von Mutmachern und Hutmacherinnen

Einer wird siebzig. Viele Kommen. Hier versammeln sich für einen Nachmittag, Abend, eine Nacht und den darauf folgenden Morgen Generation „AltachtundsechzigerInnen“. Bilden die Vielzahl. Andere, wie ich, sind die 1970igerJahreTeens und wieder andere die Kinder von Beiden.
Bleibe ich bei denen, die während der 1940igerJahre geboren wurden. In eine Welt der Zerstörung und Bombenhagel hinein. In eine Welt von Hass und Holocaust.
Sie brachen das festgestampfte Gefüge von Sonntagsbratenkirchgangkuchenkaffeeklatsch und deren viel zu engen Kleider auf. Ihre Fragen ließen Risse in den Betonwänden der Elternköpfe wachsen. Führten zu Brüchen von Mutti-Vati-Kindern. Bei manchen bis heute nicht neu verfugt. Sie wurden laut gegen das Schweigen der „Alten“.
Sie fuhren voraus. Fahrrinnen entstanden. Wo noch keine gezogen waren, eroberten Nachfolgende neues Land. Die sogenannten Altachtundsechziger, für mich die SechzigerGeneration haben bewegt. Bewegen bis heute. Heiligenscheine gebühren ihnen nicht, würden ihnen auch nicht stehen, würden sie nicht wollen. Gehören zu den Utensilien, die abgelegt, verfremdet, gnadenlos in Frage gestellt wurden. Gnadenlose Fragestellungen schafften Übergänge zu no future-no mercy. Aber das kam dann später und soll auch dort für jetzt und hier bleiben.

Auf diesem Fest versammelten sich weniger die Unsinshirngebrannten. Sprich keine Uschi Obermaier, kein Rainer Langhans weit und breit. Gut so! Werner Pieper schon. Einer der illustren Gäste. Viele andere, ohne bekannte Namen und doch Bewegerinnen und Beweger. Frauen und Männer, die Mut säten die eigenen Wege zu betreten und zu gehen.
Frauen, die große Hüte machten, unter die wir, die Nachfolgenden, schon fast selbstverständlich hockten. Ohne dass wir alle unter einen gepasst oder es gewollt hätten.
Als ich in meinen Aufbruchzeiten Bob Dylan, Rolling Stones und Beatles zu gleichen Teilen hörte, Jack Kerouac las, der route 66 und tobaccoroad folgte, später die Frauen fern jeder Erbsünde entdeckte, durfte ich mich richtig in meiner rebellischen Haut fühlen. Endlich. Endlich irgendwo richtig sein. Wenn auch schon wieder anders. Meine Generation nenne ich zwischen Hippie und Punk. Den einen zu frech, zu laut, den anderen zu nett, dann immer noch…

Im Rückblick gesehen, nenne ich die Sechzigergeneration Mutmachgeneration.
Ohne diese Zeit nun allzu rosarot anstreichen zu wollen, hieß das Grundgefühl: Alles schien möglich. Nicht nur der Generation 1960iger. Auch wir tanzten zu dieser Melodie. Das straucheln kam später. Krisen wurden ersteinmal weggekifft.

Aber ja… keine Fünfziger-, Sechziger-, SiebzigerJahre ohne Sex, Drugs and Rock`n Roll.
Rock`n Roll war der Rhythmus meines Geburtsjahres, wenn auch Mutter mit dem sonntäglichen Ave Maria versuchte dagegen zu halten.
Sex wollte erobert werden, gegen die katholischen Miederhöschen und Einflüsterungen der Moralapostel.
Drugs waren (sind) verboten, aber darum umso begehrter, je fetter die Blödzeitungsüberschriften den Teufel an die Wand malten. Selbsterfahrung, Bewusstseinsänderungserweiterungen waren die Fahnen der Kähne auf denen wir dem Lebensstrom folgten. Mal mit, mal gegen die Strömung. Letzteres überwiegend. Scheitern, kentern, aufgeben, absaufen, untergehen, abdriften in spirituelle Höhen ohne Bodenhaftung, gehören, hier wie da, zur ehrlichen Betrachtung dieser und anderer Zeiten. Samen, die erst die uns Vorausgegangenen säten und später wir, brauchten und brauchen ihre Zeit. Die schnelle Erleuchtung mit Pensionsanspruch darf getrost in die Ablage der sinnlosen Wünsche verschwinden.
An neuen Welten zu bauen braucht Mut. Besonders einen langen. Braucht den gesunden Wexel von wir und ich mit mir allein. Braucht Humor und Tränen gleichermaßen.
Wenn die Altsechziger gestern auch an all die dachten, die eingeknickt, den Schwanz eingezogen haben oder nicht bis ins Heute hinein überlebten, so denke auch ich an die von uns, die es nicht anders konnten. Warum auch immer noch. Mut braucht stete Nahrung. Ich fand und finde sie in den Vorausgegangen. Nicht nur bei Generation 1960iger.
Manch Eine und Einer reichte mir ihre/seine Hand, die ich in bestimmten Lebensphasen so dringend brauchte und nehmen konnte. Gestern erlebte ich einmal mehr Begegnungen auf gleicher Augenhöhe. Kein Thron mehr weit und breit, auf den ich sie einst setzte. Kein Kleinfrauchen mehr in der Haltung. Längst gehöre auch ich zu den Säerinnen. Einzelne Blüten durfte ich schon bestaunen. Andere brauchen noch ihre Zeit.
Ohne Generation 1960iger/1970iger wäre kollektives arbeiten, wohnen und leben, grüne- Friedens- und AntiAtombewegung nicht denkbar. Die Alten mussten sich mitbewegen, wenn auch unwillig und hölzern und immer noch wissend, wie man zu viel Freiheit Zügel anlegt. Wohl der und dem, die sich nie zähmen ließen!

Unsere Kinder haben etwas woran es den meisten von uns fehlte: lebendige Alte, die das Abenteuer Leben bis heute voller EntdeckerInnenfreude annehmen. Lebensfreude, statt Resignation. Entwicklung bis zum letzten Atemzug. Wenn alles gut geht.

Neben mir liegt das Buch: Alles schien möglich – 60 Sechziger über die 60er Jahre und was aus ihnen wurde, herausgegeben von Werner Pieper. Schade, dass auch hier die Hutmacherinnen nur wenige sind. Aber immerhin, Luisa Francia und meine Freundin Margita Haberland sind dabei. Sechzig Sichtweisen auf bewegende Zeiten. Diese auf Sex, Drugs und Rock´n Roll reduzieren zu wollen wäre die Sprache der Kleingeistigkeit. Alles schien möglich ließ neues wachsen. In Kunst, Kultur und Politik. So abgedroschen es auch klingen mag, aber viele Menschen dieser Generation, die mir Freundin und Freund wurden, waren exakt die vor denen mich einst Mutter warnte. Hätte sie mich doch besser vor den KatholikInnen, den Altnazis und den ArschkriecherInnen gewarnt!
Danke, dass ich schon sehr früh spürte wohin es mich wirklich zog. Und auch für meine rebellische Grundnatur…
Und einen besonderen Dank für all die Hände, die sichtbaren und unsichtbaren, die sich mir reichten. Glück gehabt! Oder, bis hierhin ging in meinem Leben noch immer alles gut…

10 Gedanken zu „von Mutmachern und Hutmacherinnen

  1. Ach, das gefällt uns, liebe Li Ssi! Kommt uns fast so vor, als hätten wir an ähnlichen Treffen teilgenommen. Wie schön für Dich, für uns als Leser auch, dass Du Deine rebellische Grundnatur weiterhin in Ehren hälst, so soll es sein!
    Dir eine gute Walpurgisnacht, herzliche Grüße
    dm und mb

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  2. Pingback: Q = Querdenken |

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