Geschichten von unterwegs

01 unterwegs

Zunächst ist es der Tanz mit den Kurven, der Kupplung, dem Schaltknüppel und den Bremsen, während der Blick über blühende Löwenzahnwiesen, weisse Kirsch- und Pflaumenbäume gleitet, hin zu den verblühten Fliederbüschen im Tal und den frischen Holunderblüten.

Was … jetzt schon? Ich staune. So, wie ich immer staune, wenn die Ebene in einem Kleid erscheint, das auf dem Berg noch im Schrank hängt. Surreal wirkt die leuchtend rote Klatschmohnwiese unter dem Alupalast, zwischen der Höhe und unten angekommen.

Nach all dem Gleiten und Schalten von oben nach unten hat mich irgendwann der Sog der Strasse wieder. Der Sog, der mich immer mal wieder, am Ziel angekommen, fragen lässt, wer sich nun eigentlich bewegt hat: die Strasse unter den Rädern, einem Fliessband gleich, oder eben doch ich den faradayschen Käfig? Wären da nicht die Pausen und damit mein Blick von aussen auf die Bahn, mit einer eigenen Komponente von Unwirklichkeit, wüsste ich es manchmal nicht mit Gewissheit zu sagen. Fahren auf der Autobahn kommt oft einer Trance gleich, einer mit hellwachen Sinnen, immer das Obachtschild im Kopf, die Strasse und ihr Geschehen im Auge.

Geschichten von damals und vordamals weben sich ins Jetzt hinein. Manchmal genügt ein Kennzeichen und schon halte ich Ausschau nach Menschen aus längst vergangenen Zeiten. Oder es ist eine Ausfahrt zu einem Ort, wo ich einst jemanden kannte oder selbst einmal lebte oder Besuche machte und mache, nur nicht gerade jetzt, oder es ist eine Raststätte, ein Parkplatz wo sich Geschichten über das Jetzt legen. Sie kommen und gehen im Takt der vorwärts rollenden Räder.

Weisst du noch … es erzählt sich von selbst …

… diese drei schweren Jungs von vor ein paar Wochen, ihre Blicke so finster, wie das gesamte Drumherum … drei schwere Jungs und die Helden der Dreispurigkeit im Allgemeinen, ihre Ungeduld, ihr Gedrängel, ihre Lichthupen und ihre bösen Blicke, wenn ich endlich rechts einschere, um sie vorbei rasen zu lassen. Manchmal gerate ich dabei in zu viel gesehene amerikanische Spielfilme, halte kurz den Atem an, spüre fast schon den Aufprall auf der linken Seite, als ob sie mich endgültig von der Bahn schubsen wollten …

Brumm, brumm, brumm der olle Grimm, der fährt herum, wer ihn anschaut oder lacht, kriegt den Buckel voll gemacht …

Ausatmen, weiterfahren, den schweifenden Blick geradeaus, nach hinten und zur Seite. Felder bestückt mit Windrädern, neuerdings auch mit Sonnenkollektoren,neben blühenden Rapsfeldern. Die junge Gerste schaukelt ihre Grannen im Wind … Die nächste Raststätte kommt. Pause. Seltsam leer ist es hier und ich frage mich, ob sie nicht ganz geschlossen wurde. Steige aus, trete ein. Drinnen palavern zwei Italiener an der leeren Lounge. Ich folge dem WC-Schild. Als ich zurückkomme, palavern beide, nun auch von lebhaften Gesten untermalt, mit zwei Polizisten:

„Ein LKW-Fahrer, er sprach nur schlecht Deutsch, hat uns gesagt, dass dort hinten eine Frau liegt. Tot ist sie nicht. Aber wir wissen auch nicht. Sie reagiert nicht.“

Dann bin ich auch schon wieder draussen. Was war das denn? Ich steige ein, fahre weiter und lausche der Fortsetzung des Krimihörbuchs von Hakan Nesser …

Pinkelpausen müssen sein. Das nächste Mal ist es ein Parkplatz. Der Wald ruft. Auf dem Weg kommt Einer, der sich gerade den Hosenstall hochzieht von rechts, ich gehe nach links. Gut so … denn nur kurz dahinter kommt schon der Zweite. Autobahnstrich für Kerle?

Seltsam … Was passiert hier?

Die nächste Geschichte kommt, die von den Wohnwagen, die neben der Strasse in einem Waldstück abgestellt wurden, mit Herzchen verziert und leuchtenden roten Lämpchen am Abend.Von hier geht es zu den verdreckten Dünen vor den Türen Roms, zwischen denen ausgemergelte farbige Frauen auf Campingstühlen sassen, eine wackeliger, als der andere … Vielleicht sollte ich beim nächsten Mal ein anderes Hörbuch wählen,eins, das mich zum lachen bringt, wie vor einigen Wochen der Hundertjährige, der aus dem Fenster sprang, vielleicht finden ja dann die kleinen Krimis innerhalb der Realityshow auf anderen Pausenplätzen statt. Oder ich höre wieder nur Musik, Lieder bei denen ich laut mitsingen kann, Töne finde, die ich sonst zurückhalte, nur nicht in meinem faradayschen Käfig, dem einzigen Käfig, in den ich mich gerne freiwillig begebe. Auf meinen Wegen von Süd nach Nord und zurück liegen die Geschichten und Bilder am Wegesrand, ich muss sie nur pflücken.

(die Idee eine Geschichte von unterwegs zu schreiben ist von Soso, auf ihrem Blog erschienen nun schon unterschiedliche Geschichten und Bilder zum Thema … wer jetzt Lust bekommen hat ebenfalls eine Geschichte von unterwegs zu schreiben ist herzlich eingeladen …)

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7 Gedanken zu „Geschichten von unterwegs

  1. Ich habe heute früh einen großen Artikel im Tagesspiegel über die Zuwanderung von Vögeln aus dem Ländlichen in die Großstädte gelesen. Dass es in vielen Gegenden keine Nachtigallen mehr gäbe (in Berlin singen über 1000), die Goldammer weggezogen wäre und die Feldlerche keine Felder mehr fände. Und hier lese ich von Klatschmohnwiesen und Gerstenfeldern. Vielleicht haben die Vögel dort noch eine Chance? Denn die kleinen Krimis, die sich bei Dir abspielten, dürften die gefiederten Freunde sicher nicht abschrecken. Ich persönlich könnte keine Hörbücher unterwegs hören, sie würden mich sicher zu sehr ablenken. Wenn Du ab und an einen Krimi magst, dann schau mal hier:
    http://gazelleblockt.wordpress.com/2014/05/28/1574/
    Ich war jedenfalls begeistert.
    Herzliche Grüße schickt Dir
    Elvira

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    • liebe Elvira, das Wendland ist in vielerlei Hinsicht noch ein kleines Paradies, besonders aber für die Vögel, dort sangen mich jetzt auch die Nachtigallen in den Schlaf und ich durfte den Pirol an seinem Gesang erkennen lernen, am Morgen begrüsste mich der Kuckuck neben vielen anderen.
      deinen Tipp schaue ich mir gerne an- danke dafür und herzliche Grüsse
      Ulli

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    • vielen Dank, liebe Soso fürs Lob, für die Idee und fürs rebloggen, es hat Spass gemacht- ich geniesse es gerade auch endlich wieder hier, an meinem Schreibtisch zu sitzen und dass einfach alles funktioniert und ich mich nicht ständig mit Fremd-PCs rumärgern muss …
      hab ein feines WE
      bis bald
      Ulli

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  2. „Auf meinen Wegen von Süd nach Nord und zurück liegen die Geschichten und Bilder am Wegesrand, ich muss sie nur pflücken.“

    So ist es, Ulli! Ernten was die Wanderung sähte. Und die Straße erzählt die spannendsten Geschichten. Immer wieder. Und sei es nur der Wind in den Ohren bei heruntergelassenen Fenstern auf der Landstraße im gemütlichen Tenpo! Wunderbar, Du Wanderin!

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

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    • lieber Florian, die geschichten der Landstrassen sind natürlich wieder andere, als die der Autobahnen, schön, dass du mich daran erinnerst …
      es ist schon verrückt, wie sich neuerdings du und auch Irgendlink immer wieder in meine Reisen verweben, ich weiss ja, dass auch du viel auf und ab fährst und Irgendlink mit seinen Bloglivegeschichten vom Radel aus … so entsteht Vernetzung!
      Ich bin sehr glücklich mit meinem derzeitigen Leben,mal im Norden,dann wieder auf dem Berg im Süden, nur Stillstand ist tödlich 😉

      sei von Herzen gegrüsst
      Ulli

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  3. Pingback: Dreispurigkeit | Sofasophien, Fallmaschen & Herzgespinste

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