durch die Maschen gefallen

443 15.12.12 durch die Maschen gefallen

Am Mittwochabend hörte ich eine späte Radiosendung über die heute noch lebenden Mayas in Guatemala (ich empfand es als eine Vertiefung zu Martins Haeuslers und Roswithas Berichten und Bildern aus dem Land). Am Donnerstagabend sah ich eine späte Sendung auf Arte zu der Situation der indischen Kleinbauern und gestern fand ich in meinem Kommentar einen Hinweis von Sherry auf Kältebusse (https://fbcdn-sphotos-d-a.akamaihd.net/hphotos-ak-prn1/67658_463459323701044_1137889118_n.jpg) …

Es fallen die Menschen durch die Maschen der Weltwirtschaft, der Weltkonzerne. Was sich mit einem Welt im Wort vorne schmückt ist nicht eine Welt, ist eine geteilte Welt.

Guatemala, bis heute hört niemand auf die Bedürfnisse der Mayas, halten weder Regierung, noch Weltkonzerne Rechnung mit ihnen. Was bleibt ist das Engagement der Mayas selbst, für sich und ihre Art zu leben. Wer hört es?

Indien, seit 1997 haben sich 35.000 Kleinbauern das Leben genommen. Sie sahen keinen Ausweg aus immer höher werdenden Schulden und einer Handelspolitik, die keine Rechnung mit ihnen hält. Wer sieht es, wer hört ihre Hilferufe? Ein sehr engagierter indischer Journalist erzählte am Ende der Sendung eine Geschichte von Nero, aufgeschrieben von  Tacitus (Schriftsteller, Historiker und späterer Kaiser)- Nero plante eine große Party (warum auch immer noch), aber es gab ein Problem mit der nächtlichen Beleuchtung in seinen Gärten. Nero wusste sich zu helfen, er holte die Gefangenen aus dem Gefängnis, sie wurden angezündet, waren lebende Fackeln, den Gästen zur Erhellung. Wer waren die Gäste Neros, fragt der Journalist … wer stand auf, wer protestierte? Und sind wir nicht oft, wie die Gäste Neros? Wer steht heute auf, wer protestiert, wer zeigt seinen Unmut über die Ungerechtigkeit dieser Welt? Und selbst wenn der eine und die andere aufsteht, wer hört es? Was ändert sich?

Die Mayas glauben nicht an einen Weltuntergang zur Wintersonnenwende, sie glauben an große Veränderungen (ob zum Guten oder Schlechten bleibt ungewiss), die aber nicht an dieses Datum gebunden sind.

Große Veränderungen sind vonnöten, in Anbetracht von immer mehr Menschen, die durch die Maschen fallen. Nicht wegschauen, nicht weghören, nicht schweigen … ist ein Weg solidarisch mit ihnen zu sein, es müssen nicht immer die ganz großen Taten sein, manchmal reicht es schon die Nummer der Kältebusse zu wählen, um einen Menschen vor dem Erfrierungstod zu retten https://fbcdn-sphotos-d-a.akamaihd.net/hphotos-ak-prn1/67658_463459323701044_1137889118_n.jpg

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8 Gedanken zu „durch die Maschen gefallen

  1. Liebe Frau Blau,
    da hast Du ja was zu unserem derzeitigen Thema geschrieben. Habe die Radiosendung nicht gehört, zur Situation der Kleinbauern will ich aber auch noch was schreiben. Unsere Tochter ist ja seit Jahren da in der Entwicklungshilfe tätig und sozusagen hautnah dran, wir haben auch einiges gesehen. Tatsächlich sind die Probleme vor Ort ungeheuer schwierig, die Rollen zwischen Gut und Böse längst nicht so klar verteilt, wie es oft hier dargestellt wird. Ich wüsste nicht, wie man die Probleme der Maya-Bevölkerung lösen könnte. Hier in Europa schwingt oft beim Stichwort Maya so eine seltsame Indianer-Romantik mit, der Mythos der „edlen Wilden“ – dann auf der anderen Seite das böse Agrobusiness, …… , da spielen viele Projektionen eine Rolle …. Ich sage immer: Ich bin froh, dass ich nicht König von Guatemala bin.

    Zu der Geschichte mit den indischen Kleinbauern, die immer wieder wiederholt wird (da schreibt wie so oft ein Journalist vom anderen ab), gibt es auch eine Gegenposition. Sehr gründlich dargestellt etwa in diesem Artikel:

    http://www.agbioforum.org/v12n1/v12n1a02-herring.htm
    oder hier:
    http://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/00220388.2010.492863
    oder hier:
    http://www.nature.com/nbt/journal/v27/n1/full/nbt0109-9.html

    Wer da Recht hat, weiß ich natürlich auch nicht.
    Schönes Wochenende! Martin

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    • lieber Martin, nein so war die Sendung nicht (SWR2 – übrigens, kann man dort nachhören, wenn man will), keine Indianerromantik weit und breit.
      Es ist immer wieder fraglich wer denn Recht hat, was wahr ist, aber wenn sich 35.000 Menschen das Leben nehmen, dann muss wohl etwas faul im Staate sein. Es ist kein Geheimnis, dass Montsana eine Art Saatgutmafia ist, das dieser Konzern (u.a.) für Verarmung sorgt. Es gibt ja auch die indischen Bauern, die dieses Saatgut nicht mehr kaufen, die zurück zu ihrer Form gefunden haben (allerdings auch nur mit massiver Unterstützung anderer) und nun ihr Saatgut wieder selbst produzieren und somit der Schuldenschlaufe entkommen konnten. Das Saatgut ist das eine, der Preis für Reis etc. das andere. Es kann doch nicht sein, dass Lebensmittelpreise auf der Börse verhandelt werden (finde ich).

      Und auch klar, dass dieser Artikel nur ein kleiner Ausschnitt ist. Bei mir reicht gerade Zeit nicht für wirklich Ausführliches …

      Deine Links, herzlichen Dank dafür, lese ich mir in Ruhe durch, jetzt muss ich mich sputen, der Kochlöffel ruft … liebe Grüße Ulli

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  2. das ist ja wirklich eine spannende synchronizität zum auftakt meiner zwerge-serie bei pixartix: nicht hinschauen wollen. puh. wem sagst du das. das ist grad auch so ein großes thema in mir drin.

    danke fürs dranbleiben und alles gute beim kochlöffeltanz
    soso

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    • liebe Soso, das wars auch schon wieder mit dem Tanz mit dem Kochlöffel, zwei intensive Tage, dann erst wieder Donnerstag bis Sonntag und dann bis Ende Januar wieder frei … etwas seltsam ist das ja alles schon, aber ich versuche mir keine Sorgen zu machen …
      ich freue mich auf deine Fortsetzung mit den Zwergen …

      habs gut und liebe Grüße Ulli

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  3. Danke, Ulli … Ich bin sprachlos, in mir hat sich der Kloß gelöst. Die Geschichten, die du hier erzählt hast, natürlich habe ich sie in vielen Formen immer wieder gehört, aber ich bin jedesmal von neuem schockiert, fassungslos, weiß nicht, was ich tun oder sagen soll.

    Ich habe schon immer gesagt, dass wir mitschuldig sind und ich habe immer ein Nein dazu gehört, selten ein Ja. Ich wurde sehr oft ungläubig angeschaut, es wurde mit dem Kopf geschüttelt und man hat mir gesagt, niemand hier müsse sich auch nur im Geringsten ein wenig dafür mitverantwortlich fühlen. Ich habe noch nicht einmal von Schuld gesprochen, sondern gesagt, dass wir zu diesen Mustern gehören, unter denen diese Menschen durchfallen. Und ich glaube, da reicht passiver Widerstand nicht, wir kommen hier nicht ganz raus, ohne unser Leben radikal zu ändern.

    Letztens habe ich eine Sendung gesehen, in der das Leben von drei Teenagern verglichen wurde. Einer war aus Uganda, einer war aus den Staaten, einer aus der Kaste „der Unberührbaren“ in Indien. Diese Leben miteinander zu vergleichen, war heftig und beschämend. Aber es gab auch Sachen, die ich bei dem 17 Jährigen aus Uganda schöner war. Und was mich so unglaublich berührte war, dass die Inder immer noch so ein Gemüt haben und lachen, auch der Junge aus Uganda. Sie konnten viel besser Freude empfinden als wir, weil sie sich nicht ständig mit „höher, besser, schneller“ verglichen, sondern gemeinsam alle so voneinander abhängig waren und nur hoftten, erst einmal aus den Slums rauszukommen.

    Ich bin immer noch fassungslos darüber, dass wir heute mehr Geld für Diäten zur Verfügung haben als sie für’s Essen.

    Danke für deinen Beitrag. Und das Bild prägt sich durch seine Einfachheit ein. Es schmerzt.

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    • liebe Sherry,
      die Fassungslosigkeit teilen wir, auch die Wut und die Traurigkeit darüber, dass diese Welt so ungerecht ist. Nein, sie war, soweit ich es weiß, nie wirklich gerecht, aber das, was heute, hier und jetzt tobt, das kann ich nur noch perfide nennen. Sehr bewusst habe ich einige Beispiele gelassen und frage mich gerade wieso eigentlich? Wieso schreibe ich nicht ALLES? Zum Beispiel, dass die europäische Kuh mit über 2$ pro Tag subventioniert wird und sich somit viele indische Kleinbauern wünschen als europäische Kuh wiedergeboren zu werden …
      Was können wir tun? Wir können benennen, wir können solidarisch sein, unser Konsum- und Essverhalten ändern, wir können und sollen nicht müde werden für eine gerechtere Welt zu kämpfen. Und unsere Blogs können ein winziger Beitrag dazu sein, bei allem Schöngeist, den wir auch noch pflegen.
      Es freut mich sehr, dass du das Bild so siehst, wie ich es gemeint habe, der Fall ins Bodenlose schmerzt.
      Die Freude, die viele Menschen in ihrem Leben empfinden, obwohl sie hungern, frieren und … gibt mir immer wieder zu denken. Hier gehen Menschen in ein Lachseminar .. jahaa, soweit sind wir EuropäerInnen, zum heulen!

      herzliche Grüße Ulli

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  4. Liebe Frau Blau,
    ich kenne mich nicht in Guatemala und Nnicht in Indien aus, aber in Berlin. Zu meinem Bekanntenkreis gehören, dank intensiver Nutzung öffentlicher Transportmittel einige „Obdachlose“. Ich frage sie, wie Sie die kalten Nächte überstehen, in der Bahnhofsmission, in Übernachtungsheimen und die Antwort lautet unisono: Nein. Dort werde man beklaut und nur die finstersten Subjekte trieben sich dort rum. Fasziniert bin ich von deren Improvisationstalent und der Suche nach geeigneten Plätzen. Dabei ist mir aufgefallen, das einige meiner Bekannten ihr Schicksal selbst gewählt haben. Also nicht der Bodensatz des Kaptitalismus sondern Menschen die eine kosequente Verweigerungshaltung an den Tag legen, was meinen Respekt zollt. Nun ist das natürlich nicht eine Verallgemeinerung und soll auch nicht als Entschuldigung für die Ungerechtigkeit dieser Welt dienen. Ich möchte nur zeigen das es Menschen gibt die lieber auf der Strasse leben, als in dem System „mitzuspielen“. Liebe Grüße aus der warmen Stube
    Georg

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