die Welt ist Klang

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Nada Brahma = die Welt ist Klang, so lautete die legendäre Sendung von Joachim Ernst Berendt, aus den 1980iger Jahren, als er sich auf die Spurensuche von der Welt als Klang machte. Er sagte nicht, es klingt die Welt oder die Welt, wie sie klingt und singt, nein, er sagte die Welt ist Klang und fand weltweit zahlreiche Beispiele für diese Behauptung. So entstand eine der erfolgreichsten Radiosendungen überhaupt.

Vorgestern war ich zu einem Konzert unter selbiger Überschrift in der hiesigen Waldorfschule eingeladen. Den Musiklehrer lernte ich letzten Samstag kennen, als ich ein Walpurgisritual anleitete, er war einer der Teilnehmer. So fuhr ich also heute am frühen Abend zum Goldenhof. Ein legendärer Ort hier im Südschwarzwald, und eigentlich bei mir um die Ecke. Aber bislang kannte ich diesen Ort nur aus der Literatur und vom erzählen.
Auf einer Landzunge umgeben von weiten Wiesen und Wäldern in der Tiefe, ist diese Waldorfschule ein Ort, wohin ich, hätte ich noch schulpflichtige Kinder, diese wohl sofort schicken würde. Und zu diesem Lehrer sowieso. Ich will nicht verheimlichen, dass ich keine 100%ige Waldorfbefürworterin bin, dazu habe ich zu viele Versteinerungen in den Köpfen von ErzieherInnen und LehrerInnen angetroffen, als ich für meine Kinder vor der Wahl gestanden und mich dagegen entschieden habe. Trotzdem weiß ich auch vieles wertzuschätzen und würde heute vielleicht anders entscheiden.

Nun aber zurück zum heutigen Konzert. Die Schüler und Schülerinnen der 3., 4. und 5. Klasse haben sich in den letzten Wochen mit den Klängen beschäftigt. Dies hieß auch Klingendes daheim zu sammeln, ob nun im Garten oder im Haus oder im Wald, sodass heute Abend ein Klangteppich von diversen Klanginstrumenten gemeinsam mit Tannenzapfen, Eisenteilen, mit irgendwas gefüllten Einweckgläsern und vielem mehr entstand.
Das Publikum saß mit dem Gesicht zur Wand, die Schülerinnen und Schüler umrahmten uns in unserem Rücken und an den Seiten.

Ihr Lehrer hatte uns zuvor eingeladen, in Stille zu sitzen, die Augen zu schließen und sich dem Klang selbst zu öffnen.

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Zuvor erzählte er eine Geschichte.
Als er eine Zeit erlebte, in der Hast und Eile überhand nahmen, er keinen Ruhepunkt mehr für sich fand, klagte er sein Leid seinem Musikprofessor. Dieser riet ihm während des Tages ein paar wenige Minuten hinzusitzen und der Welt zu lauschen. Dies tat er. Zunächst kommentierte er sofort, was er hörte: eine Amsel, ein Auto, ein Motorrad u.s.w., aber sein Prof hatte ihm auch geraten möglichst dabei nicht zu denken. Nach einigem Training gelang es und seitdem ist diese kurze Meditation in seinen Alltag gewandert, aus der er immer wieder erholt und gestärkt seinen Aufgaben folgen kann.

Wir leben in einer Welt, in der das Hören hinter der visuellen Welt zurücktritt, vielleicht aber ist es genau das Hören, was uns auf einer tieferen Ebene mit der Welt in Verbindung bringt.
Man hat herausgefunden, dass Embryos im Mutterbauch schon in den letzten 4 Monaten hören können. Und vielleicht kommt daher die Annahme, dass zuerst der Klang war. Eine Theorie, die ich selbst schon länger untersuche.

Interessanter Weise sind es bei mir auch die Töne, die Klänge der Welt, die ich als erstes wahrnehme, wenn ich während des Tages innehalte und mich frage: was ist gerade jetzt? Sofort treten die Bilder hinter dem Gehörten zurück, gefolgt vom spüren und der Welt ohne Worte. Genauso erlebte ich auch das Konzert. Ich hörte, zuerst kommentierte ich, dann spürte ich die Töne im ganzen Körper, am Ende war ich einfach auf einer Reise. Überließ mich den Klängen, den inneren Welten.

Als ich später noch durch den Garten des Goldenhofs stromerte und fotografierte summte ich vor mich hin, war gelassen heiter.
Machen wir es doch, wie dieser Musiklehrer, wenn uns die Alletage mal wieder auffressen wollen. Halten wir ein paar wenige Minute inne und lauschen der Welt und ihrem Klang.

380ab 15.12.11 trommelfeuer

(Die Radiosendung von Joachim E. Berendt gibt es übrigens bis heute zu kaufen. Ich kann sie nur empfehlen, die Gesamtdauer ist 13 Stunden, wenn ich mich recht erinnere, sodass man sie nur häppchenweise genießen kann und dann immer mal wieder …)

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21 Gedanken zu „die Welt ist Klang

  1. alles tönt. alles hat ein eigenes inneres lied.
    ja … schön, wenn wir es hören. die ohren können wir nicht wirklich verschliessen, wie wir die augen schliessen können.
    darum ist es gut, zu „filtern“, was wir alles hören könnten und können.
    gute nacht, herzlichst, soso

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  2. Liebe Ulli, das war sicher ein sehr eindringliches Erlebnis. Auf der documenta.13 gab es in der Karlsaue von Janet Cardiff und George Bures Miller eine Klanginstallation, die mich sehr beeindruckt hat. Hier kannst du einen kleinen Film darüber sehen cardiffmiller.com/artworks/inst/forest.html
    Einen schönen Sonntag wünscht dir Susanne

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    • liebe Susanne,
      das werde ich mir mal in Ruhe anhören, vielen Dank für den Link
      einen schönen Sonntag wünsche ich dir, hier scheint die Sonne und ich werde gleich mal in den Töpfen rühren
      herzlichst Ulli

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      • Jetzt zurück, könnten wir Dir von allerlei schönen Klängen und Geräuschen erzählen.
        Aber ehrlich: der dominanteste „Klang“ war dann doch der von unser Hündin, die, eigentlich sehr scheu und devot, mal schnell (mehr oder weniger unangekündigt) drauflos bellte und bläffte, als dieses große Pferd vor ihr stand … herrjeh!
        Dauernd kann einem was dazwischen kommen,

        herzliche Grüße, dm, mb und Socke.

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  3. Mir geht es mit der Waldorfschule ähnlich wie Dir. Da muss man vermutlich auch filtern, das Gute genießen. Schön, dass Deine Ohren Dich freuen konnten.

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  4. „Versteinerungen“- in diesem Falle ein doppeldeutig treffendes Wort- habe meine Examensarbeit über diese Schulform geschrieben und bei den Recherchen so manches sehr Merkwürdiges erlebt…manche schienen kurz vor der „Geschlossenen“ zu schweben….Doch heutzutage hat sich vieles zum Guten verändert…

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    • wie ich jetzt erfahren habe, gehört der Goldenhof leider zu den versteinerten Einrichtungen, die progressiven LehrerInnen haben echt zu rudern … herrjeh, immer diese DogmatikerInnen an denen mensch sich abarbeiten muss … aber gut, es positioniert und hilft dem Selbstwert, nicht wahr?!

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  5. Sich Zeit nehmen und der Welt zu lauschen, das ist eine schöne Meditation, die ich häufig mit Kindern übe.

    Es täglich zu tun ist wohl die Königsklasse, das schaffe ich noch nicht. 🙂

    Liebe Grüße und einen guten Start in die Woche, Szintilla

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  6. Das war sicher eine schöne Klang-Erfahrung, Ulli, danke fürs Teilen. „Versteinerungen“ in Bezug auf Waldorfpädagogik ist gut und treffend, in jeder Hinsicht, lach! Ich finde manche Dinge dort auch nicht gut, aber am normalen Schulbetrieb gibt es ja auch sehr viel auszusetzen und wenn ich schulpflichtige Kinder hätte, würde ich auch gut überlegen, wohin ich sie schicken würde.

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    • mein Favorit war ja damals eine Montesourischule, aber die war leider viiiiel zu weit weg und dann habe ich mich für eine Regelschule entschieden … mit allen Höhen und Tiefen – letztlich kommts auf die LehrerInnen an, auch in der Waldorfschule
      liebe Grüße
      Ulli

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  7. Das erinnert mich an unsere Buchladenzeit in Kölle. Ich hatte sein Buch zusammen Cassetten, damals gab es noch Cassetten, öfter in der Hand und habe es auch gerne verkauft. Ich wünsche dir eine gute Zeit! 🙂

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