Wie wollen wir leben?

065 28.04.15

Das gute Leben – copyright Ulli

Wie wollen wir leben? So hiess ein Vortrag der Journalistinnen Ute Scheub und Annette Jensen (taz-Berlin) am Dienstagabend, 28.04.2015 in der Murgtalhalle. Eine Veranstaltung der Initiative: Murg im Wandel – für ein gutes Leben … Ute Scheub und Annette Jensen schrieben gemeinsam das Buch: Vom Bruttosozialprodukt zum Bruttosozialglück. Hierhin werden u.a. viele positive Beispiele aus Deutschland und der Welt genannt, die Bürger und Bürgerinnen, jenseits der Hauptströmung, in Dörfern, Städten und auf dem Land verwirklicht haben. Beispiele, die Mut machen. Noch einmal hat es mir gezeigt, dass es nicht immer die grossen Projekte sein müssen, Kleinvieh macht eben bekanntlicher Weise auch Mist.

So hat zum Beispiel eine ehemalige Reinmachefrau nicht akzeptieren wollen, dass den Putzmittel chemische Oxalsäure zugesetzt werden, worauf sie und viele ihrer Kolleginen mit Ausschlägen zu kämpfen hatten. Als sie nun eh wegen Schliessung des Werks arbeitslos werden sollte, setzte sie ihre Idee um und forschte in der Pflanzenwelt nach natürlicher Oxalsäure und wurde fündig. Sie hat ein Reinigungsmittel auf rote-Bete-Basis kreiert und hat Erfolg.  Sie hat sich ihren eigenen Arbeitsplatz geschaffen, ihr Sohn betreibt die Vermarktung und mittlerweile hat sie zwei Angestellte aus dem Dorf. Geht doch … Klar, überlege ich gleich, wieviel rote-Bete-Felder es nun brauchen würde, wenn jetzt alle Menschen … ihr wisst schon! Wenn nämlich alle Menschen nur noch Bio-Baumwolle tragen wollten, dann hätten wir so ziemlich flächendeckend einen Baumwollplaneten … wäre nachzuprüfen! Genug geunkt.

Denn schliesslich ging und geht es um positive Beispiele. Um Visionen wie das Leben auf diesem Planeten zu organisieren wäre und ist, damit die Horrorszenarien nicht Wirklichkeit werden. Tausend Menschen danach befragt, was für sie Glück ausmacht, kristallisieren sich einige gemeinsame Punkte heraus: soziales Miteinander, Vernetzung, Entglobalisierung, Mitspracherecht, Grundeinkommen für alle, Genossenschaften, lebendige Demokratie … sind jetzt die, die mir noch spontan einfallen.

Noch etwas bewege ich in mir. Laut Ute Scheub und Annette Jensen braucht es 5% der Bevölkerung, die sich anders organisieren und dafür laut einstehen, um Politiker und Politikerinnen wach zu rütteln … Gerne zitiere ich noch einmal Pierre Rhabi:

„Seinen Garten zu bestellen wird als ein politischer Akt des legitimen Widerstands gegen die Abhängigkeit des Menschen verstanden werden.“

Ja, ich mag es, wenn sich viele Menschen in einer Halle versammeln und einmal positiven, vorgelebten Beispielen und Möglichkeiten lauschen. Ich mag es auch, wenn sie in einer Art gemeinsamen Spiel, Bilder in sich aufsteigen lassen, wie das Leben in 30 Jahren denn aussehen könnte. Und ja, ich weiss auch, dass es darum geht positive Haltungen und Bilder zu entwickeln, damit sich diese manifestieren können. Gleichzeitig weiss ich aber auch um die Macht und die Kälte derer, die gerade dabei sind den Karren so richtig in den Dreck zu fahren. Was ist, wenn diese 5% nicht in dem Sinne wachrütteln, dass es auch in den politischen Instanzen und in der Wirtschaft zu einem Umdenken kommt, sondern es ins Gegenteil umschlägt und fröhliche Ideologinnen und Ideologen und ernsthafte Alternative kriminalisiert werden? So, wie es zum Beispiel gerade eben (mal wieder) den Kurden und Kurdinnen widerfährt …

Kurzer Einschub – Kurdistan, das war einmal, nun ist es drei geteilt und heisst Türkei, Iran und Irak … Kurdinnen und Kurden im eher türkischen Teil haben damit begonnen sich in kleineren Städten und Gemeinden, in Dörfern und den Landstrichen herum selbst zu organisieren und zu verwalten. Die Betätigungsfelder sind mannigfach: manche legen Samenbanken für kostbare Wildpflanzen an. Das ist notwenig, da sie entweder breitflächig abgeerntet werden oder den dort ansässigen Bauern versucht wird Montsanosamen zu verkaufen. Es wurden auch Räte gebildet, es wird um die Belange, Landwirtschaft, Handel, Leben und Konflikte und … diskutiert, Entscheidungen werden im Konsens gefällt. Genossenschaften wurden gegründet, für gerechtere Löhne und gemeinsamer Arbeit. Ausserdem wird auch getauscht, statt gekauft/verkauft. Und es funktioniert … aaaber es ist nicht Recht, nicht der türkischen Regierung, sodass viele von diesen Menschen (wieder einmal) kriminalisiert wurden und Zurzeit in türkischen Gefängnissen einsitzen. Nein, wir sind hier nicht in der Türkei … aber in Deutschland … in Europa …

Ich möchte gerne an die 5% im positiven Sinne glauben! Bleibe aber skeptisch! Wie ich generell an diesem Abend doch skeptisch geblieben bin. Es deuchte mir, dass hier ein rosa Tüllvorhang vor den Augen wehte … besonders bei den Visionen … klar, klasse Ideen, aber wenn ich durch die Strassen gehe, dann schaue ich in viele Gesichter, die solche Ideen überhaupt nicht teilen! Zum Beispiel …

Natürlich werde auch ich weiterhin darum bemüht sein kleine, glücksbringende Schritte zu tun. Für mich und für andere, für ein gutes Leben … Gleichzeitg vergesse ich nicht, dass es ein Privileg ist hier zu leben und die Musse zu haben mir, gemeinsam mit anderen, darüber Gedanken zu machen, wie denn ein gutes Leben aussehen könnte … und das auch noch global … aber bitte … bleiben wir doch lieber regional!

Der kleine Ort Murg beweist, dass mit einem offenen Bürgermeister und einer aktiven Bürgerschaft vieles zu bewegen ist (siehe Webseite). Ute Scheub und Annette Jensen hatten ebenfalls viele solcher positiven Beispiele gesammelt, aber all das funktioniert eben auf der regionalen Ebene- wie es dann bundesweit oder europaweit oder gar global funktionieren könnte, weiss kein Mensch! Ich bin eh der Meinung, dass regional eben regional heisst, ich möchte nicht mit einem Lösungskoffer an afrikanische Türen klopfen, dazu habe ich schlichtweg kein Recht und das war und ist der Fehler seit Jahrhunderten vom weissen Volk, nicht nur in Afrika! Was sich rächt … irgendwie … und auch nicht mehr wirklich übersehbar!

Ich traf alte Bekannte an diesem Abend wieder. Eine versicherte mir mit entschlossener Miene, dass sie fest an den Quantensprung in der Menschheitsgeschichte glaubt … er stehe quasi vor der Türe … Ist solch ein Glaube nicht schlichtweg ein Versuch des Selbsttrostes in einer Welt, in der die Probleme schneller wachsen, als das Gras auf der Wiese … die versucht sich selbst zu überholen, mit allen Konsequenzen? Ich bleibe skeptisch! Wie gesagt, ich sah rosa Tülltücher wehen … sorry und weg …

Advertisements

7 Gedanken zu „Wie wollen wir leben?

  1. Guten Morgen, liebe Uli. Ich habe Deinen Artikel eben meinem Mann vorgelesen. Ihm fiel spontan ein Zitat von Helmut Schmidt ein: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!“ Das muss um die 40 Jahre her sein und betraf eine Frage zur Atombewaffnung. Aber irgendwie scheint dieser Satz fest in der Denke der meisten Politiker und Wirtschaftsbosse (mein Mann sagt gerade Kapitalistenschweine) verankert zu sein.
    Herzliche Grüße ,
    Elvira

    Gefällt 1 Person

    • au weia … Schmidt Schnauze … und ganz ehrlich: ich rede auch immer mal wieder noch von Kapitalistenschweinen!
      Vielleicht hätte ich schon noch mehr über die Visionen schreiben sollen, da ging es dann letztendlich schon um sehr praktische Vorschläge: keine Autos mehr in den Innenstädten, wenn nur mit Elektromotor …Energiehäuser … generationsübergreifendes Wohnen … Grundeinkommen für alle, etc. aber als ich dann mal das Durchschnittsalter der Anwesenden, es waren gut 200 Leute da, betrachtete, war ich noch eine der Jüngsten! Wo sind denn die jungen Menschen, um deren Zukunft „wir“ uns gerade einen Kopf machen? Die haben nämlich noch einmal ganz andere Visionen!!! Ich rede jetzt von den Engagierten … ich bin immer sehr angetan, wenn ich mich mit Generation 30 +/- rede – es gab für mich wirklich viel Widersprüchliches und ich merke, dass ich meinen Artikel schon ziemlich schnell in die Tasten gehackt habe, wohl auch, weil mir all das schön-schön auf die Nerven gegangen ist und dann noch der Quantensprung- lach –

      herzliche Abendgrüsse
      Ulli

      Gefällt mir

      • Die jungen Leute, das ist ein vielschichtiges Thema. Aber das war es wohl immer. Meine Söhne sind ja 30+ , und die Kolleginnen 18-50. Bei meinen Kindern beobachte ich, wie der Alltag sie auffrisst. Zwischen Arbeit, Studium und Kinder bleibt gerade noch Zeit zur Pflege sozialer Kontakte. Der Jüngere versucht seinen Roman noch irgendwie dazwischen zu schreiben und macht sich immerhin noch theoretisch Gedanken über Gott und die Welt. Von meinen Kolleginnen nicht eine einzige. Dass es aber auch anders geht, lese ich immer wieder hier in sehr engagierten Blogs.
        Ich wünsche dir ein wunderschönes Wochenende!
        Herzlichst,
        Elvira

        Gefällt 1 Person

  2. Auch rosa Tülltücher haben was verändert. Das Pendel muss oft über Extreme ausschlagen, damit es ich „einpendeln“ kann, das Neue.
    Wir brauchen diese Kontraste um zu sehen, was wirklich dem Ganzen dient.
    Veränderungen aus der Basis sind nachhaltiger, lehrt die Geschichte.
    Und ja, ich mag und will zu diesen 5% gehören, trotz aller gesunder Skepsis.
    Hingabe könnte ein Schlüssel sein, auch wenn das Wort womöglich lila aussehen mag.

    Gefällt mir

    • erst einmal gebe ich dir Recht, liebe Soso, so wie du es schreibst … ja, ich gehöre auch zu den 5%, schon immer- hüstel … aber wenn ich es nüchtern betrachte, dann ist das so! Aaaaber an diesem Abend wurde auch vieles ausgeblendet, vielleicht magst du ja noch meine Antwort oben an Elvira lesen, dann muss ich mich jetzt nicht wiederholen! Danke dir und herzliche Abendgrüsse Ulli

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s