Schnörkellos

bis auf die Knochen

Weg mit den Schnörkeln, den feinen Metaphern, den lyrischen Momenten? Gibt es etwas zu ummänteln, zu verbergen, zu beschönigen oder zu vernebeln?

Gnadenlos nannte man mich in jungen Jahren. Das sagten solche, die mir etwas bedeuteten, von denen ich nicht fallen gelassen werden wollte. Die gnadenlose Ehrlichkeit in immer unpassenden Momenten … Gibt es passende Momente für die Ehrlichkeit, für kritische Töne, für zuschlagende Türen? Ich lernte, dass es geschickte Mittel gibt.

Es hat gedauert, bis das gedrückte Kreuz eine gerade Wirbelsäule wurde. Mindestens genauso lang, bis ich fallen liess.

Das Kind wird laut und lauter, wenn es nicht gehört wird. Verstummen ist ein letzter Schritt oder eine Temperamentfrage. Die einen müssen lernen ihrem Zorn einen Raum zu geben, ohne zu verletzen, die anderen sich still in den Arm nehmen zu lassen.

Alles herunterbrechen, bis auf die Knochen gehen, kein Fädchen Seide, keinen Klacks Sahne lassen, keinen Trost, nur ein Ist, ob dunkel oder hell, ob Liebe oder nicht.

Wem nutzen Beschönigungen? Wem Schnörkel? Die Zeit der Putten ist abgelaufen. „Der Karton mit der Aufschrift „Verständnis“ ist leer“, singt Georgette Dee. Wo Moral gebogen wird, wie es gerade gefällt, Gesetzesbücher zu undurchdringlichen Dschungeln und Engel fallen gelassen werden, legt sich ein subtiles Dunkel über Tage und Jahre, klopfen Herzen Angst, werden Stimmen laut, die zuvor totgeschwiegen oder nicht mehr für möglich gehalten wurden.

Wer Kinderrücken bricht, muss sich nicht wundern hinterrücks von den Söhnen gemordet zu werden und von den Töchtern verraten.

Wenn die Kleinen mit den zu grossen Ranzen auf den schmalen Rücken das erste Mal das Schultor durchschreiten, öffnet nicht nur ein Klassenzimmer seine Türe. Die Welt beginnt ihr Spiel: Erster, Grösste, Schlechtester, Stärkste, Schönster- es beginnen die Übungen den Kopf oben zu behalten, die Tränen für sich, den Ball ins Tor zu schiessen oder in der Luft zu halten. Rücken wachsen, Rücken werden gebuckelt. Spätestens jetzt bekommt das Wort Macht einen Geschmack, einen Ton, eine Farbe. Ressourcen wachsen, wo Zweige gebrochen werden. Vertrauen bleibt, solange Pflaster auf Wunden geklebt und dazu Lieder gesungen werden. Das Leben anzunehmen scheint leichter, wenn man eingebettet ist und Liebe atmet.

Der Generationenreigen von Traumatas, Alleingelassenwerden, Missbräuchen, Abwesenheiten, Verfolgungen, Vertriebenwerden, Abwertungen, Verlusten, Lieblosigkeiten, Bestrafungen und Gefangenschaften belässt uns in einer Welt, die von ewig Adoleszenten beherrscht wird. Wohl denen, die ihre Erbschaft aufbrechen oder ablehnen konnten. Seelenhäute für den Kompost. Wir muten der Erde viel zu, dem Himmel auch und all dem Dazwischen.

„ … wir waren wie sie, nur noch verlorener.“

schreibt Knausgård in „Lieben“ in Bezug auf die Menschen, die am Ende des 19., am Anfang des 20. Jahrhunderts lebten, zu heute-

… und sind wir nicht dabei uns immer noch mehr zu verlieren?
… und wo sind wir, wenn wir uns verlieren und wer, wenn wir uns finden?

Es ist immer alles da, die Gifte, sowie deren Antidote. Es geht um eine Haltung. Und es geht ums Tun, schnörkellos!

 

 

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28 Gedanken zu „Schnörkellos

  1. Deine weisen und bei allem Erkennen wunderbar warmen Worte werden mich durch den Tag begleiten, liebe Ulli. Und das Bild auch. Die Platte hat einen Sprung. Was wird zwischen den Steinen gemahlen werden? Ich bin sicher, da kommen noch mehr Assoziationen. 😉

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    • wie ich deine Assoziationen mag! und wenn noch mehr kommen sollten, dann wäre es noch schön sie zu lesen, alle Assoziationen machen mich reich, vielschichtig wie sie sind und erweiternd für das, was ich sehe oder meine! danke dir und hab einen feinen Tag, liebe Grüsse in meine Lieblingsstadt zu dir hin-

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  2. Auf dem Bild sehe ich ein verknöchertes, versteinertes Herz, das dennoch einen elektrischen Impuls erzeugt, also lebt. Das unverhüllte Wesen des Menschen also oder das, was das Leben und die Zeit von uns übrig lässt. Das hast du beeindruckend beschrieben und dargestellt. Ob die klare Haltung und das geradlinige Tun jedoch immer frei entschieden werden können und überhaupt möglich sind – da bin ich mir nicht sicher.

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    • genau, liebe Anhora, darum geht es mir, wie geradlinig können wir wirklich sein, wann wird die klare Haltung unklar und wann entscheiden wir wirklich frei und wann meinen wir das nur- ich fühle mich verstanden, dafür danke ich dir und freue mich
      liebe Grüsse

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    • Steine und Knochen, Holz und Haut, wir und alle anderen, ist nicht alles nur immer wieder ein Übergang mit kleinen Stationen dazwischen von Sein?
      ich danke dir, da kann ich jetzt weiterdenken! ich winke dir zu …

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