blaue Stunde – 18 – Öffnung

001 bucheckernschaleSich zeigen, die leere Bucheckernschale ist das Symbol. Weit haben sich ihre stacheligen Flügel geöffnet. Golden leuchtet das Innen.

Sichtbar werden, geschützt bleiben.

Wieviel Öffnung mute ich mir zu, wieviel der Welt? Öffnung braucht Mut und Wachheit, braucht Vertrauen, vor allen Dingen in sich selbst, in die eigene Wahrnehmung, die nicht allgemeine Wahrheit ist, nur immer die eigene und manchmal, in wenigen Ausnahmen, auch ganz allgemein.

Öffnung braucht Schutz, braucht die Gewissheit, dass nichts passieren wird, was nicht passieren soll, heißt bei sich und mit sich selbst zu sein. Heißt zu wissen, dass es nichts wirklich zu verlieren gibt. Kein Gesicht und keinen Ruf. Unschuld ist schon lang vorbei! Und ums Leben geht es hier nicht. Auch nicht um Blindheit, um das Betreten von Gefahrenzonen, die man nicht meistern kann. Es geht um Öffnung, dem Leben, ganz. Weit zu werden, ohne etwas haben oder erreichen zu wollen, ohne Greifen, ohne Zwang.
„Es“ zu tun.

Das Leben tanzen, auf seinen Wellen reiten, hoch hinauf und tief hinunter, juchzen und schreien, lachen und weinen, nichts ausschließen. Die Mitte und die Stille sind Ruheräume, hier wird Kraft geschöpft. Hier werden Eindrücke verdaut, Gedanken zu Papier gebracht, hier werden Gefühle zu Bildern, bis das Leben wieder Fahrt aufnimmt. Hoch hinauf und tief hinunter. Narr und Närrin lachen.

Leer war die Welt geworden, als Närrin und Narr das weite Land und die kleine Stadt verlassen hatten. Melancholie legte sich über die Gassen, trübte das Laternenlicht in der Nacht.

002 nebelnacht

Leise waren die Gesänge der Schwäne geworden. Die Kraniche tröteten an Afrikas Flüssen. Es war nicht lange her, dass sich Närrin und Narr getroffen hatten, dass sie gemeinsam die Nacht erleuchtet hatten. Es vergingen nur wenige Tage bis sie gemeinsam die kleine Stadt verließen. Und wieder war es Nacht, es fiel der erste Schnee. Stille legte sich über Land und Stadt.

Es saß eine kleine blaue Frau am Meer. Leise Wellen spielten Vor und Zurück. Die Narreteien waren verschwunden. Nur die Vögel sangen weiter ihre Lieder, die Raben und Krähen krächzten, Kraniche waren in den Süden geflogen, sie hatten die Närrin auf ihren Wegen in einer Stube sitzen gesehen. Sie war beschäftigt … mit Menschendingen. Schalk hielt sich versteckt.

Es galt die Leere auszuhalten. Die Stille, wieder einmal. Die Kraniche flogen zurück in den Norden, tröten über dem weiten Land und der kleinen Stadt. Sie waren die Vorhut für glöckchenfeines Lachen. Närrin und Narr kehrten zurück. Melancholie und Leere machten ihrem Lachen Platz. Ihm und dem ganzen verrückten Leben!

Man muss sich die Narreteien erlauben! Es ist genügend Ernst, Leid und Schmerz in der Welt. Sie muss man nicht suchen, sie stecken hinter jeder Ecke. Sie können eine Portion Narretei gut gebrauchen, eine Prise Ironie, einen Schalk, einen Narr, eine Närrin.
Ja, Empörung tut Not in dieser Zeit. Mut auch, um hinzuschauen, es auszuhalten und dann auch einmal wegzuschauen und die Welt, Welt sein zu lassen.

Angst hält die Menschen klein und die Welt in Atem. Feinde werden erkoren und immer sind es die anderen, die uns etwas wegnehmen wollen. So wird alles Habenwollen umgekehrt, werden Räume eng. Es ist noch immer genügend Platz für jede und jeden, niemand muss gehen und niemand muss alles mögen, auch ich nicht von mir selbst. Aber ich darf lachen. Auch über diese Welt!

Es wiegt schwer, das Diktat. Es ist die Fessel bei jedem kreativen Akt. Die Närrin verleiht Flügel, Coyote heult sein Mondlied dazu, Schlange häutet sich, Samenkapseln platzen auf, Zitronenfalter fliegen, Kirschbäume blühen, Hummeln brummen, Bienen summen.

0001a ErblühenIn meinem Takt bleiben, ohne zu hasten, ohne Atemlosigkeit, gleichmäßiger Schritt. Die Werkzeuge finden sich ganz von allein. Routine schenkt kreative Räume, lässt Gedanken frei und den Geist tanzen. Freiheit ist kein äußerer Raum. Ich kann mich nur selbst frei geben! Gegen die Angst gesehen zu werden, gegen die Scham vor der eigenen Kleinheit. Gerade das, was wir am meisten zu verbergen suchen, wird von geübten Augen als erstes erkannt. Warum es also überhaupt noch versuchen?

Karl Ove Knausgård lässt Schranken fallen. Er zeigt sich der Welt in seinen Schwächen und Stärken, aber ganz besonders in seinen Schwächen. Er versteckt sich nicht hinter erfundenen Geschichten, bewegt sich innerhalb seiner Wahrnehmungen und Wahrheiten, wohl wissend, dass es seine Erinnerungen sind. Andere, wie seine Mutter, sein Bruder erinnern sich anders, an anderes, auf jeden Fall nicht so … Es bleibt Verwunderung und das sichere Wissen um die eigene Welt, die eigene Wahrnehmung und Empfindung. Doch nach der Lektüre seines vierten Bandes: „Leben“, frage ich mich: will ich all das so genau wissen?

Knausgård hält auch in diesem Band das Tempo und somit eine gewisse Spannung aufrecht, sodass ich immer weiter lesen will und muss. Aber es gibt Längen und eben diese Frage. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass sich hier etwas trennt. Erschien er mir bis hierher eher als eine Art Bruder, so wird er jetzt zu Karl Ove Knausgård. Einem Mann, der mich an seiner Pubertät, seinem Erwachsenwerden teilhaben lässt. Der sich als ein Kerl zeigt, den ich mit 16, 17, 18 Jahren nicht gemocht hätte. Ob er sich selbst mochte, damals …? Ich glaube nicht, wenn ich ihn richtig gelesen habe. Und genau hier setzt dann auch wieder meine Achtung für sein Werk ein. Es braucht Mut sich zu zeigen. Ganz. Auch auf die Gefahr hin nicht gemocht zu werden. Sich der Welt zuzumuten. Weiter und immer weiter zu gehen, mit seinem Projekt. Seinem Kampf ins Gesicht zu schauen, ihn zu benennen, alles von ihm der Welt zu zeigen, die sich darin wiederfinden kann. Alles, soweit alles eben geht.

Und wieder wirkt die Frage: wie weit bin ich bereit mich zu zeigen? Und wer will das alles wissen? Wenn schreiben ein Muss geworden und geblieben ist, dann muss es sich die Frage gefallen lassen: für wen und wozu. Was ist nur Bedürfnis nach Anerkennung oder nach Erkennung gleicher Geister- wo entsteht Reibung und halte ich diese aus? Was ist, weil es muss und was wird kreiert, was ist immer schon da und will nur hinaus? All die vielen Tierchen, die leisen und lauten, die wilden und zahmen, sie alle wollen das offene Land und die Weite des Himmels. Käfige und Dressuren tun niemanden gut, keinem Tier, keinem Menschen, keinem Kraut. Es wird viel gebogen und verborgen, viel gelogen und verbogen in der Welt und nichts scheint mehr heilig. Aber wenn erst einmal alles profan geworden ist, wie soll es dann noch Staunen und Freude geben? Alles will leben. Ganz. Zu und in seiner Zeit. Alles will voll erblühen,

0001 Erblühenwill sich voll entfalten, will in Freiheit hoch hinauf und tief hinunter, will ausruhen im sicheren Raum, ausatmen und weitergehen.

Sich zeigen, die leere Bucheckernschale ist das Symbol. Weit haben sich ihre stacheligen Flügel geöffnet. Golden leuchtet das Innen.

Sichtbar werden, geschützt bleiben.

001a sichtbar werden, geschützt bleiben

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13 Gedanken zu „blaue Stunde – 18 – Öffnung

      • So viele Gedanken! So viele Parallelen! Du hast mir viel Nachdenkstoff gegeben. Da reichte es nur für ein „ach“.
        Ich schicke Dir ganz viel Sonne auf den Berg, den sie verschenkt sich hier gerade verschwenderisch.
        Herzlichst,
        Elvira

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      • Liebe Elvira, schön, dass du doch noch etwas hierzu geschrieben hast. Ja, es stimmt, es ist viel text- zuerst wollte ich zwei Artikel daraus machen, den einen über die Öffnung, den anderen über Knaugards 4. Band, aber dann gehörte eben doch alles zusammen und ich habe mich meiner leserschaft mit diesem langen Artikel zugemutet (lach).
        Ich mag auch die Würze der Kürze und dann wieder brauche ich all diese vielen Worte, um das zu sagen, was ich sagen will. Ob das aber nun bloggemäss ist? Ich glaube, dass die meisten keine Zeit für so viel Text haben oder sich nehmen- danke, dass du es getan hast-
        ich wünsche dir ein feines Wochenende und grüsse dich herzlich
        Ulli

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  1. Wer will das alles wissen? Diejenigen, die das alles wissen wollen. Ich will alles wissen, egal, ob die die belebte Welt und die Welt der Dinge bereit sind, mir dieses Wissen zu ermöglichen. Wozu ich schreibe oder du? Weil wir es wollen oder sogar müssen. Weil es eingeschlossen, innen, nicht leben kann. Für wen schreiben? Diejenigen, die es lesen, werden merken, dass es auch für sie geschrieben wurde. Würden sie es sonst lesen? Jeder Mensch möchte gesehen werden. Sie wünschen sich, dass man Notiz von ihnen nimmt. Das ist die Mechanik, die die Welt vorantreibt, im Guten wie im Bösen. Wir wollen gesehen werden. Insofern haben wir die Freiheit, uns zu zeigen, damit wir gesehen werden können. Und wenn es die Art Zeigen ist, die du uns in diesem wunderbaren Beitrag vor Augen stellst, ist nichts verloren. Können Empathie und Teilhabe, können Zufriedenheit und Maß, können Geschick und Mut und Freude sich dem entgegen stemmen, was es immer gab: das vermenschlichte Böse.

    PS: Mit Knausgard tue ich mich schwer. Habe „Lieben“ von ihm gelesen. Und bin unter dem Tagebuchcharakter des Buches schier zusammengebrochen. Diese Buchhaltermentalität fand ich ermüdend. Aufzählungen, Wiederkehr. Uninspiriertheiten eines juvenilen Lebens. Der Lebensinhalt dieses jungen Knausgards: Saufen, Saufen, Tagesverrichtungen. Zeitzeugenschaft, desinteressiert irgendwie. Vielleicht ist das die notwendige Haltung des zukünftigen Schriftstellers, der in permanenter Distanz zu sich selbst stehen muss und zu anderen. Mich zornig machend über allem seine vorantreibende, quälende Frage und sein einziges gewichtiges Ziel: Warum kommt er beim Liebe machen zu früh, was muss geschehen, damit er den Akt nach seiner Vorstellung vollziehen kann?
    Manchmal hätte ich diesen Unsympath schlagen wollen, diesen uninspirierten Einfaltspinsel 🙂

    Liebe Grüße hinauf zum Berg

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    • Ich danke dir, lieber Achim, für diesen wunderbaren Kommentar, dass du dir die Zeit genommen hast!
      Du tust mir gut und sprichst das aus, was ich denke und fühle, zu meinem eigenen hin, meinem „Müssen“. All die vielen Tierchen … sage ich da nur!
      Gerade schon schrieb ich an Elvira, dass ich mir gestern überlegt hatte den Artikel in zwei zu splitten, aber dann gehörte eben doch alles zusammen und du hast die Zweigeteiltheit aufgenommen, beziehst zu meinem Stellung und zu Knausgard.
      Bei letzterem musste ich gerade herzlich lachen … vergessen hatte ich, dass es in „Lieben“ auch schon um seine verfrühten Orgasmen ging, dann spare dir den 4. Band „Leben“, denn hier geht es eigentlich um nichts anderes mehr und natürlich um seine Saufgelage. Das andere immer wiederkehrende Thema bei ihm ist der Vater und nach dem 4. Band habe ich nun Ermüdungserscheinungen, so wirklich passieren tut nichts mehr, nichts mehr, was man nach den ersten drei Bänden nicht schon weiß. Etwas bösartig dachte ich sogar nach dem 4. Band, na, da hat er sich doch gut saniert, mit 6 Bänden, die dann noch in über 30 Sprachen übersetzt wurden, hat er wohl ausgesorgt und seine Fans wollen bestimmt auch noch den 5. und 6. Band lesen … ich brauche jetzt auf alles Fälle eine lange Knausgardpause!
      Ist es nicht immer wieder erstaunlich was erfolgreich ist und was nicht?! Mainstream, ich glaube ich bin einer der vielen Nebenflüsse und das ist auch in Ordnung so!
      hab ein feines Wochenende
      herzliche Grüsse
      Ulli

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  2. Pingback: Rückblick – 4 – |

  3. Ich hätte den Beitrag gesplittet, finde nicht, dass die beiden Teile zusammen gehören. Die Themen, die du für dich aufgreifst, auch der Stil sind für dich aktuell geblieben. Ich sehe den Zusammenhang, den Fortgang von damals zu heute. das interessiert mich – Knausgaard aber ist mir, ehrlich gesagt, vollkommen egal. Ich habe nie etwas von ihm gelesen und werde es wohl auch nicht tun. Daher brauche ich ihn in deinem Text nicht, außer vielleicht als Folie, um deine eigenen Fragen – Haupt- und Nebenstrom der Literatur – zu beleuchten. Aber dafür müsste man wohl sehr viel weiter ausholen und tiefer gehen. LG Gerda

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    • Liebe Gerda, jetzt musste ich erst einmal selbst noch einmal das Ganze lesen, um dir überhaupt antworten zu können- stimmt, heute bräuchte ich den Knausgard dort auch nicht mehr, damals eben wohl als Folie, das wird es wohl gewesen sein, auch als Untermalung- jetzt empfinde ich es auch eher als zerfransend.
      Ich danke dir, dass du immer mal wieder stöberst und liest und sogar dann noch kommentierst, es war gerade eben auch für mich eine gute Erinnerung.
      liebe Abendgrüsse an dich
      Ulli

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