Eine Frau erlebt die Polarnacht

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Ein Mann fährt auf eine Expedition nach Spitzbergen und bleibt.

Seine Frau, Christiane Ritter, reist 1934 auf einem Dampfer ihm nach, lässt die gemeinsame Tochter in Wien bei den Eltern und wird ein Jahr mit ihrem Mann das Leben auf Svalbard (= kalte Küste), wie Spitzbergen auf norwegisch heißt, teilen, erfahren und erspüren.

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Ihre Erlebnisse und Empfindungen hat sie in dem Buch, eine Frau erlebt die Polarnacht, festgehalten, das 1938 zum ersten Mal erschien. Es ist eine eindrückliche Geschichte. Untermalt von wunderbaren Federzeichnungen und Aquarellen ist das Buch ein neues Kleinod in meinem Bücherregal. Auch werde ich es bestimmt noch einmal lesen und dann … noch einmal!

DSC05153Als Leserin durfte ich mit ihr den ersten Schock erleben. Der Schock von Nebelland, Kälte im Hochsommer und schlichter Wohnbehausung, die sich mit nichts aus der sogenannten zivilisierten Welt vergleichen lässt. An vieles muss sie sich gewöhnen. So zum Beispiel ans jagen und töten, um an überlebenswichtige Vitamine zu kommen, ans Alleinsein, wenn ihr Mann und sein Jagdgefährte unterwegs sind, an Wildnis und Stille.

Ich fand eine Bestätigung, dass Stürme und Winde unterschiedlich klingen, dass sowohl taghelle Nächte, wie nachtdunkle Tage den Menschen verändern, dass die Polarlichter mehr als faszinierend sind, dass Stille den Menschen zu einer Einsicht führt, die im Getöse der Welt nur schwer zu erlangen ist. Aber lasse ich Frau Ritter selbst sprechen:

–                    Bei kaltem Seehund und Kondensmilch aus der Büchse genieße ich die helle Nacht. Seltsam sind die hellen Nächte. Es liegt über ihnen eine eigenartige Weihe. Es ist, als schlügen die Wellen leiser, als flögen die Vögel langsamer – die Nacht ist wie der Traum des Tages.

–                    Einmal begegnen wir einer Fliege, die unterhalb der schwarzen Berge über einem kleinen Polster von Moos niedrig herumsummt, anscheinend ängstlich bemüht, nicht verlorenzugehen in Wind und Weite.

–                    Zum erstenmal erkannte ich, dass die Dinge in der Einsamkeit einer überstarken Natur einen anderen Sinn haben, als wir ihnen in unserer Welt voller beständiger Wechselwirkung von Mensch zu Mensch gegeben haben. Ich ahnte, dass einem Menschen die Behauptung seines gewohnten Menschentums in der Arktis in manchen Fällen schwerer werden mag als die Erhaltung seines Lebens im Kampf mit den Elementen.

–                    Um diese Landschaft zu malen, müsste man die Andacht der alten Meister haben. Vielleicht kommt diese Andacht wieder unter die Menschen. Dann werden auch die Maler anders malen. Dann wird auch der Himmel wieder hell und durchsichtig sein, und alle Erde und alles Erdgeborene bekommt wieder seine silhouettenhaften Werte, und nur das, was Seele und Leben hat, wird das innere Leuchten tragen.

–                    Wie verschieden sind die Erlebnisse in der Arktis. Man kann morden und fressen, man kann rechnen und messen, man kann verrückt werden in Einsamkeit und Grauen, man kann aber sicher auch verrückt werden vor Begeisterung über allzu viel Schönheit. Sicherlich wird man aber niemals in der Arktis etwas anderes erleben als das, was man selbst in sie hineingetragen hat.

–                    Auch für einen malerisch empfindenden Menschen wird alles bisher gewohnte Landschaftserleben über den Haufen geworfen. Empfindet man die Seele der Landschaft, dann ist das Licht fremd und überdimensioniert. Versenkt man sich aber betrachtend in das Licht, dann ist der Himmel das leuchtend lebendige Bild, und die Erde ist tot und ohne Ausdruck.

–                    Nein, die Arktis gibt ihr Geheimnis nicht her für den Preis einer Schiffskarte. Man muss hindurchgegangen sein durch die lange Nacht, durch die Stürme und die Zertrümmerung der Selbstherrlichkeit.

Aus dem Nachwort:

–                    Seit dem Erscheinen meines Buches (1938) werde ich immer wieder gefragt, und dies meist von Frauen: „Wie konnten Sie die Polarnacht durchstehen?“

Diese Frage ist berechtigt, aber nicht leicht zu beantworten. Ich habe nämlich die Polarnacht fast nicht durchgestanden, nicht mit dem kleinen, begrenzten Menschenverstand. Es gibt da Überraschungen in der Weltferne und der langen Dunkelheit, denen man in solcher tiefgründigen Eindeutigkeit sonst kaum begegnet. Unter anderem – wer weiß es, dass der Mensch in der totalen Einsamkeit, wo die Anregungen und der Widerhall durch den Mitmenschen fehlt, schließlich an das Ende des eigenen Ichs gerät? Wo beginnt der Mensch, wo hört er auf? Wo ist das Leben? Keine Antwort, nichts. Mit Entsetzen ohnegleichen schaut er in seine eigene abgrundtiefe Leere. Vielleicht muss sie fühlbar werden, diese letzte Verlassenheit, damit der Mensch zu Kreuze kriecht, um dann das Eigentliche zu erleben.

In diesem letzten Satz schwingt für mich die buddhistische Lehre über die Leerheit hinein. Ich denke auch an das große Gelächter nach der Erkenntnis, aber … keine Erkenntnis ohne Erfahrung. Einmal mehr wurde mein Traum von einem Jahr im hohen Norden von Mitsommer zu Mitsommer genährt, wohlwissend, dass die Zivilisation auch in den hohen Norden Einzug gehalten hat.

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20 Gedanken zu „Eine Frau erlebt die Polarnacht

  1. sind wir erst menschen, wenn wir uns widerhallen in anderen? wenn wir anregungen von aussen bekommen? wenn wir grenzen definieren können?
    was ist menschsein wirklich?

    diese letzten sätze gehen mir direkt unter die haut, auch die anderen zitate sind … ja, was sind sie eigentlich? – ach, sie rühren etwas in mir an. vielleicht meine ur-erinnerungen?

    danke fürs vorstellen und zitieren. so, und nun geh ich in den wald.

    herzlich, d.

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    • @ Soso,

      „… in der totalen Einsamkeit, wo die Anregungen und der Widerhall durch den Mitmenschen fehlt…? “
      Diese Erfahrung berührt mich, nicht nur bei Frau C. Ritter und Frau M. Haushofer („Die Wand“). Welche Wertigkeit bekomme ich, mein tägliches Wirken ohne den Widerhall in den Anderen?

      @ Frau Blau,
      danke für die feine Renzension und Überlegungen zu „Eine Frau erlebt die Polarnacht“. Es gehört seit Jahren zu den Lieblingsbüchern in meiner Eisbibliothek.

      Liebe Grüße aus Norfolk
      … hier erwarten wir Frost! 🙂
      Dina

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  2. Liebe Soso, D.,
    ja, auch in mir klingt noch vieles nach- maches kann ich in mein Leben hier direkt übersetzen, zu anderem fehlt mir die Erfahrung, aber ich ahne die Wahrheit dahinter-
    manches gleicht meinen Erfahrung in Norwegen (wo ich ja auch zweimal allein unterwegs war) und in die Erfahrung der vier Tage und Nächte in Lappland allein mit mir und dem Zelt, ohne Handy, ohne Bücher, nur mit Stiften und Tagebuch, auf meiner Visionssuche. Aber das sind die Erfahrungen der taghellen Nächte- mir fehlt die Erfahrung der nachtdunklen Tage.
    Stille und Alleinsein habe ich hier auf dem Berg gefunden, daher kommt das Ahnen!
    Wie schon geschrieben, ich sehne mich nach einer Erfahrung von einem ganzen Jahr im hohen Norden, nein, ich sehne mich nicht nur danach, ich wünsche es mir aus vollstem Herzen und hoffe, dass das Universum gerade eben mitliest 😉

    viel Freude im Wald, ich hüte heute das Hausfeuer und pflege das Alleinsein!

    herzlichst Ulli

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      • ein herzliches dankeschön für deine guten Wünsche und deine beiden Kommentare, liebe Dina- Frost am Meer ist ja auch sehr speziell, ich sah einmal die erstarrte Ostsee … was sag ich, ich sah sie zweimal – unvergesslich!

        dir noch eine herrliche Zeit in Norfolk
        liebe Grüße an dich und deine Lieben
        Ulli, die den leisen leichten Schneefall gerade sehr mag

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    • danke euch, ihr zwei Lieben, für dieses feine Wortspiel …
      Stille, ist im tibetischen Buddhismus, (dort shine genannt) nicht von ungefähr eine der Hauptpraxen, ich weiß sie mehr und mehr zu schätzen-
      euch ein schönes We
      herzlichst Ulli

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  3. Das klingt ziemlich interessant. Ich lese gerade das Buch ‚Wer Schatten küsst‘ von Marc Levy. Ich mag Marc Levy sehr gerne. Seine Art zu schreiben, berührt mich jedes Mal im Herzen und obwohl ich es heute erst gekauft habe, bin ich schon ziemlich weit….herzliche Grüße für dich…….♥ Luiserl ♥

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    • liebe Sabine/Mendi, mich freut es immer, wenn auch ich inspirierend sein kann, finde ich doch so viele Buchtipps hier in Bloghausen, dass ich eins weiß: ein Leben reicht für die Millionen Bücher nicht und so nehmen wir uns eben das, was uns wirklich interessiert.

      viel Lesefreude wünsche ich dir und bin gespannt ob es dir gefallen wird
      genieße das WE
      herzliche Grüße Ulli

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  4. Danke sehr für diesen schönen Artikel, liebe Frau Blau.
    Ein schönes Wochenende sei dir gewünscht
    von uns in Cley
    Siri Buchfee
    Die Archivarin der Rhu Sila Bibliothek

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    • sehr gern geschehen, liebe Siri, freut mich besonders, dass dir der Artikel gefällt, du weise Buchfee 😉

      herzliche Grüße an dich, Selma, Dina und Klausbernd, habt ein feines Wochenende, ich komme gerade von einem ausgiebigen Schneespaziergang über die Höhen und durch die Wälder mit dem Liebsten zurück, lächel noch ganz selig- SO lasse ich mir Winter gefallen!

      Ulli

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  5. Liebe Ulli,
    vielen Dank, dass du diesen Klassiker der arktischen Literatur vorgestellt hast. Ich sagte es bereits, es ist ein wirklich lesenswertes Buch und unerlässlich für jeden Spitzbergen-Freund. Witziger und moderner beschreibt ebenso realistisch Jörn Riel das Leben in der Arktis – allerdings auf Grönland.
    Es haben übrigens öfters Frauen als Jägerinnen auf Spitzbergen gelebt. Zuletzt eine Deutsche, deren Namen ich vergessen habe. Ihr ist sogar ein Schaukasten im Arctic Museum in Longyearbyen gewidmet. Es mag vielleicht nicht allgemein bekannt sein, aber es gab einige weibliche Explorer wie die berühmte Alexandra David-Neel.
    Ganz liebe Grüße vom Kamin
    von Dina und mir
    Klausbernd

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    • oh … Frau Neel war auch auf Spitzbergen, ich kenne nur ihr Tibetabenteuer … hat sie auch darüber geschrieben, das würde ich mir sofort besorgen …

      genießt Kamin und Zusammensein ihr Lieben
      herzliche Grüße Ulli

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  6. Liebe Ulli,

    „Sicherlich wird man aber niemals in der Arktis etwas anderes erleben als das, was man selbst in sie hineingetragen hat.“ Dieser Satz irritiert mich. Wir kommen mit dem kulturellen Gedächtnis, den menschlichen Interaktionen und dem ganzen symbolischen Gehalt der zivilisatorischen Welt und treffen auf etwas, was uns diese Dinge abspenstig macht. Einmal, weil sie uns in der Urwüchsigkeit der Natur nichts nutzen und zum anderen, weil sie in der Einsamkeit auf keinen Resonanzboden fallen können. Um dort überleben zu können, bleibt nichts anderes, als uns zu dem Menschen zu machen, wie er vermutlich im Pleistozän aufgetreten ist. Das könnte ich mir unter der „letzter“ Erfahrung vorstellen, die ich dort erlebe, hat aber nichts mehr damit zu tun, was ich einmal mitgebracht habe oder „hineingetragen“ habe.

    Liebe Grüße an dich aus Freiburg

    Achim

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    • lieber Achim,

      tatsächlich habe ich auch schon mehrmals versucht diesen Satz zu ergründen. Vielleicht muss man dazu das zuvor Erlebte und Beschriebene miteinbeziehen. Sicherlich ist Frau Ritter aufs Wesentliche zurückgeworfen worden, ob dies allerdings mit den Pleistozänmenschen identisch war? Immerhin war sie ja vorher in der Zivilisation sozialisiert.
      Wir kommen – egal wohin – immer mit dem, was wir an Erfahrungen, Erkenntnissen, Prägungen gesammelt haben irgendwo an, dementsprechend reagiert jede und jeder auf das Neu. In der Arktis heißt das Neu wochenlange Lichtlosigkeit, heißt nichts und niemand, Leere (so wie es Frau Ritter erlebt hat) und natürlich die Herausforderung des Überlebens, dem Umgang mit Schneestürmen, eisiger Kälte und … und so wurde die Arktis ein Spiegel, wie ich es selbst in den vier Tagen und vier Nächten allein mit einem Zelt in Lappland erlebt habe. Die Seele der Landschaft korrespondiert mit der Seele des Menschens. Es bestimmt sich das Erleben aus dem, was ist, plus dem, was man mitbringt.

      Ja, so verstehe ich diesen Satz und hoffe jetzt nur, dass es für dich kein Kauderwelsch ist.

      Danke für deine Irritation, die mich dazu gebracht, diesem Satz noch einmal nachzugehen.
      herzliche Grüße zur guten Nacht
      Ulli vom jungfräulich verschneiten Berg 🙂

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