für die ältere Dame, die mir dann begegnete, mich anlächelte und sogar grüsste, hatte andererseits meine Ferienstimmung einen leichten Knick erhalten.

Okay, es gibt solche und solche, war schon immer so. Aber solche werden immer lauter, aufgehetzt und aufgeheizt von Schattenmächten und deren Meinungen, erscheint mir der deutsche Alltag zu einem Pulverfass geworden zu sein und das nicht erst seit der anhaltenden Hitze!

Es blieb ein Rest Unwohlsein in mir und die Frage, ob ich vielleicht doch noch etwas hätte sagen sollen?

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25 Gedanken zu „Schattenmächte

  1. Hallo Ulli,
    ich denke mal, Du hast es richtig gemacht. Klar, manchmal muss man etwas sagen, aber dann sind da auch die absolut Unbelehrbaren. Bei denen ist jedes Wort leider Zeitverschwendung.
    Hab’s fein,
    Pit

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  2. Mein „Gefällt mir“ gilt nicht der Situation, sondern natürlich deiner Beschreibung und der Gedanken. Ich verstehe gut, wie du dich gefühlt hast und was dir durch den Kopf ging. Mal abgesehen von den vielen keifenden unzufriedenen Menschen im Allgemeinen in diesem unseren Lande sind es auch vor allem die zunehmenden ausländerfeindlichen Parolen, die mich mehr als nachdenklich machen. In einem Forum, in dem ich mich manchmal herumtreibe und das vollkommen unpolitische Inhalte hat bzw. hatte, werden immer mehr Stimmen laut, vor allem von Frauen meines Alters, die offen ausländer- bzw. asylantenfeindlich sind. Aber sie geben es nicht zu! Sie verbreiten unentwegt populistische Pegida-Parolen, werfen um sich mit dem Schimpfwort „Gutmenschentum“ und „Das Boot ist voll“ oder „Hier gibt es auch Armut“, behaupten aber, sie hätten nichts „gegen Ausländer“ oder „Ausländer als solche“ etc., finden es aber ganz schrecklich, dass sie sich „in die rechte Ecke gestellt fühlen“, tun aber wirklich nix, um dieden Eindruck zu entschärfen, im Gegenteil. Ich habe mal in ihre Profile geschaut und gelesen, was sie sonst noch so schreiben. Dabei ist mir aufgefallen, dass die meisten in Ostdeutschland leben (kann aber Zufall sein, auch wenn Pegida da ja rauskam), doch vor allem, dass viele all ihre Informationen über die Welt anscheinend nur aus dem Internet und anderen Medien (natürlich nicht die Lügenpresse der Gutmenschen) beziehen. Die meisten leben auf dem Land und sind anscheinend kaum je aus ihrem Dorf weggekommen. Tja, was will man da an Offenheit, Menschen- und Kulturkenntnis erwarten, wenn sie nie über den eigenen Tellerrand geguckt haben und nix weiter kennen als ihren beschränkten Horizont? Gibt es denn soviele davon? Ich finde es beängstigend. Die „Gutmenschin“.

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    • Humanistin als Abwertung gibt schon zu denken, aber Solidarität ist ja auch schon so weit gekommen, genau und was heisst hier eigentlich Gutmensch? Bin ich ein Gutmensch, weil ich niemanden etwas Böses will, weil ich die Worte Respekt, Toleranz und Solidarität ernst nehme und so gut ich es vermag, zu leben versuche? Ja, das ist wohl ein Gutmensch. Da muss ich also Gelassenheit üben, um mich nicht davon provozieren zu lassen.
      Die Menschen aus dem Osten sind speziell und leider sind viele von ihnen ziemlich engstirnig, vielleicht ist das so, wenn man in zwei aufeinanderfolgenden Diktaturen gelebt hat? Aber was auch immer die Gründe sind, heute kann jede und jeder sich auf vuelfältige Weise informieren, wenn er und sie will und kann. Ich merke auch, dass ich dies mittlerweile erwarte- bliebe nur noch die Dummheit. Ich schreibe und denke das nicht gerne, aber ich denke immer häufiger, dass es wohl einen gewissen Gard an Intelligenz und somit auch an sozialer Kompotenz braucht, um nicht zu den Dumpfbacken zu gehören.
      ich danke dir für deins, liebe Grüsse
      Ulli

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    • Ich weiß zwar jetzt nicht konkret, was du und Ulli unter „Schattenmacht“ versteht, Soso, aber ich habe den bitteren Eindruck, man kann sie mit nichts aufwecken, sie sind taub, blind, verbohrt, dumm ich weiß nicht… 😦

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    • ja genau, das ist die eigentliche Frage und da bin und bleibe ich ratlos … denn auch Ignoranz führt zu nichts, wie wir ja gerade eben erleben, dann werden sie eben lauter … bleibt eigentlich nur auch laut zu sein und immer wieder zu zeigen und zu sagen: so nicht! Hoffentlich reicht das, ich zähle (noch) auf die Intelligenz in unserem Land und gleichzeitig hege ich Zweifel- verflixt ist das!

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  3. Vor ein paar Wochen habe ich „draußen“ ein ähnliches Beispiel wie du erlebt. Ich blieb stehen und mein Mund ging auf… und klappte wieder zu. Nicht aus Feigheit, sondern in erster Linie, weil ich so perplex war, manchmal muss ich mich erst fangen, um antworten zu können. Aber sicher auch ein bisschen aus dem Gefühl heraus, nichts bewirken zu können. Ansonsten mache ich ja meinen Mud weiter auf und stimme dir zu, dass man auch laut sein muss.
    Was ich so schlimm fand an meiner gerade erlebten Diskussion, die sich zu einem fiesen Diffamierungskampf entwickelte, ist dieses Schwarzweißdenken des „Mobs“ und „Pöbels“, sorry, dass ich es so nenne, aber ich empfinde es mittlerweile so. Und auch, dass sie nicht zuhören und einem das Wort im Munde verdrehen. Das geht so weit, dass sie Leuten wie mir vorwerfen, ich stehe unter dem Einfluss der Mainstreammedien und der allgemeinen Meinung, SIE seien eine nicht gehörte Minderheit, die unterdrückt wird, und die Einzigen, die sich wirklich Gedanken machen. Was will man machen, wenn alle Argumente verpuffen? Differenzierung ist nicht ihr Ding. Wenn man zum Beispiel auf Ursachen zu sprechen kommt oder einfach nur zu denken gibt, dass ja unter anderem Deutschland erst Länder wie Syrien bewaffnet hat, die nun vor dem Bürgerkrieg unter anderem zu uns flüchten, dann wird das überhört oder weggewischt, es geht allein um das, was gerade ist und was nicht sein darf. Kein Wunder, dass Asylantenheime brennen, sagte jemand öffentlich. Ich weiß da nicht mehr weiter…

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    • ich ja leider auch nicht, aber ich will was tun, nur darüber bloggen ist ja nicht wirklich hilfreich, heute dachte ich mal danach zu schauen, ob es auch hier die Initive: kein Mensch ist illegal gibt-

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  4. In der Berliner Zeitung wurden heute Teile einer Studie des Meinungsforschungsinstituts You Gov veröffentlicht. 69% der Befragten haben kein Vertrauen in die Politik, was sicherlich alle politischen Seiten betrifft und nicht verwunderlich ist. Es wurde postituliert: Politik ist nur eine Show, die Wahrheit wird uns verschwiegen. Das mit der Wahrheit scheint mir stimmig, werden Menschen, die die Wahrheit veröffentlichen, doch umgehend abgestraft, sogar verfolgt. Und das in einem Land, in dem die Meinungsfreiheit im Grundgesetz rechtlich festgelegt ist. Mir fiel ein beliebtes Zitat meiner Mutter ein: gibt man jemanden den kleinen Finger, nimmt der gerne die ganze Hand. So scheinen heute viele Menschen zu ticken. Sie wollen nicht mal mehr den kleinen Finger geben. Weder der Frau mit nur zwei Einkäufen an der Kasse, noch den vielen auf Hilfe und Asyl angewiesenen Menschen.
    Mir fällt da eine Begebenheit ein, die sich vor vier Jahren in unserem Haus zugetragen hat. Unsere Nachbarn waren Deutsche mit türkischen Wurzeln. Wir hatten ein sehr herzliches Verhältnis zu den Eltern und ihren zwei Söhnen, ganz im Gegensatz zu den Nachbarn unter ihnen und deren Nachbarn. Vor gut vier Jahren wurde nach einer Fehlgeburt die ersehnte Tochter geboren. Eines Tages klingelt Ahmed bei uns und erzählt uns, dass der Nachbar schräg unter ihnen in der Nacht Sturm geklingelt hat. Er würde die Polizei rufen, wenn nicht endlich das Baby zu schreien aufhören würde. Hatice zahnte und die Eltern trugen sie abwechselnd durch die Wohnung. Ahmed und Jasemine waren so perplex, dass sie gar nichts sagen konnten. Knapp ein Jahr später zogen sie in eine größere Wohnung mit netten Nachbarn rundherum. Die hasserfüllten Nachbarn meinten noch zu Ihnen, dass sie es nun geschafft hätten, sie los zu werden. In diese Wohnung zog nun ein junges deutschstämmiges Paar. Die Frau ist schwanger, wie mir die Nachbarin unter ihnen erzählte. Ohne nachzudenken habe ich gesagt, dass man dann nur hoffen kann, dass es ein sehr ruhiges Baby sein wird, das keinerlei Probleme beim Zähnen hat oder unter Blähungen leidet, da sonst sicherlich wieder mit polizeilichen Maßnahmen gedroht wird – oder ob das bei Babys reindeutscher Familien anders wäre? Ich ließ die Nachbarin, die mich nur entgeistert ansah, dann einfach stehen. Denn obwohl ich äußerlich völlig ruhig war, kochte ich innerlich.
    Ups, schon wieder so viel kommentiert! Aber dieses Thema treibt mich einfach um.
    Herzliche Grüße von Elvira

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    • liebe Elvira, danke für diese Geschichte, die sich in so viele einrieht, vielleicht sollten wir mal eine Sammlung machen und ein Buch daraus erstellen … aber wer wird es lesen? Wenn überhaupt die, die es sowieso schon wissen und nicht so sind- mir fallen jetzt so einige unliebsame Anekdoten aus meiner Berliner Zeit ein und denke, genau, gerade eben wird so getan, als ob diese Ausländerfeindlichkeit neu sei und nur mit den vielen Flüchtlingen zusammenhängt, dem ist aber nun weiss Gott nicht so- Fremdenfeindlichkeit gab es schon immer und auch schon immer laut und unflätig, nur jetzt wird es immer offensichtlicher, sodass es auch der und die Letzte hier kapieren müsste.
      Ja, Politik ist eine Show, nannten wir nicht auch schon in den 1980iger Jahren die Tagesschau, Tagesshow?
      liebe Grüsse
      Ulli

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  5. Dieses Land macht krank. Inzwischen. Diskussionen fast unmöglich. Rückzug ins innere Exil. Für mich nicht möglich. Rausgehen. Bunte Republik Deutschland. Bilder sehen. This camera kills fascists. Immer wieder. Lieder in fremden Sprachen laut singen. Danke für Deine Worte. Danke für Deine Wut.

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

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