Engel des Wassers und des Eisens

0210 01.12.13 wasser-, eisenengeltanz

Ein Bild, das nach dem Lesen des Krimis von Linus Reichlin: „die Sehnsucht der Atome“ entstand. Der Kommissar, Hannes Jensen, interessiert sich für Physik, besonders die Quantenphysik. Sein Weg führt ihn nach Mexiko in ein abgelegenes Bergdorf, wo er auf Esperanza Toscano Aguilar trifft, eine Heilerin. Ihr Medium ist ein Engel, mit ihm verbindet sie sich und betet für die Kranken, die sie meist erfolgreich heilt. Für den naturwissenschaftlich orientierten Kommissar ist das alles Humbug, weder glaubt er an Engel, noch an Heilung durch Gebete … Das folgende Gespräch hat mich zu diesem Bild inspiriert … hört selbst was Esperanza Toscano Aguilar und Jensen zu erzählen haben:

„Als ich sechs Jahre alt war, erfasste mich ein Windstoß. Für eine kurze Zeit sah ich mich selbst von außen. Und als es vorbei war, wusste ich alles. Ich wusste weshalb es Menschen gibt, Pflanzen, Tiere, alles. Es kommt alles von zwei Engeln. Sie sind die zwei Kräfte im Universum.

Der eine Engel besteht aus Wasser und der andere aus Eisen. Sie ringen miteinander, aber es ist kein Kampf. Sie ringen miteinander, weil sie lebende Dinge hervorbringen wollen. Aber das geht nur, wenn beide Engel gleich stark sind. Der Engel aus Wasser will Unordnung, immer mehr Unordnung. Der Engel aus Eisen will Ordnung, er will, dass sich nichts mehr bewegt. Keiner der beiden darf stärker sein als der andere, denn alle lebenden Dinge entspringen der Mitte. Sie können weder in der Ordnung noch in der Unordnung leben, sondern nur in der Mitte von beiden. Das ist alles, was ich weiß.“

Jensen verstand nicht, weshalb sie ihm das erzählte, aber das spielte keine Rolle. Sie hatte soeben eine der fundamentalsten Erkenntnisse der Physik formuliert. Aus ihrem Mund klang es zwar wie ein Märchen, aber das änderte nichts daran, dass sie grundsätzlich vollkommen richtig das Gleichgewicht zwischen der starken Kernkraft und der Entropie beschrieben hatte.

„Sie wissen viel“, sagte er. „Und Sie haben vollkommen recht. Der Engel aus Wasser, wie Sie es genannt haben, wird in der Physik als Entropie bezeichnet. Wie Sie sehr richtig sagen, strebt die Entropie größtmögliche Unordnung an. Sie möchte, dass sich alle Atome des Weltraums gleichmäßig im ganzen Universum verteilen. Aber dann könnten sich keine Strukturen bilden, keine Sonnen, keine Planeten, keine Menschen. Wenn die Entropie gewinnen würde, wäre das Universum voll mit Wasserstoffatomen … Die andere Kraft, die der Entropie, die dem Engel des Wassers entgegenwirkt, nennt man starke Kernkraft. Sie haben diese Kraft Engel aus Eisen genannt, und das ist vollkommen exakt. Die starke Kernkraft will genau das Gegenteil der Entropie: Sie will, dass aus dem einfachsten Atom, dem Wasserstoff, schwerere und komplexere Atome entstehen, und sie will, dass die Atome sich nicht im Universum verteilen, sondern an einem bestimmten Ort versammeln. Sie strebt die größtmögliche Ordnung an. Sie möchte alles in Eisen verwandeln, denn Eisen ist das stabilste und folglich geordnetste aller Atome. Wenn die starke Kernkraft gewinnen würde, wäre also dieses Haus aus Eisen, die Fensterscheiben, die Türen, Tische, Stühle, alles wäre ein einziger Eisenblock, starr und unzugänglich.“ …

… „Und nun ist es tatsächlich so, dass die Elemente, aus denen sich alle organischen, lebendigen Dinge zusammensetzen, nämlich Kohlenstoff, Sauerstoff, Schwefel und Phosphor, genau aus der Mitte entspringen, wie Sie sehr richtig sagen. Die starke Kernkraft will alles in Eisen, starre Ordnung verwandeln, die Entropie möchte strukturlose Unordnung, das Chaos. Sie und ich, wir bestehen zur Hauptsache aus Kohlenstoffverbindungen. Und Kohlenstoff ist genau das, was entsteht, wenn die Entropie und die starke Kernkraft sich im Gleichgewicht befinden und keine der beiden Kräfte die Oberhand gewinnt. Das Leben ist also ein Kompromiss zwischen chaotischer Unordnung und erstickender Ordnung.“

Vielleicht ist dies ja mit ein Grund für das Gefühl der Menschen, dass zwei Seelen in ihrer Brust leben, dass wir zwischen Ordnung und Chaos hin- und herpendeln, dass super ordentlichen Menschen eine gewisse Starre anhaftet und Menschen, die eher chaotisch veranlagt sind eine Aura des Nichtfassbaren um sich herum haben … (und nun soll mal noch jemand sagen, dass Krimi lesen nicht bildet 😉 )

Ich dachte beim lesen dieser Passage aber auch an das double-bind-Projekt von Susanne Haun und Jürgen Küster, in dem es u.a. auch um Engel geht, dachte an die Abwehr von Jürgen (und mir), was Engel betrifft … Meine Abwehr hat mit den pausbäckigen Putten zu tun. Sie hat sich aber, seitdem ich Engel als Symbole für gewisse Kräfte begreife,  gewandelt. Und ja, ich habe sogar einen persönlichen Engel, aber der hat keine Flügel … und ich habe einen Punkerengel im Auto hängen, den mir vor ein paar Jahren eine Freundin aus Hamburg schenkte.

184ab 13.05.12 engelflug

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17 Gedanken zu „Engel des Wassers und des Eisens

  1. ich werde das buch auch mal wieder lesen. ich mag bei reichlin/jensen genau diesen mix: nicht nur krimi (morde klären), sondern eben auch literarische phasen, philosophische momente.
    das leben als dauernder balanceakt.
    immer dieses „ringen“ …
    herzlich, soso

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    • in der Schule liebte ich Physik, das lag dran, dass ich nicht nur mit Formeln zu tun hatte, wie in der Chemie oder in Mathe, durch die Versuche wurde die Formel begreifbar, sichtbar, nachvollziehbar- heute interessieren mich die Theorien der Quantenphysik … Reichlin versteht es wunderbar in einfachen Worten das Ganze für mich verständlich zu machen – gerade lese ich sein zweites Buch … im Buch mag ich den Mix, den du ansprichst, Jensen selbst und O`Hara … fühle mich bereichert! danke dir Soso, in zweifacher Form 😉
      herzliche Grüße
      Ulli

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  2. Schöne Geschichte mt tollen Aufnahmen, liebe Ulli. Ich mag das zweite Bild sehr. Siri und Selma haben beim Ersten sofort mit ihren Flügelchen geklatscht, eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen. 🙂
    Liebe Grüße von uns drei in Bonn,
    Hanne

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  3. joseph beuys versucht mit seinen fettplastiken genau diese zustände zwischen fest und weich aufzuzeigen. er überträgt es sogar auf ein gesellschaftsmodell, welches immer wieder „aufgeweicht“ werden muss, um eine neue form zu finden und sich anzupassen. das mittel dazu nennt er die „soziale wärme“, die emotion im kontrast zum festen, dem denken.
    es ist spannend, wie sich diesen beiden elementaren zuständen auf verschiedene weise genähert wird, butter bei beuys, engel in diesem buch.
    ich werde es lesen.
    danke für den tipp ulli und alles gute,
    eva

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    • ich lese immer wieder gerne Krimis, da hat sich in den letzten Jahren doch sehr viel egtan, manche rangieren durchaus bei mir unter Literatur …

      herzliche Grüße
      Ulli

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  4. Liebe Ulli!
    Vielen Dank für diesen Beitrag und die Erwähnung unseres „double bind“ Projektes.
    Reichlins Buch werde ich mir natürlich besorgen und lesen.
    „Evad008“ hat das Stichwort „Beuys“, seine energetische Sichtweise und die „soziale Plastik“ in ihrem Kommentar mit eingebracht. Dessen Postionen basieren auf der anthroposophischen Lehre von Steiner. Und schon bewegen wir uns im esoterischen Bereich und der Schnittstelle zwischen Kunst und Esoterik- mit allem pro und contra.Hier bin ich mehr als skeptisch.
    Was mich aber momentan mehr interessiert ist die Frage, warum Teile von uns Menschen, obwohl wir um den esoterischen Gehalt der Symbolik der Engel wissen, dennoch diese Symbolik in unserem Alltag verwenden und bei allen Zweifeln ihrer Wirkung dennoch auf die Wirkung der Kräfte durch symbolische Gesten hoffen. Warum vertrauen wir nicht unseren eigenen Kräften oder denen der Gemeinschaft? Warum sind wir „double bind“?
    Alles Gute,
    LG Juergen

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    • Lieber Jürgen,

      zunächst einmal muss ich gestehen, dass ich meine Mühen mit dem Begriff Esoterik habe, aber genau so mit dem, was mittlerweile alles darunter fällt- ist den die Anthroposophie Esoterik? okay, manches mutet so an …
      zugegeben, ich bin kein großer Fan von Waldorfs, da erscheint mir doch vieles ziemlich „versteinert“, aber ich bin ein Fan davon den Menschen an sich zu untersuchen, was sind seine Bedürfnisse und wie kann man Kreativität fördern, was ist Kreativität überhaupt? Selbiges versuchte Steiner und versucht die Anthroposophie immer noch … Anaïs Nin schrieb in einem ihrer Tagebücher, dass für sie Kreativität schon dort beginnt, wie jemand ihre/seine Wohnung gestaltet …
      ähnlich stehe ich Beuys Werk gegenüber, manches hat mich nachhaltig bewegt, mit anderem kann ich nix anfangen, aber seine Idee durch kreatives Handeln, mit Phantasie in gesellschaftliche Ordnungen einzugreifen oder sie zu verändern ist etwas, was mich anspricht … soll heißen, Kunst kann, darf politische und (zwischen-)menschliche Missstände sichtbar machen, bzw. sich einmischen –

      nun aber mal zum Wesentlichen deiner Frage, die ich nur fragmentarisch beantworten kann, da ich ja auch nur forsche, erfahre, lese, lerne und versuche für mich zu übersetzen … ich begreife mich als Teil einer Gemeinschaft, die mehr, als nur eine menschliche Gemeinschaft ist: „alles ist mit allem verbunden“, ist hier für mich die Überschrift und genau hier beginnt für mich „double bind“

      ich glaube wir sollten auch mindestens mal „einen“ Kaffee zusammen trinken … ich merke nämlich gerade, dass deine Frage bei mir eine Lawine lostritt, die ich gerade gar nicht schaffe befriedigend darzustellen …

      aber noch einmal zurück zur Gemeinschaft, ist nicht gerade dies etwas, was wir schmerzlich vermissen und suchen wir nicht alle genau diese Punkte: „Berührungspunkte“ und haben uns nicht schon so manche Gemeinschaften enttäuscht, weil bei näherer Betrachtung gar keine vorhanden war? Vertrauen und Zuversicht zu entwickeln, in sich selbst und in andere erscheint mir eine lebenslange Aufgabe …

      ich danke dir für deine Fragen, in mir bilden sich gerade Linien und Punkte, Farben gesellen sich hinzu … sehr spannend!

      herzliche Abendgrüße
      Ulli

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      • Ich wollte mit meinem Hinweis auf unsere eigenen Kräfte oder der Hilfe durch soziale Verbünde keine Turbulenzen bei Dir auslösen. Wenn dem so ist, wäre ich untröstlich.
        Ich vertraue auf meine inneren Kräfte und wenn ich nicht in der Lage bin auf sie zurückzugreifen, dann hoffe ich auf die Kräfte meiner Familie, Freunde und Freundinnen. Es hat bisher immer funktioniert.
        Und dennoch zünde ich z.B. dann schon mal eine Kerze an, mit Absicht, obwohl die Ratio mir sagt, dass es ein symbolischer Akt ohne Einfluss auf meine Absichten ist. Double bind eben. Aber wieso?
        Alles Gute,
        LG Juergen

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      • guten Morgen, lieber Jürgen,

        nein, nein, es ist alles in Ordnung, ich habe nur manchmal meine Mühen alle diese Themen möglichst adäquat zu beantworten, denn es waren für mich viele Themen in deinem Kommentar und in deinen Fragen verwoben. Ich finde es eher inspirierend. Eine Herausforderung meine Haltungen und Assoziationen zu bündeln, um sie möglichst kurz darzustellen. Ich müsste eher danke sagen 😉

        Kerzen, Gebete, Mantren, sind für mich zum einen Trost für mich selbst und ein Akt des Trostes für den/die andere, für die ich sie anzünde oder eben bete. Gleichzeitig können sie Ruhe in einen aufgewühlten Geisteszustand bringen, mich wieder zentrieren, sie machen außerdem meine Absicht in Verbindung zu treten, zu bleiben sichtbar.
        Symbole sprechen unser Unbewusstes an, reichen an Felder, die nicht leicht in Worte zu fassen sind und stellen eine Art Verbindungsnetz zwischen Seelenlandschaften, Empfindungen und Bewusstsein her. Ich arbeite, wenn ich Menschen begleite, gerne mit Symbolen, da sie etwas ans Licht bringen können, was bis dahin eher verschwommen bis unbewusst ist.
        Ratio ist eins, ist Verstand, aber es gibt eben auch die Emotionen und das Erspüren von etwas, dass sich erst einmal noch der Ratio entzieht, durch die Symbole kann eine Annäherung stattfinden, oderrr?

        herzlichst Ulli

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