István Kemény – der Fernseher

011 10.01.14 Tanzbär

 

Der Fernseher 

Ich teilte meine Jugend mit dem Fernseher.

Wir rauften, man fütterte uns gemeinsam,

mich mit Milch und Brot, ihn mit Strom

und Aufmerksamkeit. Ich wurde ein Erwachsener,

er ein Tier, ein wildes Tier. Er verlernte das Sprechen,

ich lernte es. Bei unserem Abschied

konnten wir uns nicht mehr verstehen. Ich dachte, er habe

auch mich vergessen. Vor einigen Jahren

sah ich ihn wieder, in Rumänien.

Da war er schon farbig, aber

man hatte ihm einen Ring durch die Nase gezogen

und ließ ihn tanzen, auf dem Platz.

Als er mich sah, riss er sich von der Kette.

Rannte zu mir hin, leckte mein Gesicht.

Alle dachten, er wolle mich fressen, dabei wollte er nur,

dass ich ihn nach Hause bringe.

Aber damals rannte ich zum Zug und überließ

den Fernseher den anderen.

(von István Kemény aus seinem Gedichteband „nützliche Ruinen“, aufmerksam machte mich im letzten Jahr Mützenfalterin auf diesen grandiosen Lyriker, sie schrieb auch noch einen zweiten Artikel: István Kemény)

Auch ich überlasse in der Regel den Fernseher den anderen, István Kemény sagt es: er wurde an die Kette gelegt, er verlernte die Sprache, er tanzt, an die Kette gelegt, zu der Musik der Meinungen, die wir teilen sollen …

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8 Gedanken zu „István Kemény – der Fernseher

  1. Es stimmt natürlich, dass Monika Rinck einen erheblichen Beitrag zur Übersetzung von Keménys Gedichten geleistet hat, allerdings hat sie dieses kongeniale Wunder nicht allein vollbracht, ebenfalls beteiligt waren Orsalya Kalaz, Gerhard Falkner und Steffen Popp.

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