Der Schmerz von Marguerite Duras und die Ästethisierung des Grauens

Der Schmerz der Marguerite Duras ist echt, er ist greifbar. So greifbar, dass ich ihn während des Lesens kaum aushalte. Dieses Buch beinhaltet authentisches, neben literarischem, wie sie es selbst vor jedem neuen Kapitel benennt. Die „Geschichten“ sind ihre Geschichten, Erlebtes in der Endzeit der Besatzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland, ihrem Warten auf den Geliebten, der nach Dachau verschleppt wurde, ihre Zeit des Hoffens und Bangens, ob er überlebte oder nicht. Er überlebte knapp. Ein Fremder kehrte heim.

Aber es geht auch um ihre Rolle im Widerstand, sie verschweigt nichts, selbst das nicht, was aus heutiger Sicht so anmutet, dass man sagen möchte, das kann man doch nicht machen. „Man“ … ich. Weil es grausam ist, weil es gewalttätig ist, weil ich dann doch ein weichgespültes Nachkriegskind bin, das sich einst love and peace auf weisse Laken geschrieben hatte. Damals, als ich noch daran glaubte, dass eine Welt ohne Krieg und Grausamkeiten möglich wäre und darüber vergass, dass ich selbst weder friedlich noch aggressionslos war (und bin).

Und während ich am heutigen Nachmittag das Buch las, ging mir wieder einmal das Holocaust-Mahnmal in Berlin durch den Kopf, dachte an die Zeit, als man darüber heiss diskutierte und stritt und sich dann für einen Entwurf eines berühmten amerikanischen Architekten namens Peter Eisenman entschied. 2712 Stehlen in unterschiedlichen Höhen aus Beton gegossen, ohne Armierung im Inneren. 2712 Stehlen, die, wie der Architekt selbst sagt, keinerlei symbolische Bedeutung haben. Wie kann es sein, dass ein Mahnmal solchen Ausmasses noch nicht einmal Symbolcharacter hat? Wie kann es sein, dass das Ganze für 55,2 Millionen Euro errichtet wurde, plus den 40 Mill., die das Grundstück Wert sein soll, und man dann immer noch daran sparte die Stehlen so zu gestalten, dass sie nicht schon nach 2-3 Jahren erste Risse zeigten, die nun von Jahr zu Jahr mehr werden und wiederum Millionen kosten werden, um sie instand zu setzen?

Ein Mahnmal, das ich schon immer argwöhnisch betrachtete. Vielleicht auch deshalb, weil es mir insgesamt viel zu ästethisch erscheint für das, was es symbolisieren soll. Unsere Vergangenheit wird zwar aufgearbeitet, aber eben auch geschönt, geglättet, versiegelt, wie die Oberfläche der Stehlen, damit sie vor Grafittischmierereien geschützt sein sollen. Okay, ich will dort auch keine Hakenkreuze oder ähnliches sehen, aber ich will diese ganze Ästethisierung auch nicht!

Ich erinnere mich an einen Besuch in dem Frauen KZ Ravensbrück, nahe Berlin. Auch hier stolperte ich über einen frisch gekälkten Krematoriumsraum, vermisste die abgerissenen Baracken und fragte mich was man denn eigentlich wollte. Das Grauen zeigen oder schöntünchen, da war Theresienstadt ehrlicher. Auch grausamer. Aber genau das war es doch auch!

Als ich dann im Rest des Innenhofs von Ravensbrück stand, damals lief gerade in Berlin die Diskussion um das Mahnmal heiss, sah ich 7ooo Mooreichen den Innenhof bevölkern, 7000 als Symbol für 6 Mill. getötete Juden, plus einer Million und mehr getöteten Sinti, Roma und Andersdenkenden- ihre Zahl ist bis heute nicht genau erfasst …

Mooreichen, das sind Eichen, die zwischen 600 und 8500 Jahren in Mooren, Sümpfen und Flüssen liegen, deren Gerbsäure sich mit den Eisensalzen des Wassers verbinden und somit das Holz schwärzen und fast zu Stein werden lassen, die lebendig erscheinen, auch wenn sie schon lange tot sind. Mooreichen auch deswegen, weil sie, auch wenn sie geborgen wurden, lange halten und das Vergessen dieses Grauens nicht eintreten darf, auch nicht in 8500 Jahren! Aber wer bin ich schon, dass ich als No-name einen solchen Vorschlag der Jury unterbreitet hätte. Sicherlich, auch Mooreichen wären teuer geworden, so häufig sind sie nun einmal nicht, sicherlich hätte auch ihre Oberfläche versiegelt werden müssen, aber letztlich glaube ich bis heute, dass dies angemessener gewesen wäre, als das, was gemacht wurde …

Und heute kreierte ich mein ganz persönliches Holocaust-Mahnmal, 70 Mooreichen vor einem Foto des Innenhofs vom Frauen-KZ in Ravensbrück … gegen das Vergessen und als Würdigung für den grossen Schmerz und die grosse Angst dieser Zeit und ihrer Folgejahre …

0152 03.09.2014 Holocaust-Mahnmal

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6 Gedanken zu „Der Schmerz von Marguerite Duras und die Ästethisierung des Grauens

  1. Deine Idee gefällt mir sehr gut! Obwohl ich mich gerade in diesen Tagen frage, ob die Aufgabe, die ein Mahn-Mal hat, erfüllbar ist. Mahnen, Erinnern, Nachdenken, Ändern.
    Herzliche Grüße schickt Dir
    Elvira

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    • liebe Elvira, ja, das ist immer wieder die Frage, die ich mir auch schon in anderen Bereichen stellte, wen erreicht man wirklich? Sind es nicht sowieso immer nur die, die ähnlich empfinden und zucken nicht diejenigen, denen man gerne die Augen öffnen möchte, nur mit den Schultern? Da bleibt wohl nichts anderes als Pragmatismus: wenn ich nur Eine/Einen erreiche, dann hat es sich gelohnt …

      liebe Grüsse
      Ulli

      Gefällt 1 Person

  2. Wenn einem das Mahnen förmlich die Kehle zuschnürt, dann hat es sich gelohnt. Mich hast Du erreicht, Ulli, auch wenn ich wahrscheinlich zu denen gehöre, die das Mahnen & Erinnern sowieso in sich tragen. Und genau so geht es mir auch mit dem Berliner Mahnmahl.

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

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    • danke Florian, das bedeutet mir viel … ich habe gestern, als ich den Text noch einmal laut las, am Ende auch ein grosses Zittern in der Stimme gehabt-

      herzliche Grüsse
      Ulli

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    • danke Sherry, das ist genau das, was ich wollte, dass es bedrückend ist … ohne mich und meine Idee jetzt erhöhen zu wollen, ich bin mir darüber, was meinen Text betrifft, unsicher ..

      liebe Grüsse Ulli

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