das Loch, zweiter Teil

0188 19.11.13 für BlinkyBlanky

für Blinkyblanky weil sie in ihrem Kommentar zu „das Loch“ schrieb: „Wie gut würde eine weiße Eule dort aussehen!“ herzlichen Dank für diese Inspiration!

und für Magister Somnus, weil er Eulen liebt und mir diesen wunderbaren Kommentar zu „das Loch“ schickte (nochmals herzlichen Dank dafür):

Kurt Tucholsky – Zur soziologischen Psychologie der Löcher, 1931

Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist. Das Loch ist der ewige Kompagnon des Nicht – Lochs.
Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut.
Wäre überall etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt.
Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht – es ist beider letzter Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden.
Loch ist immer gut.

Wenn der Mensch “Loch” hört, bekommt er Assoziationen. Manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an…..Goebbels.
Das Loch ist der Grundpfeiler unserer Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finsteren, stecken immer eines zurück und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es gelassen hat. Sie werden hineingesteckt, und zum Schluss überblicken sie die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstrasse ist Geburt Fluch: Warum sind diese Kinder auch gerade aus diesem gekommen?
Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.

Das merkwürdigste an einem Loch ist der Rand.
Er gehört noch zum etwas, sieht aber beständig in das Nichts.
Das Loch ist eine Grenzwache der Materie! Das Nichts, aus dem das Loch besteht, hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rand eines Loches schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Loches…festlig? Dafür gibt es kein Wort.
Unsere Sprache ist von den Etwas – Leuten gemacht, die Loch – Leute sprechen ihre eigene. Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht.
Löcher die sich vermählen, werden ein eines – einer der sonderbarsten Vorgänge, die sich nicht denken lassen. Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern . gehört dann der linke Rand zum Rechten Loch – oder der rechte zum Linken -oder jeder zu sich oder beide zu beiden?
Na, meine Sorgen möchte ich haben!

Wenn ein Loch zugestopft wird: Wo bleibt es dann?
Drückt es sich seitwärts in die Materie? Oder läuft es zu einem anderen Loch und klagt ihm sein Leid? Wo bleibt das zugestopfte Loch?
Niemand weiss das – unser Wissen hat hier eines.

Wo ein Ding ist kann kein anderes sein. Wo schon ein Loch ist – kann da noch ein anderes sein? Und warum gibt es keine halben Löcher?
Manche Gegenstände werden durch ein einziges Löchlein entwertet; weil an einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun das ganze übrige nichts mehr. Beispiele:
Ein Fahrschein, ein Luftballon, eine Jungfrau.
Das Ding an sich muss erst gesucht werden, das Loch ist schon an sich. Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem anderen bei uns, der allein wäre wahrhaft weise.
Doch soll dieses noch keinem gelungen sein.
Grössenwahnsinnige behaupten, das Loch sei etwas negatives.
Das ist nicht richtig: Der Mensch ist ein Nicht – Loch, und das Loch ist das Primäre. Lochen sie nicht!
Das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradiese, das es hienieden gibt.
Wenn sie tot sind, werden sie erst merken , was Leben ist!

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13 Gedanken zu „das Loch, zweiter Teil

  1. Eine SCHÖNe SCHNEEeule sitzt vor dem LOCH……….wie ich finde und diese weise……erzählt uns die GESCHICHTE unserer UR–ahnen/innen……wünsche dir einen schönen Donner-s-TAG…HERZlichst ANDREA:))

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    • danke dir, Andrea, ich mag Eulen auch sehr. Hier oben (ich lebe auf einem Berg bzw. in einem Hochtal im Südschwarzwald) leben Uhus, ich hatte einmal die Ehre einem von ihnen in der Nacht auf einer kleinen Waldstraße zu begegnen, majestätisch saß er auf einem der Schneestecken. Als ich anhielt und das Fernlicht löschte, breitete er seine Schwingen aus und glitt lautlos in die Nacht, da habe ich mich beschenkt gefühlt …

      liebe Grüße
      Ulli

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  2. oooh, was für ein genialer loch-text! daaanke!

    ich mag löcher. und „fehler“. etwas, das aus dem rahmen fällt. und ja, ich mag auch eulen sehr, diese boten aus einer art andern „dimension“

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    • liebe Soso, ich habe mich gestern auch sehr über Georgs Input gefreut und es war mir spontan ein Bedürfnis diesen genialen Text aus der Kommentarkiste ans Licht zu holen. Freue mich, dass er nicht nur mir gefällt 🙂
      und JA … die Eulen … 😉

      liebe Grüße
      Ulli

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  3. Die Frage was ein Loch ist, ist noch relativ einfach zu beantworten, sagte einer meiner Söhne im Kindergartenalter einmal: „Ein Loch ist ein Nichts mit was drum.“ Interessant ist auch immer wieder die Frage: Wo kommen sie her und was wollen sie hier?

    Der Tucholsky Text ist wunderbar, ich habe herrlich gelocht. 🙂

    Dein Beitrag erinnert mich daran, dass ich auch noch ein Loch zu posten habe, allerdings habe ich nach dieser Vorlage Schwierigkeiten mit dem Text dazu. *g*

    Liebe Grüße, Szintilla

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    • herrlich, liebe Szintilla, wie weise doch die Kinder immer wieder sind 🙂 danke für diesen Satz …

      und nu vergisst du am besten alles, was du hier gelesen hast und dann postest du „dein“ Loch, bin gespannt …
      in Vorfreude grüße ich dich herzlich
      Ulli

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  4. Der Tucholsky ist klasse, bei Loch denke ich auch an unser riesengroßes Universum, was sich immer noch weiter und weiter ausdehnt, mit seinen schwarzen Löchern und weiteren geheimnisvollen Phänomenen – unendliches scharzes All – voller Licht …..
    Lieben Gruß ins Wochenende
    Seeds

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  5. Liebe Ulli, schön das du meine Eulenliebe nicht vergessen hast, mit dem feinen Gefühl beginne ich die Woche. Herrrrlich ….
    Ganz liebe Grüße sendet dir Georg
    Ach ja, das Foto ist ja wieder einmal Klasse, weltallmäßig spitze. Dank dir

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