Blaue Stunde – 1. Teil

nun endlich ist er da, der neue Rooter und ich bin somit auch wieder online… es hat sich das eine und andere Geschriebene hier angesammelt. Hier der 1. Teil…

Frau Blaus blaue Stunden

Ein Leben ohne worldwideweb. Noch vor einer Woche fühlte sich Frau Blau abgeschnitten. Abgeschnitten von der Welt. Doch dann kam Ruhe über sie. Zeit wuchs in der Zeitloswüste. Räume gleich mit dazu. Das Drängen erstarb schon nach drei Tagen. Sicherlich… sie verbringt kaum noch Zeit in ihrem Cafè, kaum ein Gast schaut vorbei. Nur manche treue Seelen hier und da, um nach Neuigkeiten zu schauen. Frau Blau sieht sie hinter den vorgezogenen Gardinen. Schnell drehen sie um, wenden sich anderem zu. „Vorübergehend geschlossen“ steht noch immer an der Tür. Ein Achselzucken hier und da. Manchmal auch ein „Schade“. Vielleicht. Die Gassen von Bloghausen, wegen der Baustelle vor ihrem Haus, versperrt. Die weiten Plätze und sprudelnden Quellen auch. All das darf sie vermissen.

Aber vermisst sie nicht immer irgend etwas? Jetzt ist es Bloghausen und der schnelle Kontakt mit ihr und ihm. Sonst sind es die blauen Stunden, allein mit ihren Gedanken und Gefühlen. Wenn sie es nicht wertet, dann hat alles seine Zeit und alles ist dann Willkommen, wenn es erscheint.

Es ist Ferienzeit im Cafè Weltenall. Doch das Leben lebt sich fort und ist ein reiches. So und so. Zeit zu sinnieren. Jetzt…

Noch hat die Sonne nicht Mittsommer erreicht, noch zwei Wochen… ungefähr. Der schwülwarme Tag hat sich in ein Gewitter verwandelt. Donner und Blitz zogen weiter, aber Regen und Sturm haben sie im Hochtal vergessen. Frau Blau sitzt bei Kerzenschein und liest. Die Dina-Trilogie trägt sie in andere Zeiten, in selten besuchtes Land. Führt sie zur Fragestunde bei Kerzenschein:
Wie ist es, wenn eine Sie, als Er schreibt? Hat sie dann gelernt den Jungen, den Jüngling, den Mann zu lesen? Hat sie seine Unbeholfenheit zu sich genommen? Seine Angst gerochen und hält diese nun im Arm? Ist sie Heldin, wie er Held, geworden? Ist ihre Lust wirklich eine andere als seine? Ist das, was wir Unterschied nennen in Wahrheit Gemeinsamkeit? Riecht denn „ihre“ Angst wirklich anders als die „seine“? Was haben sie uns glauben gemacht? In welchem Interesse? Wem sollten denn all die Unterschiedlichkeiten dienen? Wen nähren? Sind wir nicht halb verhungert und verdurstet auf der Strecke zueinander hin? Wohl dem und der, die sich nicht beeindrucken ließ! Nicht von der Frau als Hure, nicht von dem Mann als einzig wahren Helden.
Anima und Animus in einer Brust. Die Unterschiede lange nicht so frappierend, wie man es uns glauben machen will! Im besten Fall nimmt die Frau ihren Animus zu sich, nachdem sie sich mit ihm bekannt gemacht hat. Der Mann seine Anima. Um ganz zu werden führt kein Weg daran vorbei. Sie sind wie Schatten, die überall hin folgen. Ein männlicher, ein weiblicher Zwilling, je nachdem. Ihn oder sie zu bejahen ist einer der Funken, eine der Flammen, ist eine Gabe, ein Wissen im Strom des Nichtwissens. Ist ein Licht, im dunklen Tal der Unwissenheit.

Die blaue Stunde ist verronnen. Zweimal schon. Frau Blau sitzt bei spärlicher Beleuchtung auf einer roten Couch.
„Wir sind die Summe von Vielem und Vielen…“, spricht sie in das Dunkel vor dem Fenster hinein. Regen tropft, rinnt und rauscht. Drinnen ist es fast wie draußen. Stille. Nacht.
Kein Mond. Keine Sterne. Kein Wind. Niemand fährt Auto. Kein Flugzeug fliegt. Kein Tier unterwegs. Da schlägt die Kirchturmuhr einmal. Viertel nach…
Frau Blau ändert die Blickrichtung. Sieht direkt in das Gesicht der Freundin:
„Da kannst du lange suchen. Das Ich hat keinen Wohnort und kein Haus.“ Sie lächelt. Die Freundin schaut fragend. Sieht den Schalk blitzen.
„Blödsinn, dann wärest du Nichts.“
„Weit gefehlt Liebes, dann bin ich alles…“
Ruhig wie die Nacht treffen sich blaue und grüne Augen. Verweilen beieinander. Vertrautheit. Und dann beginnen sie zu lachen. Sie lachen und lachen. Die Kirchturmuhr schlägt die halbe Stunde.

Spät ist es geworden. Später als geplant. Frau Blau fährt durch die Nacht. So gnädig die Altersweitsichtigkeit auch am Morgen ihre Falten im Spiegel verbirgt, so anstrengend ist es jetzt mit ihr durch das Dunkel zu fahren. Scheibenwischer quietschen. Deutschlandfahnen wehen. Hinter der Grenze heißt die Bundesrepublik Deutschland Willkommen. Gegenüber der Ampel lädt ein riesiges Plakat zum Ochsen am Spieß ein. Sommer in Deutschland. Fußball Europa Meisterschaft des Jahres 2012. Die Periode der Nationalstolze ist wieder angebrochen. Nicht nur Deutschlandfahnen wehen von Balkons und Autos. Andere haben auch ihren Stolz. Ihren nationalen…
Einen gibt es in diesem Land, der nicht in ein Auto steigt, wenn die Deutschland-Fahne an den Seiten wehen. Immer noch sieht er Herrenmenschen und riecht das Gas. Nein, nicht alle sind so. Nur zu viele. Immer noch! Das Erbe lässt sich nicht ablehnen. Wieso auch?

Gerade hat sie der Freundin adieu gesagt. Bis zum nächsten Mal. Viel haben sie sinniert. Gegen die Schwere des Lebens. Für die Freude. Viele Gedanken rollen im Takt der Räder mit ihr durch die Nacht. Noch immer rühren sie die Tränen der Freundin. Ihr Ringen um den Sinn des Lebens. Wie schon so oft zitierte Frau Blau den einst gelesenen Satz von Joseph Campbell, der ihr Wahrheit geworden ist:
„Die Leute sagen, dass wir alle nach dem Sinn des Lebens suchen. Ich glaube nicht, dass es das ist, was wir wirklich suchen. Ich glaube, was wir suchen, ist eine Erfahrung des Lebendigseins, sodass unsere Lebenserfahrungen auf der rein physischen Ebene in unserem Innersten nachschwingen und wir die Lust, lebendig zu sein, tatsächlich empfinden.“
„Wann fühle ich mich lebendig?“ Moment über Moment ziehen an ihr vorbei. Wie reich sie doch ist! Die Freude kommt über sie, die Augen auf die Straße gerichtet, den Händen und Füßen vertrauend, dass sie wissen, was zu tun ist, spürt sie das ganze pralle Leben. Das Abenteuer Leben… die drei Worte waren es einmal gewesen, die sie leichter gemacht hatten. Endlich durfte sie erobern. Durfte neugierig sein. Und darf es noch.
Einst hatte sie alles verloren. Die Freude am Leben, das Leben selbst. Das waren dunkle Jahre gewesen. Das Leben schlug ihr mit allen Grausamkeiten ins Gesicht, auf den Magen, in den Unterleib. Mord und Totschlag, Intrigen, Lügen, Hass und blinde Zerstörungswut. Wieso sollte sie gut sein, wenn die Welt schlecht war? Aber he… die Welt ist nicht schlecht. Nur die Menschen sind es! Nein, nicht alle. Nur zu viele. Immer noch. Und sie selbst… ist sie jetzt nur gut? War sie je nur gut gewesen? Wer ist das schon! Sie musste sich viel vergeben, bevor sie gelernt hat den anderen zu vergeben. Manches bleibt schlecht, weil es einfach so ist! Anderes ist gut, weil es einfach so ist. Für sie… Frau Blau.
Die Gedanken sind es, die Wegweiser durch das Dunkle sind, die Seele und das Herz folgen. Oder ist es umgekehrt? Ist es nicht doch die Seele, die die Spur legt, den Wagen lenkt…?

Es braucht. Ja. Es braucht, bis die Muster durchbrochen werden. Es braucht bis sich die Blickrichtung ändert. Es braucht die Erfahrung von Lebendigsein und –fühlen. Ekstase heißt Verbundenheit. Heißt Sein mit allen Sinnen bei klarem Verstand. Frau Blau lacht und lässt die Erinnerungen ziehen. Die Kilometer rollen unter den Rädern dahin. Zuhause kommt näher. Da springt eine Füchsin auf die Straße. Seltsam unentschlossen rennt sie vor und dann wieder zurück.
„Füchschen, so pass doch auf dich auf!“ Die Bremsen tun das ihre.
„Gut gemacht!“ Erleichterung verhindert das Kniezittern. Noch näher an ihrem Zuhause, auf dem letzten Kamm angekommen, springt ein Hase, die Füchsin imitierend, seltsam unentschlossen vor und zurück, hockt sich neben die Straße und lässt seine Ohren spielen. Da lacht Frau Blau.
„Wahrlich… wir leben dort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Hier wohnt kein Falsch. Nicht jetzt.“

Das Jetzt… das einzige was zählt. Die Vergangenheit ist vorbei und die Zukunft noch nicht da. Jetzt ist alles gut. Nur manchmal spürt sie eine Angst. Eine neue ist es. Es ist das Wissen, dass das Leben immer noch etwas bereit hält mit dem Niemand rechnet. Wie gerade die Füchsin und der Hase gleich danach. Glück gehabt… bis hierhin ging alles gut. Manchmal nutzt alles aufpassen nichts, dann gibt es keine Bremsen, kein schnelles zurück. Es gibt keine Sicherheit. Nicht im Leben und vor dem Tod schon gar nicht. Leben und Tod… das andere Zwillingspaar, dass die Menschen mit ihrem Mysterium wie Spielbälle hierhin und dorthin wirft. Das Unfassbare will nicht fassbar gemacht werden. Und das schon seit Jahrtausenden nicht. Manche ahnen etwas. Manche finden Wege durch diesen Dschungel. Andere verzweifeln, bleiben stecken. Es ist die Freundin der Freundin gewesen, die einen anderen klugen Kopf fragend zitierte:
„Ja, gibt es denn eine richtige Zeit zum sterben? Ist es nicht immer zu früh, zu spät, gerade jetzt?“ Die Leerheit weht Frau Blau an. Die Leerheit des Seins. Ohne Wehmut. Jetzt…
Leben nichts als Leben und sterben, wenn es soweit ist. Abschied nehmen, von denen, die unersetzlich werden.
„Man könnte sich daran gewöhnen, wenn danach nicht diese Leere wäre…“, hat sie in Frau Wassmos Dina-Trilogie gelesen.
Vor ihr das Band. Das eine Ende hält die Liebe, das andere die Angst. Dazwischen ihre unterschiedlichen Spielarten.

Wenn Frau Blau mit der Liebe tanzt, dann ist die Göttlichkeit nicht fern. Die Angst frisst die Seelen auf. Die Menschheit hier angekommen, scheint vollkommen aus dem Ruder zu laufen. Sie lachen über die Liebe und die Göttlichkeit. Eine Bequemlichkeit ist über sie gekommen. Eine Sattheit. Alle wollen alles und geben nichts. Nur wer gibt, um zu geben, wird reich und reicher. Der oder die aber nur nimmt und nur für sich, wird täglich ärmer. Nährt Hass, Gier und Neid. Ohne Liebe keine Göttlichkeit, kein Staunen, keine Demut, keine Dankbarkeit.
Es hat sich gezeigt, dass es nicht förderlich war Demut, Dankbarkeit, Respekt und Toleranz den Menschen unter Androhung von Strafe, Schuld, Hölle und Verdammnis einzubläuen. Es schürte nur den Trotz. Ohne Erfahrung bleiben alle Worte leere Hülsen.

Es ist eine Lüge, dass das Paradies im Jenseits sei. Es wohnt direkt vor der Haustüre. Vor deiner auch!
Es ist eine Lüge, dass das Leben ausschließlich Leiden sei und die Menschheit das Kreuz auf ewig zu (er-)tragen habe. Es braucht die Nahrung für die Freude und die überschäumende Lebenslust, das Miteinander und Füreinander, die Berührungen und manchmal auch die Beschämungen. Je nachdem…
Dass Andere anders sind, das lässt sich nicht leugnen. Nur muss es nicht zwingend lähmend sein. Nur anders.
Die Zeit geht voran und hat im Gepäck alles Vergangene. Trägt, was einst funktionierte genauso, wie das was zu Katastrophen führte. Wir dürfen daraus lernen! Immer noch sind wir reich. Immer noch dürfen wir uns bedienen. Uns an den Erfahrungen Vorangegangener laben. Immer noch verströmt sich das Leben, verschenkt es sich und hält satte Ernte bereit. Wir dürfen das Kreuz abwerfen, mit geradem Rücken, gesundem Geist und Kraft in den Händen das Ruder herumreißen. Für die Freude, die Liebe und das Glück…

Frau Blau ist daheim angekommen.

 

Advertisements

8 Gedanken zu „Blaue Stunde – 1. Teil

  1. liebe ulli
    was für ein schöner, dichter, weiser, weiblicher, berührender, warmherziger text. besonders angesprungen ist mir die sequenz hier:
    „Nur manchmal spürt sie eine Angst. Eine neue ist es. Es ist das Wissen, dass das Leben immer noch etwas bereit hält mit dem Niemand rechnet.“
    ich frag mich manchmal, was ich diesen ängsten als gegenmittel einflössen könnte. bei dem satz hier wäre eine „um-schreibung“ ein weg in mehr mut:
    „Manchmal spürt sie eine Vorfreude. (…) Es ist das Wissen, dass das Leben immer noch etwas bereit hält mit dem niemand rechnet.“
    was ich sagen will: ich übe, umzudrehen. nicht einfach, aber eine möglichkeit, den ängsten den gewaltfreien kampf anzusagen.
    danke für die inspiration.
    herzlich soso

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s